Das alte Rathaus von Griesheim

Vor etwa 400 Jahren ist das alte Rathaus von Griesheim erbaut worden. Lange Zeit prägte es die alte Ortsmitte mit seiner besonderen Architektur. Ergänzend zum letzten Artikel sollen hier in kompakter Form nochmal ein paar Informationen zum alten Rathaus und einige alte Bilder zusammengestellt werden.

Schon vor dem Bau des alten Rathauses existierte ein Vorgängerbau, über den leider ansonsten keine Informationen erhalten sind. Möglicherweise müssen wir uns ein Fachwerkgebäude vorstellen, dessen Größe, Lage und Architektur für immer unbekannt bleiben werden.

Nachdem der Vorgängerbau zerstört worden war, wurde nach 1621 dann das Renaissancerathaus in der nördlichen Oberndorfer Straße erbaut. Eine Tafel aus Sandstein mit einer Inschrift ist bis heute erhalten und hat folgenden Inhalt:

„ANNO DNI 1625 BAUT /DIE GEMEIN ALHIE DIS / RADHAUS BAUMEISTER / WARN PHILIPP PETER / SCHULTHEIS HANS HEL / GENANT FRITZ HANS / HANS RUEL  HANS NOLD / BURGEMEISTER CUNRAD / WEIS STOFEL HEL GERIC / HTS PERSON“

Der Standort des Rathauses befand sich unmittelbar südlich eines Gehöftes, an dessen Stelle möglicherweise einmal eine Burg gestanden hat, etwas sicherer war dort aber zeitweise der Hof der Ortsherren zu finden.

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Das alte Rathaus von Griesheim um 1930 von Nordwesten gesehen. Die Tafel mit der Bauinschrift war über der Eingangstür eingemauert, etwas oberhalb des Kopfes des Herrn am Bildrand. Man beachte den Storch auf der Giebelspitze. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim

Das Rathaus markierte den Übergang vom mittelalterlichen Griesheim um die Pfützenstraße zur südlichen Ortserweiterung um die Oberndorfer Straße und Pfungstädter Straße. Diese Ortserweiterung wurde wahrscheinlich Ende des 16. Jahrhunderts oder Anfang des 17. Jahrhunderts angelegt.

Die Zierformen des Griesheimer Rathauses erinnerten stark an ähnliche Bauten wie z.B. das Darmstädter Rathaus, das dortige Altschloss, die Häuser in der Darmstädter Magdalenenstraße oder das Rathaus im benachbarten Pfungstadt. Architekt und Baumetze müssen in engem Kontakt zum Baugeschehen in der hessischen Landeshauptstadt gestanden haben. Dies zeigen die in Darmstadt, Griesheim und Pfungstadt fast identisch ausgeführten Baudetails.

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Südansicht des Rathauses um 1900. Der Saal des Zöllerhannes war damals noch nicht erbaut. Gut zu sehen ist, wie sich das Gebäude einige Meter in den Straßenraum hineinschob. Die Fassade war zum Zeitpunkt der Fotografie schon recht heruntergekommen. Auf dem Schild über dem Tor stand: „Feuerwehrgeräte“. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim

Die aufwendige Architektur des Gebäudes läßt darauf schließen, dass die Bauherren damit eine bestimmte Aussage treffen wollten. Möglicherweise sollte auf den bescheidenen Reichtum hingewiesen werden, den die Gemeinde vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) aufgebaut hatte. Die Wahl des Baustiles, der damals der Stil der staatlichen Bauten in der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt war, könnte aber auch darauf hinweisen, dass die Landgräfliche Regierung in den Bau miteingebunden war. Vielleicht übernahm das Gebäude auch staatliche Funktionen wie beispielsweise die Kontrolle der wichtigen Landstraße von Mainz nach Heidelberg, die über Groß-Gerau, Griesheim und Zwingenberg führte, die Hauptstadt Darmstadt aber links liegen ließ.

Fast zeitgleich ist in der Pfungstädter Straße ein privates Wohnhaus einen Staatsbeamten errichtet worden (mehr Infos hier).

Das Rathaus war nicht in die Straßenflucht eingeordnet, sondern stand gegenüber den Nachbarhäusern leicht in den Straßenraum vor. Dies lag entweder daran, dass das rückwärtige Grundstück schon bebaut war oder (wahrscheinlicher): es sollte die besondere Bedeutung des Gebäudes hervorgehoben werden. Die historischen Rathäuser der benachbarten Orte Büttelborn und Berkach (siehe unten) haben eine nahezu identische städtebauliche Lage.

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Diese Südansicht des Rathauses wurde nach dem Bau des Saales des Zöllerhannes aufgenommen, etwa um 1920 (?). Der Saal ist damals noch nicht verputzt gewesen und zeigte eine Klinkerfassade. Das Rathaus war gegenüber dem Bild weiter oben saniert worden. Die Sandsteinelemente, die teilweise ausgebrochen waren, waren ergänzt und farblich neu angelegt worden. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim

Es gibt Hinweise darauf, dass dem Rathaus auf der Traufseite früher noch ein Treppenturm vorgelagert war, der dann wahrscheinlich ganz ähnlich zu dem Treppenturm des Pfungstädter Rathauses war. Wenn der Treppenturm in Griesheim je existiert hat, wurde er abgebrochen, bevor die ersten Fotos von Griesheim gemacht wurden. Es sind auch keine zeitgenössischen Zeichnungen des Turmes erhalten.

