Kaltes Eck

Griesheims ältester Platz ist erstaunlicherweise weder der Marktplatz, noch der Platz-Bar-le-Duc. Um einiges älter ist der Zöllerplatz, das sogenannte Kalte Eck im Norden von Griesheim. Wie kommt das?

Griesheim ist erst in den letzten Jahrzehnten zur Stadt geworden. Jahrhundertelang war der Ort ländlich geprägt. Entsprechend hat sich das Ortsbild entwickelt. Um den mittelalterlichen Kern haben sich Hofreiten entlang der Ausfallstraßen ausgebreitet. Bedarf an offenen Plätzen innerhalb des Ortes gab es lange Zeit nicht. Mangels Marktrecht musste kein Marktplatz angelegt werden. Auch gab es keine repräsentativen Gebäude wie Schlösser oder eine besondere Kirche, die eines besonders gestalteten (Vor-)Platzes bedurft hätten.

Feste und später kleinere Märkte fanden rund um das alte Rathaus statt. Dort genügte den Anforderungen der nördliche Abschnitt der Oberndorferstraße. Platzartig aufgeweitet oder besonders gestaltet wurde dieser Bereich jedoch nicht. Obwohl er in alten Karten als Marktplatz bezeichnet wurde, war er dies weder in Form noch Gestalt.

Ein geosteter Ortsplan von 1907 zeigt die Erweiterungen Griesheims an. Unten (hellgrau) ist der alte Ortskern eingetragen. Die 1870-1907 bebauten Straßen sind gelb markiert, die ab da zu errichtenden Straßen sind blau eingetragen. Der Zöllerplatz ist im Plan nicht zu sehen. Quelle: Stadtarchiv Griesheim

Auch die Ortserweiterungen des 19. Jahrhunderts sahen nirgends die Anlage eines Platzes vor. Zwar wurde durch die Anlage von neuen Straßen zwischen 1870 und 1907 die bebaute Fläche des Orts nahezu verdoppelt, Plätze sucht man in der damaligen Planung jedoch fast vergebens. Die heute in der Griesheimer Innenstadt prägenden Plätze sind alle erst nachträglich angelegt worden.

Der Schülerplatz (die sogenannte Anlage) entstand erst in den 1920er Jahren durch das Auflassen der zuvor an dieser Stelle befindlichen Betriebsflächen der Dampfstraßenbahn und der Erstellung einer Grünanlage an dieser Stelle. Der Rathausplatz entstand Anfang der 1950er Jahre im Zuge des Neubaus des Gebäudes. Der Platz-Bar-le-Duc wurde 1976 angelegt, um den Straßenbahnen das Wenden über eine neue Gleisschleife in diesem Bereich zu ermöglichen und die Linie 9A aufgeben zu können. Die Restflächen wurden als begrünter Platz gestaltet. Die dort befindlichen historischen Schulgebäude und die alte Bürgermeisterei wurden dafür abgebrochen. Der heutige Marktplatz (offiziell: Hans-Karl-Platz) wurde sogar noch später angelegt. Er entstand in den 1980er Jahren im Zuge des Innenstadtprojektes.

Ausschnitt eines Stadtplanes von Griesheim von 1909. Etwas rechts der Mitte ist der Zöllerplatz (Kaltes Ecke) eingetragen. Von links nach rechts läuft die Sandgasse, der Versatz der Goergstraße ist gut zu erkennen. 1909 endete die Bebauung Griesheims hinter dem damals noch namenlosen Zöllerplatz. Quelle: Stadtarchiv Griesheim

Einziger Platz in den Ortserweiterungen Griesheims vor dem Ersten Weltkrieg, und damit ältester Platz des Ortes überhaupt, ist somit der heutige Zöllerplatz. Er befindet sich im Norden des Ortes an der Kreuzung der Sandgasse mit der Georgstraße. Letztere besteht eigentlich aus zwei getrennten Straßenläufen, die um ca. 30 Meter versetzt zueinander in die Sandgasse von Norden und Süden einmünden.

Ein kurioses, aber offizielles Schild zeigt den „Versatz“ des Straßennamens Georgstraße an.

