Tour de Griesheim #1: Verschwundene Burgen, Flüsse und Villen

Lust auf eine Radtour? STADT.LAND.SAND wird hierzu zukünftig ein paar Tipps geben. Die erste Route führt dabei an zwei (oder drei) Burgen, einem größeren Fluss, der ältesten Kirche von Südhessen und einer römischen Villa vorbei. Leider ist jedoch keine dieser Attraktionen mehr zu sehen… Dafür bietet die Strecke aber weite Sicht, einen See, allerlei behufte Tiere, sumpfige Erlenwälder und einen Flugplatz.

Tourendaten:

  • Streckenlänge: ca. 16 Kilometer
  • Höhenunterschiede: keine nennenswerten Steigungen
  • Start- und Zielpunkt: Jean-Bernard-Platz (Kreuz) in Griesheim
  • Wegetypen: größtenteils Feldwege, einige Nebenstraßen
  • Wegequalität: Alle Wege sind sehr gut befahrbar
  • Für Kinder geeignet: Ja

Streckenkarte:

Karte der Route 1. Die mit Buchstaben bezeichneten Stellen finden sich unten in der Wegbeschreibung wieder.

Routenbeschreibung:

Los geht diese Strecke am Jean-Bernard-Platz (Am Kreuz) in Griesheim. Über die kurze Kreuzgasse geht es in Richtung Westen an einigen verbliebenen Fachwerkhäusern vorbei bis zur Pfützenstraße, wo man links abbiegt. Schon an der nächsten Einmündung geht es rechts in die Pfarrgasse, wo das eindrucksvolle Pfarrhaus zu bewundern ist.

Das alte Griesheimer Pfarrhaus in der Pfarrgasse. Übrigens erhältlich als von mir gestalteter Bastelbogen im Griesheimer Museum.

Am Tor zum alten Kirchhof der Lutherkirche geht es wieder links herum bis zur B26 (Schulgasse) der man bis zur großen Ampelkreuzung am Griesheimer Westrand auf dem schmalen Radweg folgt. Die Kreuzung (A) muss diagonal überquert werden, dank der konsequenten Ignoranz der deutschen Verkehrsplanung gegenüber dem Radverkehr bedeutet das hier: viermal Knöpfchen drücken, viermal warten. Erst dann kann es weiter gehen auf dem Pferchweg in Richtung Süden. Da man aber Griesheim nun hinter sich hat und keinerlei Steigungen zu verzeichnen sind, kommt man ganz gut voran.

Entwässerungsgraben am Pferchweg.

Der Pferchweg hat seinen Namen übrigens vom ehemaligen Gemeindepferch, einer Wiese, auf der Vieh gehalten wurde. Da dieser Bereich früher recht feucht war, konnte dieser Bereich nicht anders landwirtschaftlich genutzt werden. Erst durch den Torfabbau und die planmäßige Entwässerung durch schnurgerade Gräben, die noch zu sehen sind, konnte der ehemalige Pferch für den Gemüseanbau gewonnen werden. Nach etwa 1,2 Kilometern kreuzt der Pferchweg die Rückgasse.

Gedenkstein in der Rückgasse

Hier biegen wir (für eine kleine Extratour) nach links ab und folgen diesem Feldweg vorbei an diversen Aussiedlerhöfen nach Osten. Nach 500 Metern erreicht man den Gedenkstein (B) für den hier ausgegrabenen fränkischen Friedhof, auf dem die älteste bekannte Kirche Südhessens stand. Vielleicht lag in der Nähe auch ein herrschaftlicher Hof (den wir uns ähnlich der Rekonstruktion in Lorsch vorstellen können) – heute ist leider von all dem nichts mehr sichtbar. Deswegen wenden wir wieder (hoffentlich nicht allzu enttäuscht) und folgen der Rückgasse nach Westen.

Wenn man genau schaut, sieht man auf den nächsten zwei Kilometern eine Veränderung der Landschaft. Östlich sind die Böden heller und trockener, je weiter man fährt, umso dunkler werden die Felder, teilweise sind die Flächen dort schon so feucht, dass sie nur als Wiesen, Gärten oder Waldstücke genutzt werden können. Ausgerechnet da, wo man aber die größte Feuchtigkeit erwarten dürfte, im Bereich des ehemaligen Landgrabens, erscheint die Landschaft wieder von größerer Trockenheit geprägt zu sein. Die Flurbereinigungen in den 1930er Jahren, als auch der Landgraben zugeschüttet wurde, hat hier ganze Arbeit geleistet und die ursprünglichen Gegebenheiten stark verändert.

Bevor man aber an den Landgraben erreicht, sieht man linkerhand das Gelände der Modellflieger (C). Wenn man etwas Glück hat, kann man einem oder mehreren der kleinen Flugzeuge bei Loopings und sonstigen Kunststücken zusehen. Etwas westlich endet dann die Rückgasse, man muss sich nach links, nach Süden wenden und folgt der Trasse des verschwundenen Landgrabens, die hier gleichzeitig die Grenze zwischen Griesheim und Riedstadt, bzw. den Kreisen Darmstadt-Dieburg und Groß-Gerau ist. Schon bald führt der Weg wieder nach Westen (rechts).

