Chausseebau

Die Chaussee, die beherrschende Magistrale Griesheims, ist erst im 19. Jahrhundert entstanden. Vorher waren andere Straßenverbindungen in ganz andere Richtungen viel wichtiger. Was ist aber eigentlich eine Chaussee? Und was hat das mit Fußball, Keltern und Napoleon zu tun?

Was ist eine Chaussee?

Das Wort Chaussée stammt zunächst einmal aus dem Französischen. Die Franzosen haben es wiederum aus der galloromanischen Sprache entlehnt. Ursprünglich bedeutete dort via calciata Straße mit festgestampften Steinen, also eine künstlich hergestellte und befestigte Straße. Neben dem französischen Wort sind in Deutschland alternative Begriffe wie Kunststraße oder Steinweg verwendet worden. Die Wortherkunft verrät viel über die Entwicklungsgeschichte des Straßenbaus: Zunächst waren es die Römer, die in unserer Region ihre Straßen planmäßig errichteten. Einen späteren Höhepunkt verzeichnete der Chausseebau dann während der Zeit Napoleons, als Frankreich und die während der Revolution eroberten Gebiete erschlossen wurden.

Rekonstruierte Römerstraße in Heppenheim

Übrigens ist das Wort Chaussee verwandt mit dem Fußball und dem Keltern. Der Fußball heißt in Italien Calcio, wass sich vom Verb calciare = mit dem Fuß treten ableitet. Letztendlich kommt davon auch das heutige Wort keltern, denn bevor man Trauben mittels einer mechanischen Presse den Saft entnahm, wurden die Früchte in einem großen Behältnis mit den Füssen zerstampft.

Die Kaiserstraße

Die erste Chaussee in der weiteren Umgebung von Griesheim war wahrscheinlich die Bergstraße und deren Verlängerung in Richtung Frankfurt, die im 18. Jahrhundert z.B. bei Langen teilweise neu trassiert wurde.

Karte der sogenannten Kaiserstraße, die ab 1806 erbaut wurde. Sie verband Mainz mit Paris. Von 1792 bis 1815 gehörte Mainz mit dem Umland zu Frankreich, der Rhein bildete in dieser Zeit die Staatsgrenze. Gestrichelt sind die heutigen Grenzen eingetragen. Karte von Daniel Jünger

Nach der Eingliederung von Mainz in das französische Staatsgebiet wurde ab 1806 die sogenannte Kaiserstraße angelegt. Sie verband Mainz auf einigermaßen direktem Weg mit Paris. Der Name bezieht sich auf Napoleon, den Kaiser der Franzosen, unter dessen Herrschaft die Straße entstand. Bis vor wenigen Jahren war die Kaiserstraße als Bundesstraße klassifiziert (B40). Heute wird sie als Landes- oder Kreisstraße geführt, da parallele Autobahnen ihre Fernstraßenfunktion übernommen haben. In Mainz heißt die Straße heute Pariser Straße, in vielen Orten dagegen immer noch Kaiserstraße.

Chausseebau in Südhessen

Nach der Niederlage Napoleons wurden die deutschen Staaten im Wiener Kongreß 1815 neu geordnet. Die ehemalige Landgrafschaft Hessen Darmstadt war kurz zuvor erst zum Großherzogtum geworden. Nun erhielt der ehemals winzige Staat zahlreiche Länder zugeteilt, unter anderem das bisher französische (und vorher kurmainzische) Rheinhessen. Da neben den staatlichen Schranken auch viele wirtschaftliche Beschränkungen fielen, entstand rasch der Bedarf nach einem zeitgemäßen Straßennetz. Die teils noch aus dem Mittelalter übernommenen Verkehrswege wurden nun vielerorts ersetzt durch geplante, meist gradlinige und wetterfeste Chausseen.

1877 waren in Südhessen schon zahlreiche Chausseen (orange hervorgehoben) angelegt worden. Das Netz war aber noch nicht fertig. Die Chaussee, die von Darmstadt über Griesheim nach Oppenheim führen sollte, endete noch in Leeheim. Erst ein Jahrzehnt später wurde die Kunststraße durch einen Altarm des Rheines nach Geinsheim verlängert. „Karte für die Übungen der combinirten Kavallerie-Division bei Darmstadt 1877“, mit Nachträgen bis 1879. Quelle: Kristof Doffing langen.ykom.de / Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt

Die Chaussee in Griesheim

Die Anlage der Chaussee durch Griesheim erfolgte nicht nur deshalb, um die damalige Gemeinde mit Darmstadt zu verbinden. Auch überörtliche Zielsetzungen haben eine Rolle gespielt, denn letztendlich sollte die Straße eine Verbindung zwischen der Hauptstadt des Großherzogtumes mit dem neu zum Staatgebiet gekommenen Oppenheim und Nierstein herstellen. Priorität genoss der Bau nicht, wie obige Karte von 1877 zeigt. 60 Jahre nach Gründung des Großherzogtumes war die Straße immer noch nicht fertig.

Die Griesheimer Chaussee ist im Prinzip in drei Bauabschnitten entstanden:

  • Die barocke Prachtstraße / Breite Allee wurde bereits im 18. Jahrhundert
    angelegt.
  • Der Abschnitt von Wolfskehlen nach Griesheim entstand 1827 auf Initiative
    des Kreises Groß-Gerau, zu dem Griesheim damals gehörte.
  • Das fehlende Stück zwischen Griesheim und der Breiten Allee wird erst
    zehn Jahre später, nämlich 1837 angegangen.

Beim Bau der Chaussee waren im Griesheimer Stadtgebiet drei Hindernisse
zu überwinden: Das sumpfige Gebiet in der Westgemarkung, die Dünen in
der östlichen Gemarkung und der Ort selber.


Das Titelbild zeigt den westlichen Ortsausgang von Griesheim, Blickrichtung nach Westen / Wolfskehlen, etwa in den 1950er Jahren (?). Westring und Büttelborner Chaussee existierten damals noch nicht. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim