Das Haus des Kapitäns

Vor 400 Jahren kam ein Kapitän nach Griesheim, und das, obwohl es im Stadtgebiet ja keinerlei Häfen oder nennenswerte Gewässer gibt. Tatsächlich trug er kurioserweise nicht unwesentlich dazu bei, das wenige sichtbare Oberflächenwasser im Ort noch weiter zu reduzieren. Ein ungewöhnliches Haus erinnerte noch lange Zeit an diesen wasserlosen Kapitän.

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Der ehemalige Lauf des Neckars bei Griesheim

Der Grund, warum der Landgraf im Jahr 1612 den Kapitän Hans Diehl Dreßler nach Griesheim schickte, lag in den Besonderheiten der dortigen Landschaft. Entlang der Westgrenze der Gemarkung war in Urzeiten der Neckar geflossen. Nachdem dieser sich von Heidelberg aus einen kürzeren Weg zum Rhein suchte und seither in Mannheim in den Rhein mündet, wurde das alte Neckarbett noch vom Wasser der kleinen Flüsse und Bachläufe gespeist, die entlang der Bergstraße aus dem Odenwald treten. Schon die Römer und später die Mönche des Klosters in Lorsch begannen aber, diese Gewässer ebenfalls direkt in den Rhein zu leiten. Vermutlich geschah dies, um den ehemaligen Neckarlauf und seine Randgebiete trockener zu legen und damit Ackerland zu gewinnen. Ein weiterer Grund war aber, dass insbesondere die wasserreiche Weschnitz, die seither direkt von Weinheim über Lorsch nach Biblis fließt, als Transportweg genutzt werden konnte.

Zwischen Lorsch und Groß-Gerau fiel das alte Neckarbett damit immer trockener. Nur noch ein schmales Rinnsal suchte sich in seiner Mitte einen Weg. Der Rest des Bettes und die beidseitigen Überflutungsflächen verlandeten immer mehr. Da das Grundwasser aber immer noch hoch anstand, entstand ein sumpfiges Band, das im Luftbild gut zu sehen ist und durch seine mäandrierende Form an einen Flusslauf erinnert. Die Ablagerungen und die stetige Feuchtigkeit ließen hier Torf entstehen.

Mit dem starken Anwachsen der Bevölkerung Ende des 16. Jahrhunderts und der gleichzeitigen wirtschaftlichen Entwicklung entstand eine große Nachfrage nach Brennstoffen. Die Wälder konnten die Nachfrage nicht mehr sicher stillen, nicht einmal das Bauholz stand dort noch ausreichend zur Verfügung, sodass sogar in Griesheim das Holz aus den Vogesen oder dem Schwarzwald importiert werden musste, wie Rechnungen vom Bau des Pfarrhauses zeigen.

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Der Ort Großefehn in Ostfriesland. Entlang des Kanals reihen sich die Häuser der Siedler.

Also mussten ergänzende Lösungen gefunden werden. Man fand diese bei einem Blick in die Niederlande. Dort wurden schon länger die Moore trockengelegt und der nun erreichbare Torf abgebaut. Während heute der Torf vor allem als Blumenerde Verwendung findet, war man damals an den Eigenschaften als Brennstoff interessiert. Der Abbau des Rohstoffes wurde dabei immer weiter perfektioniert und ganze Landschaften für immer verändert. Gut zu sehen ist das heute noch im südlichen Teil von Ostfriesland. Um des Bedarf der damals reichen und prosperierenden Stadt Emden zu decken, baute man von dort aus ein weitverzweigtes Kanalnetz, das die Moore entwässerte. Dort legte man sogenannte Fehnsiedlungen an, deren Siedler den Torf abbauten und über die Kanäle in die Stadt transportierten.

In wesentlich kleinerem Maßstab sollte der Kapitän Hans Diehl Dreßler Ähnliches in Griesheim versuchen. Im Südwesten der Gemarkung wurde unter seiner Anleitung eine Torfstecherei angelegt. Wahrscheinlich nutzte man dort den Landgraben, um das abgebaute Material abzutransportieren. Insgesamt blieb jedoch der Torfabbau dort lange Zeit unrentabel und wurde wohl im 30jährigen Krieg (1618-1648) eingestellt.

Der Kapitän selbst jedoch scheint wirtschaftlich recht erfolgreich gewesen zu sein. Irgendwann in den Jahren zwischen 1612 und 1620 baute er für sich und seine Familie in der Pfungstädter Straße 13 ein Wohnhaus. Es wurde im Gegensatz zu allen anderen Griesheimer (Fachwerk-)Häusern aus Stein errichtet. Zu dieser Zeit waren wahrscheinlich nur die Kirche, das Erdgeschoss des Pfarrhauses und das Rathaus ebenfalls aus diesem damals ungewöhnlichen und teuren Baustoff errichtet.

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Das Haus des Kapitäns in der Pfungstädter Straße 13. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim

Wie das fast gleichzeitig erbaute alte Rathaus hatte auch das Haus des Kapitäns zwei im Renaissancestil verzierte Giebel vorzuweisen. Häuser in diesem Stil dienten in unserer Region damals eigentlich nur öffentlichen Funktionen (s. Artikel zum Thema hier) oder wurden von bedeutenden Familien meist in der Landeshauptstadt Darmstadt errichtet. Dass im Flecken Griesheim der Kapitän Diehl ebenfalls eine solche Architektur planen und errichten konnte, zeigt die Bedeutung dieser Persönlichkeit.

Lange wird er aber nicht in Griesheim gewohnt haben. Im Jahre 1620/21 wird er als Stadtkommandant Darmstadts erwähnt. Kurz zuvor hatte der 30jährige Krieg begonnen und der Landgraf betraute ihn mit einer neuen Aufgabe: Er baute das Leibgarde-Regiment auf.

Damit erklärt sich auch der Titel „Kapitän“. Während wir in der deutschen Sprache Kapitän eigentlich nur noch mit der Seefahrt verbinden, bezeichnete das Wort ursprünglich einen militärischen Rang. Es stammt ab vom lateinischen caput = Kopf. Später wurde der Begriff Kapitän im Militär durch den Hauptmann ersetzt, in anderen Sprachen existiert er mit der ursprünglichen Bedeutung noch heute.

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Karte der Südwestgemarkung Griesheims um 1850. Die Dämme und die sie begleitenden Gräben leiteten das Wasser nach Westen in den blau markierten Landgraben ab und entwässerten so das Gebiet.

Im 19. Jahrhundert wurde der Torfabbau in Griesheim wieder aufgenommen. Aus dieser Zeit stammen die Entwässerungsgräben in der Südwestgemarkung, die das Wasser dem Landgraben zuleiteten und die teilweise heute noch zu sehen sind.

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen dann aber andere Brennstoffe seinen Platz ein: Kohle und Öl. Wie bei deren Gewinnung war auch der Torfabbau mit großen Veränderungen der natürlichen Landschaft verbunden, um nicht zu sagen: mit großen Zerstörungen. Die früher nur schwer zu durchquerenden Sumpfgebiete in der Westgemarkung sind seitdem größtenteils verschwunden.

Ebenso verschwunden ist leider auch das Haus des Kapitäns. Es wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.


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Vom Torfabbau gezeichnet: Der Mönchbruch bei Mörfelden

Wer sich noch ein bißchen mit dem Torfabbau beschäftigen möchte, dem sei übrigens ein Ausflug zum Mönchbruch bei Mörfelden empfohlen, Infos dazu finden Sie hier auf meinem Blog.

Quellen:

Ein Gedanke zu „Das Haus des Kapitäns“

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