Hier muss man eigentlich bald wieder nach links abbiegen, kann aber dem Weg noch spaßeshalber ein wenig weiter folgen. Ein Naturschutzgebietsschild (D) zeigt hier den Bereich an, in dem früher einmal der Neckar floss. Man sieht noch das leicht tiefer liegende Flussbett, heute von hohem Röhricht (daher hat das Ried seinen Namen) bewachsen. Wir nehmen die eigentliche Tour nach Süden wieder auf und erreichen nach einer weiteren Kurve den Burghof. Hier dreht sich alles um das Pferd, und man muss schon ziemlich Pech haben, wenn man hier keines dieser Tiere zu Gesicht bekommt.

Westlich des Burghofes markiert ein Waldstück den ehemaligen Neckarlauf.

Westlich des Burghofes erreicht man die Einmündung in einen anderen Feldweg, hier befindet sich eine kleine Bank zum Rasten und eine Infotafel (E). Sie informiert über die Burg „Alt-Wolfskehlen“, die hier in der Nähe lag. Wir folgen dem Weg nach Westen in Richtung Wolfskehlen und durchqueren nun endgültig den ehemaligen Neckarlauf. Das Flussbett ist bewachsen von einem Erlenwäldchen. Diese Pflanzen können mit dem hohen Grundwasser an dieser Stelle, das im Winter oft zu kleinen, oberirdischen Wassertümpeln führt, gut umgehen. Sie wurden deshalb u.a. in Venedig für die Fundamentierung der Häuser in der Lagune verwendet. Der Weg führt uns wieder über große, baumlose Felder nach Westen.

Heute einigermaßen unspektakulär. Aber einst erhob sich hier die Burg von Wolfskehlen…

Nach 1,2 Kilometern müssen wir nach rechts abbiegen (F) und erreichen nach weiteren 700 Metern die Umgehungsstraße (B26) von Wolfskehlen, die wir ampelgesichert queren können. Die Straße, die nun schon ein paar Jahre alt ist, durchschneidet auf niedrigen Dämmen andere Altläufe des Neckars und damit ökologisch wertvolle Bereiche. Diese Umweltzerstörung hat jedoch keinen nennenswerten Protest ausgelöst, während sich derzeit in Darmstadt gegen den Bau einer kurzen Straßenbahnlinie erstaunlicher Widerstand regt. Aber das ist ´ne andere Geschichte… wir sind ja jetzt zwischen der Umgehungsstraße und Wolfskehlen unterwegs. Wir kreuzen eine Wiesenfläche, in deren Mitte sich parallel zum nahen Ortsrand ein Wassergraben zieht. Auch das ist ein Rest des alten Neckars. Interessant ist die Wiese aber noch aus einem anderen Grund: Westlich, als in Fahrtrichtung gesehen links (G) , stand direkt an dem Gewässer die Burg „Neu-Wolfskehlen“. Ihre in der Erde verborgenen Reste wurden vor ein paar Jahren untersucht. Zu sehen ist oberirdisch aber leider gar nichts.

Historische Turmspitze südlich des Weilerhofes.

Deshalb geht es weiter, bis wir in Wolfskehlen die alte Hauptstraße (offiziell: Ernst-Ludwig-Straße) erreichen. Hier biegen wir nach rechts (Norden) ab und folgen dieser Richtung weiter geradeaus, auch wenn die Vorfahrtstraße nach rechts führt. Hier könnte man zwar eine Abkürzung nach Griesheim nehmen und auf schnurgerader Linie entlang der Chaussee dorthin gelangen. Wir nehmen aber einen anderen, historisch älteren Weg. Also geht es weiter nach Norden, immer der Ernst-Ludwig-Straße folgend. Schon bald verlässt man den Ort, quert ein weiteres Mal den ehemaligen Neckar (kleine Brücke (H)) und radelt nun etwa 1,5 Kilometer nach Nordosten bis zum Weilerhof (I) , einem historischen Gehöft, wie man sie ähnlich an vielen Stellen im Ried findet. Der Weilerhof ist aufwendig saniert, leider aber auch eingezäunt worden, sodass man heute in einigem Abstand östlich an der Anlage vorbeiradeln muss. Von hier kann man aber trotzdem einen guten Eindruck der Bauwerke und einer Turmspitze, die am südlichen Rand ausgestellt wird und deren Herkunft ich leider nicht kenne, gewinnen.

Infotafel am Baggersee.

Noch vor wenigen Jahrzehnten konnte man bei gutem Wetter vom Weilerhof direkt nach Osten zur Hohen Brücke und dann weiter nach Griesheim gelangen. Heute ist das nicht mehr möglich. Der Baggersee (J), in dem Kies gewonnen wird, hat diesen alten Feldweg verschlungen. Verschwunden sind bei den Baggerarbeiten auch die Reste einer römischen Villa Rustica, und das wohl ohne größere Untersuchungen. Es ist wie so oft: Wirtschaft ist wichtiger als Kultur und Geschichte… Immerhin bietet der See heute besonderen Tieren und Pflanzen ein Zuhause, Teile des Geländes stehen unter Naturschutz. An dem Weg, dem wir nach dem Weilerhof weiter nach Norden folgen müssen, ist dazu eine Infotafel aufgestellt worden.

