Griesheim, Kreis Groß-Gerau

Nein, keine Angst. Zum 1. Januar wird Griesheim nicht umgemeindet, es bleibt Teil des Landkreises Darmstadt-Dieburg. Griesheim war aber im Laufe der Geschichte meist mehr auf Groß-Gerau ausgerichtet als auf Darmstadt, was sich unter anderem dadurch zeigte, dass Griesheim viele Jahre zum Kreis Groß-Gerau und dessen Vorläufern gehörte, zuletzt in den 1920er Jahren.

Römerzeit

Die engen Beziehungen von Griesheim nach Groß-Gerau haben schon in der Römerzeit begonnen. Nachdem die Römer im 1. Jahrhundert nach Christus im Bereich des heutigen Gerauer Stadtteiles „Auf Esch“ ein Kastell angelegt hatten, zog bald zivile Bevölkerung nach. Es entstand eine stadtartige Siedlung mit Handwerksbetrieben, Heiligtümern und Bädern. Sicherlich war der Ort wirtschaftlicher Mittelpunkt eines über die heutigen Stadtgrenzen weit hinausreichenden Gebietes. Planmäßig legten die Römer im Umkreis landwirtschaftliche Gutshöfe an, deren Erzeugnisse auf dem Markt des Hauptortes gehandelt wurden.

Rekonstruktion einer Villa Rustica
Rekonstruktion einer Villa Rustica. So nannten die Römer ihre landwirtschaftlichen Gutshöfe.

In Griesheim wurden an vielen Stellen Spuren römischer Bautätigkeit gefunden (siehe Artikel: Römer in Griesheim). Vermutlich handelte es sich dabei um mehrere solcher Gutshöfe. Sie alle liegen auf einer Linie, die von Norden nach Süden durch die westliche Gemarkung Griesheims führt. Man kann davon ausgehen, dass sie durch eine Straße oder einen Weg verbunden waren, der bei Büttelborn auf die Römerstraße von Groß-Gerau nach Dieburg traf. Gleichzeitig lagen die Höfe parallel zu dem in den 1930er Jahren zugeschütteten Landgraben. Es gibt Anzeichen dafür, dass der Landgraben römischen Ursprunges sein könnte. Wenn das stimmte, wäre er angelegt worden, um die Produkte der Höfe einfach auf Nachen oder kleinen Booten nach Groß-Gerau zu transportieren (siehe Artikel über den Landgraben).

Zumindest wirtschaftlich war das Gebiet von Griesheim damals Teil von Groß-Gerau (auch wenn beiden noch nicht ihren heutigen Namen trugen).

Fränkische Zeit

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Rekonstruktion eines Herrenhofes in fränkischer Zeit in Lorsch.

Auch wenn die Ersterwähnung Griesheims erst 1165 erfolgte: Der Ort entstand bereits im frühen Mittelalter. In fränkischer Zeit (ca. 7.-9. Jahrhundert) muss man sich Griesheim allerdings als eine Ansammlung von verstreut liegenden Gebäuden vorstellen: Vielleicht ein bis zwei Haupthöfe der Ortsherren wurden von kleineren Häusern oder Hütten der Beisassen umgeben.

Aus archäologischen Quellen weiß man, dass die Ortsherren damals einem hohen Stand von Rittern angehörten. Verwaltungsmäßig waren sie dem Königshof in Groß-Gerau unterstellt, zu dem ebenso die heutigen Orte Büttelborn, Dornheim und Berkach gehörten.

Mittelalter

In einer Urkunde von 1013 wurde festgehalten, dass der Königshof Gerau („curtem Geraha“) vom König an den Bischof von Würzburg verschenkt wurde. Gleichzeitig wird das Grafengericht Bessungen erwähnt, dass aus dem Zusammenhang des Textes heraus als Teil des Gerauer Hofes gedeutet werden kann. Griesheim liegt zwischen beiden genannten Orten, es wird also immer noch Teil des Verwaltungsbereiches des Gerauer Hofes gewesen sein.

Ein spätgotisches Maßwerkfenster an der Nordseite der Lutherkirche
Ein spätgotisches Maßwerkfenster an der Nordseite der Lutherkirche. Das Bauteil ist eines der spärlichen mittelalterlichen Überbleibsel in Griesheim.

Die „Gründliche und Warhafte Beschreibung Der Fürstenthümer Hessen und Hersfeld“ blickte 1711 weiter zurück in die Vergangenheit und erwähnt Griesheim im Zusammenhang mit dem „Gerauer Ländlein“. Eine Zugehörigkeit Griesheims zu Groß-Gerau lässt sich allerdings aus dem Text nicht ableiten. Das „Ländlein“, dass in mehreren anderen Texten vorkommt, wird aber logischerweise einen größeren Bezirk beschrieben haben, als nur die Stadt Groß-Gerau selbst. Möglicherweise war auch Griesheim damit gemeint.