Warum der Platz angelegt wurde, ist unklar. Möglicherweise hat der Versatz der Georgstraße dazu geführt, dass man eine diagonale Verbindung der Straßenabschnitte ermöglichen wollte, um nicht zwei 90°-Kurven in kurzem Abstand fahren zu müssen, wenn man der Georgstraße folgen wollte. Mit dem Auto ist dieses Manöver recht einfach zu vollbringen, mit einem Pferdegespann ist das etwas aufwendiger. Vielleicht ist in der Zeit nach der Absteckung der Straßen, aber vor der Bebauung der Grundstücke die Ecke einfach diagonal überfahren worden und dieser Bereich dann von der Bebauung ausgenommen worden. Im Kataster ist der fast rechteckige Platz von etwa 40×40 Metern (die Straßen mitgerechnet) jedenfalls bei der Bebauung des Bereiches etwa zwischen 1880 und 1907 ausgespart worden und öffentliche Fläche geblieben. Der nördliche Teil der Georgstraße ist erst nach 1907 bebaut worden.

Eine besondere Nutzung hatte der Platz zunächst nicht, nicht einmal einen Namen hatte er am Anfang. Er wurde einfach als Der Platz oder Der Freie Platz bezeichnet. Im Volksmund wurde er aber auch Kaltes Eck genannt. Woher diese Bezeichnung stammt, ist unklar. Nach Rücksprache mit Gabriele Winter, der Vorsitzenden des Museumsvereins, und ihrem Vater Karl Knapp, dem Historiker Griesheims, sind zwei Erklärungen denkbar:

  1. Kaltes Eck könnte im Wortsinne zu verstehen sein. Der Platz bildet auf der Nordostseite tatsächlich eine Ecke aus. Bis 1907 endete die Bebauung Griesheims hinter diesen Häusern und die offene Feldgemarkung schloss sich an. Tatsächlich könnte der Platz deshalb etwas zugiger und damit kälter als der restliche Ortsbereich gewesen sein.
  2. Am Platz befand sich zweitweise eine Gastwirtschaft. Dessen Wirt wurde umgangssprachlich De Koalde bezeichnet. Die Herkunft dieses Namens ist leider wieder ungeklärt. Entweder hat der Wirt seinen Namen auf den Platz übertragen oder er hat den Namen des Platzes übernommen.

Eine dritte Theorie will ich noch ins Rennen werfen: Wenn es stimmt, dass der Platz in seiner frühen Zeit zunächst ungenutzt war und die Ecke regelmäßig überfahren wurde, dann hatte der Platz vielleicht auch keine besondere Gestaltung, er war dann kahl. Vielleicht ist aus der hochdeutschen Bezeichnung Kahle Ecke dann Hessisch Kaales Eck bzw. Griesheimerisch Koaldes Eck geworden…

Die offiziell namenlose Zeit endete 1945. Als nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Ehrungen von Nazigrößen aus den Griesheimer Straßennamen getilgt wurden, nutzte man auch die Gelegenheit, dem Platz einen Namen zu geben. Seitdem heißt er offiziell Zöllerplatz, benannt nach dem Griesheimer Bürgermeister Heinrich Zöller, dessen Amtszeit von 1901 bis 1909 dauerte. Als Adresse wird der Platz trotzdem nicht genutzt. Alle angrenzenden Häuser werden offiziell der Sandgasse zugerechnet.

Der Zöllerplatz (Kaltes Eck) von Nordwesten gesehen

Heute präsentiert sich der Zöllerplatz als kleine Grünanlage mit einigen Spielplatzelementen. Einmal im Jahr findet hier das Zöllerplatzfest der SPD Griesheim statt, dieses Jahr am 20. Juli 2019. Das Fest wird schon seit vielen Jahren veranstaltet und es ist gar nicht so leicht, zu sagen, wann diese Tradition begonnen hat. Auf jeden Fall liegen die Anfänge vor dem Bau des Marktplatzes. Gesucht und gefunden wurde damals ein Festplatz, der genug Platz für Bühne und Bewirtungsstände bot, gleichzeitig aber nicht so groß und unübersichtlich wie der Schülerplatz ist. Außerdem ist das Viertel um das Kalte Eck eine Hochburg der SPD, regelmäßig werden hier die besten Wahlergebnisse in Griesheim erzielt. Dieser Umstand ergibt sich wohl aus der Historie des Viertels: Die eher schmalen und nicht so großen Grundstücke dort (im Vergleich zu den anderen Grundstücken im älteren Teil Griesheims) wurden ursprünglich bevorzugt von Arbeitern und Angestellten bebaut.