In der nördlichen Oberndorfer Straße, also südlich des Rathauses und nördlich bis zur Schulgasse befand sich der Griesheimer Markt. Dieser wurde noch weit bis ins letzte Jahrhundert auch als Kerweplatz genutzt.

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Plan der historischen Ortsmitte von Griesheim, wie sie sich bis zum Zweiten Weltkrieg darstellte. Rot eingetragen ist die Verteilung der Marktstände bei der Kerwefeier. Dieser Bereich war der historische Marktplatz von Griesheim.

Im 19. Jahrhundert wurde das alte Schulhaus Ecke Groß-Gerauer Straße und Wilhelm-Leuschner-Straße zum Sitz der Bürgermeisterei. Das nunmehr „alte“ Rathaus verblieb aber im Besitz der Gemeinde und wurde wohl Anfang der 1920er Jahre saniert. Unter anderem die Griesheimer Feuerwehr nutzte das Gebäude noch lange Zeit als Spritzenhaus.

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Dieses Foto zeigt wieder eine Ansicht des Rathauses von Norden. Im Hintergrund ist die Gaststätte Zöllerhannes mit dem Baum zu sehen, der dem Lokal des offiziellen Namen „Zum Grünen Laub“ einbrachte. Auch hier ist die Klinkerfassade des Gasthauses zu erahnen. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim

Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und in der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde die Ruine ersatzlos beseitigt. Die Gründe dafür waren vermutlich vielfältig: Auch wenn Nachkriegsbilder noch die stehenden Außenwände zeigen, wurden vermutlich durch den Brand der Innendecken, des Dachstuhles und der Möbel der Mörtel in den Steinfugen so stark beschädigt, dass die Ruine nicht mehr standsicher war. Die kunstgeschichtliche Bedeutung als Renaissancebau ist damals wahrscheinlich auch nicht erkannt worden, bzw. diesem Punkt wurde keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Schließlich ragte das Rathaus in die Oberndorfer Straße hinein und stellte ein „Verkehrshindernis“ dar.

Aus all diesen Gründen entschied sich die stark vom Krieg getroffene Gemeinde Griesheim nicht für einen Wiederaufbau. Am alten Standort ist stattdessen ein kleiner Parkplatz entstanden.

Wenn Sie in das untere Bild klicken, sehen Sie einen Vergleich der heutigen Situation ohne das Rathaus und einem Vergleich mit der Ansicht, wie das Rathaus heute aussehen könnte, wenn es denn noch stünde.

Nur ein kurzes Stück einer Bruchsteinwand mit einer Gedenktafel ist vom Rathaus übrig geblieben. In dieser Bruchsteinwand ist auch die oben zitierte Tafel mit den Bauinformationen von 1625 enthalten. Sie steht an der Nordseite des Parkplatzes.

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Gedenktafel

Mit dem Kauf des Grundstückes nördlich des Zöllerhannes und neben dem Standort des Rathauses ergibt sich die Möglichkeit, das alte Rathaus wieder aufzubauen und damit sinnvoll die funktionalen Mängel am Bürgerhaus Zöllerhannes zu beseitigen. Im letzten Artikel habe ich darüber geschrieben.

Im Griesheimer Museum ist ein Modell des Alten Rathauses zu erwerben. Es handelt sich um einen Modellbausatz aus Karton, den man selbst zusammenbasteln kann. Das Modell zeigt auch den oben angesprochenen seitlichen Treppenturm.

Modell des Griesheimer Rathauses
Bausatz des Alten Rathauses von Griesheim, erhältlich im Griesheimer Museum

Weitergehende Informationen:

  • Vorschläge zum Wiederaufbau des Rathauses, um so das Bürgerhaus Zöllerhannes zukunftsfähig zu machen finden Sie hier.
  • Eine Visualisierung der Nordseite des Rathauses im heutigen Stadtbild finden Sie hier (und ebenso die Südseite).
  • Eine Auflistung vergleichbarer Bauten in Südhessen finden Sie in hier.
  • Das oben angesprochene Rathaus von Büttelborn sehen Sie hier:
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Das Rathaus von Büttelborn. Gut zu sehen ist, wie sich das Rathaus in den Straßenraum hinein schiebt, also eine ganz ähnliche Situation wie es in Griesheim einmal vorhanden war.
  • Das alte Rathaus von Berkach sehen Sie hier:

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    Altes Rathaus von Berkach. Auch dieses Gebäude „schiebt“ sich in den Straßenraum hinein. Die Positionierung von Rathäusern in dieser Art scheint also nicht ungewöhlich gewesen zu sein.
  • In den letzten Jahren sind in Deutschland zahlreiche im Zweiten Weltkrieg zerstörte Gebäude wieder rekonstruiert worden. Ein Beispiel dafür ist das Rathaus von Wesel:
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Das rekonstruierte Rathaus von Wesel am Niederrhein

 

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