Frühe Neuzeit

In der frühen Neuzeit gewann Darmstadt immer mehr Bedeutung für das Umland. Die Stadt, die erst 1330 gegründet wurde, übernahm nach und nach die Mittelpunktfunktionen für die Umgebung. 1479 wurde die Stadt hessisch. Im Laufe der Zeit wurden die mittelalterlichen Verwaltungsbezirke durch Ämter ersetzt. Griesheim gehörte bis zur Napoleonischen Zeit dem Amt Pfungstadt an und war in dieser Zeit also von Groß-Gerau getrennt.

19. Jahrhundert

Nach dem Napoleon und der Wiener Kongreß die deutschen Staaten vielfach neu zusammengesetzt oder vergrößert hatten, stellte sich auch in Hessen die Frage nach einer modernen Verwaltung. Viele noch mittelalterliche Strukturen und auch die Ämter wurden daher beseitigt, an ihre Stelle traten die Landratsbezirke. Griesheim gelangte so 1821 an den Landratsbezirk Dornberg, benannt nach der noch heute in Resten erhaltenen Burg in Dornberg. 1830 wurde aus dem Bezirk der Kreis Groß-Gerau, dem Griesheim wiederum angehörte.

Spätestens seit dem Bau der schnurgeraden Chaussee, der heutigen Bundesstraße 26, von Darmstadt zum Rhein im 19. Jahrhundert, entwickelte Griesheim immer engere Beziehungen zur damaligen Landeshauptstadt von Hessen. Griesheim versorgte Darmstadt mit Gemüse und anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen, umgekehrt konnten die Griesheimer sich in Darmstadt mit Waren eindecken, die man in dem damaligen Marktflecken nicht kaufen konnte. Mit der Industrialisierung bot Darmstadt dann auch in immer größerem Maße Arbeitsplätze für die umliegenden Orte, die von Griesheim aus über die später erbaute Straßenbahn natürlich gut zu erreichen waren.

Folgerichtig wurde Griesheim daher schon 1848 „umgemeindet“: Zunächst zum Regierungsbezirk Darmstadt, 1852 dann zum Kreis Darmstadt.

20. Jahrhundert

Noch einmal wurde Griesheim aber Teil des Kreises Groß-Gerau, wenn auch nur provisorisch. Mit der Besetzung des Rheinlandes durch die Franzosen nach dem Ersten Weltkrieg entstand zwischen Darmstadt und Griesheim eine Grenze. Westlich lag die französische Besatzungszone, östlich das unbesetzte Hessen. Die Kreisverwaltung in Darmstadt war daher nicht mehr in der Lage, Griesheim zu erreichen. Das Landratsamt in Groß-Gerau übernahm daher für einige Jahre diese Aufgaben. Baugenehmigungen aus den späten 1920er Jahren von Griesheimer Häusern tragen den Stempel der Gerauer Verwaltung.

besetztes Gebiet
Besetztes Gebiet 1923: die rote Linie stellt die Grenze zwischen französisch besetztem Gebiet (links) und unbesetztem Gebiet dar. Die westliche Stadtgrenze von Darmstadt in Richtung Griesheim war damals nicht leicht zu überqueren. Quelle: Wikipedia

Mit dem Abzug der Franzosen 1930 übernahm dann aber wieder Darmstadt. Seitdem ist Griesheim ununterbrochen Teil des Kreises Darmstadt, auch nachdem die Stadt Darmstadt selbst 1938 kreisfrei wurde und damit den Kreis verließ. 1977 wurde der Kreis Darmstadt mit dem Kreis Dieburg zum neuen Landkreis Darmstadt-Dieburg zusammengelegt, dessen größte Stadt Griesheim seit vielen Jahren ist.

Zukunft

Immer mal wieder, vor allem vor Landtagswahlen, flackern Diskussionen zum Thema Kommunalreform in Hessen auf. Vor allem für den Bereich um Frankfurt wird eine Zusammenlegung von Stadt und den umliegenden Kreisen diskutiert. Auch für Südhessen hört man manchmal ähnliches.  Wenn solche Ideen einmal in die Realität umgesetzt werden würden, würden sich Griesheim und Groß-Gerau womöglich in einer gemeinsamen Verwaltungseinheit wiederfinden. Dies wäre aber dann nicht der Kreis Groß-Gerau, sondern vielleicht ein Kreis „Südhessen“.

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