Bald überqueren wir einen kleinen Graben und damit die Stadtgrenze Riedstadt – Groß-Gerau (-Dornheim). Es geht noch ein paar Meter weiter nach Norden. Nach links könnte man nun einen Abstecher nach Dornheim machen. Auf der nahem Bahnlinie kann man mit etwas Glück (oder einfach einem Blick in den Fahrplan) einen französischen Hochgeschwindigkeitszug (TGV) sehen, der hier von Frankfurt nach Marseille rast. ICEs und S-Bahnen gibt es dagegen sehr oft.

Wir biegen aber nach rechts ab und erreichen nach ein paar Kurskorrekturen den Waldrand. Eine Infotafel (leider stark verschmutzt) informiert hier nochmal über das Naturschutzgebiet nördlich des Baggersees. Offiziell wird es als „Torfkaute – Bannholz“ bezeichnet. Der erste Teil des Namens verweist auf den auch hier ehemals betriebenen Torfabbau. Kaute ist übrigens das regionale Wort für „Grube“.

Dornheimer Weg

Der Weg führt nun nach Osten auf einem leichten Damm, links und rechts liegt sehr dichter Wald, der zeitweise undurchdringlich erscheint. Das Gebiet ist wieder der Rest eines alten Flusslaufes und entsprechend feucht. Der Weg, auf dem wir radeln, ist Teil der alten Landstraße von Darmstadt nach Dornheim und Dornberg („Dornheimer Weg“(K)). Die heutige B26 von Darmstadt nach Griesheim und weiter ins Ried wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut, vorher hatte der Waldweg auf dem wir fahren, eine deutlich größere Bedeutung als heute. Weiter östlich stößt der Weg auf den Landgraben, der hier noch nicht zugeschüttet wurde. Eine Überquerung des Gewässers ist seit Jahrhunderten auf direktem Weg nicht mehr möglich, die Brücke ist vor langer Zeit abgebrochen worden, Reste des Auflagers sind aber noch zu sehen (mehr Infos dazu hier). Man muss stattdessen die Hohe Brücke (L) benutzen, die ein paar Meter südlich liegt. Nach der Überquerung der Brücke (Schwung holen) folgt man dem Waldrand und der Landwehr nach Osten. Nach etwa 650 Metern biegt man nach Süden in einen Feldweg ab, der als „Raingasse“ bezeichnet wird. Vorbei geht es an einigen Streuobstwiesen, die seit 2018 vom Griesheimer Museum betreut werden und deren Ertrag am dortigen Kelterfest verarbeitet wird. Vorbei geht es auch an einer ehemaligen Mülldeponie, die als kleiner Hügel auffällig die Gegend überragt und seit einigen Jahren (Re-?) naturiert wird. Die Raingasse wendet sich bald nach Südosten und schließlich nach Osten, stets begleitet von Obstbäumen. Diese wurden ursprünglich von der Gemeinde Griesheim gepflanzt, um Obst für ärmere Bürger zur Verfügung stellen zu können. An einer Kreuzung mit fünf Abzweigen (M) wenden wir uns nach Süden Richtung Kläranlage. Nahe der Kreuzung stürzte ein amerikanisches Kriegsflugzeug im Zweiten Weltkrieg ab. Die Besatzung kam ums Leben. Teile des Motorblocks der Maschine sind im Griesheimer Museum zu sehen.

Nördlich der Kläranlage bei der „Grillhütte West“ trifft unser Weg auf die ehemalige Bahnlinie von Worms nach Darmstadt, die hier seit den 1960er Jahren verschwunden ist. Wir folgen der Trasse, die beidseits von Bäumen und Gebüsch begleitet wird nach Osten. Kurz bevor die Landstraße nach Büttelborn in einer Unterführung gekreuzt wird, ist rechts noch ein kleines Anwesen zu sehen. Die Natursteinfassade, die teilweise zu sehen ist, verrät, dass das Gebäude einmal ein Bahnwärterhäuschen war. Nach der Unterführung (N) geht es weiter nach Osten. Über die Straße Am Bahnhof und die Groß-Gerauer-Straße erreichen wir wieder das Kreuz, unseren Startpunkt. Nach etwa 16 Kilometern endet die Tour.

Ganz oben im Text wurde ja eine dritte Burg versprochen. Damit war die vielleicht ehemals vorhandene Griesheimer Burg gemeint, zu der es verschiedene Standortmöglichkeiten gibt, die wir auf der Runde auch teilweise passiert haben.

Zwischen den Punkten H und L kann man übrigens auch einen direkten Weg unter Umgehung des Weilerhofes wählen. Landschaftlich ist es dort auch sehr interessant, Fuchs und Hase kann man dort gelegentlich sichten.