Lilienthal & Co

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Flugpioniere im Griesheimer Südosten

Im Griesheimer Südosten sind zahlreiche Straßen nach deutschen Flugpionieren benannt. Otto Lilienthal und Graf Zeppelin sind dabei sicher diejenigen unter den Namensgebern, von dem man am ehesten schon mal gehört hat. Aber wer waren eigentlich Gutermuth und Nehring?

Lilienthalstraße

Die Lilienthalstraße ist die ehemalige Hauptstraße des Militärlagers am Griesheimer Schießplatz. Sie verläuft in West-Ost-Richtung, beginnt an der Jahnstraße und endet an der Flughafenstraße. Benannt wurde sie nach Otto Lilienthal.

Otto Lilienthal wurde am 23.5.1848 in Anklam (Vorpommern) geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums, der Provinzialgewerbeschule in Potsdam und einem Studium in Berlin wurde er ab 1883 mit einer kleinen Firma selbstständig, die von ihm entwickelte Motoren herstellte. Lilienthal hatte sich schon seit Schulzeiten mit der Entwicklung und Erprobung von Flugapparaten beschäftigt. 1889 veröffentlichte er das Buch „Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst“. Während viele Zeitgenossen das Luftschiff als das erfolgversprechendste technische Konzept (Prinzip „Leichter als Luft“) für die menschliche Fliegerei sahen, präferierte Lilienthal den Ansatz, Flugmaschinen mit Flügeln auszurüsten (Prinzip „schwerer als Luft“). Dazu untersuchten er und sein Bruder Gustav die Bedeutung des gewölbten Querschnittes von Flügeln. Nach der Veröffentlichung seines Buches begann er mit systematischen Flugversuchen mit verschiedenen Flugapparaten. Als Startrampe nutze er diverse Hügel in der Umgebung Berlins. Lilienthal „war wohl der erste Mensch, der erfolgreich und wiederholbar Gleitflüge mit einem Flugzeug (Gleitflugzeug) absolvierte (…).“ (Quelle: Wikipedia). Am 9. August 1896 verunglückte er bei einem Flugexperiment tödlich. Seine praktischen und theoretischen Erkenntnisse bildeten eine wichtige Grundlage für die weitere Entwicklung der Fliegerei.

Gutermuthstraße

Die Gutermuthstraße wurde nach Hans Gutermuth benannt und verläuft in Nord-Süd-Richtung. Sie kreuzt die Lilienthalstraße ungefähr in deren Mitte. Während der Existenz des Schießplatzes hieß sie „Waldstraße“.

Hans Gutermuth wurde 1893 in Darmstadt geboren. Er studierte an der damaligen Technischen Hochschule und gehörte zu den Begründern der „Flug-Sport-Vereinigung“ im Jahre 1909. Diese entwickelte verschiedene Fluggleiter und begründete die Segelflugtradition in der Rhön. Gutermuth stellte einen Weltrekord im Segelflug auf (843 Meter Flugweite, 1:52 Minuten Flugzeit), der erst 1920 gebrochen wurde. Ab 1914 war Gutermuth Leutnant der Reserve und wurde Mitglied einer Flieger-Jagdstaffel. Am 16.2.1917 fiel er in Frankreich, mitten im Ersten Weltkrieg.

Parsevalstraße

Die Parsevalstraße verläuft parallel zur Lilienthalstraße und bildet die Südgrenze der TUS-Sportplätze. Bis 1977 verlief hier die Stadtgrenze zwischen Griesheim und Darmstadt.

Benannt wurde sie nach August von Parseval, geboren im Jahr 1861 in Frankenthal, das wie die gesamte Pfalz bis 1945 zu Bayern gehörte. Deshalb trat er in das bayerische Militär ein und beschäftigte sich nebenbei mit der Aeronautik, z.B. dem Einsatz von Luftballons. 1901 verließ er das Militär und baute mit anderen an einem lenkbaren Luftschiff. 1908 war er einer der Gründer der Luftfahrzeug-Gesellschaft (LSG) die in Bitterfeld zahlreiche Luftschiffe baute. Parallel entwickelte er auch ein Flugzeug, dass auf dem Wasser starten sollte. Später wirkte er als Professor für Flugtechnik an der TH Charlottenburg. Er starb 1942.

Nehringstraße

Die Nehringstraße ist die ehemalige „Südliche Lagerstraße“ des Schießplatzes. Benannt ist sie heute nach Johannes Nehring, der 1902 in Graudenz geboren wurde, aber in Bad Homburg aufgewachsen ist. Ab 1922 studierte er Maschinenbau an der TH Darmstadt. Er beschäftigte sich mit dem Segelflug und wurde Mitglied der Akaflieg. Er war Kunstflieger und stellte zahlreiche Rekorde im Höhen- und Weitflug auf. Ab 1928 war er Flugzeugführer an der Flugwetterstelle Darmstadt. 1929 stellte er den Weltrekord im Weitfliegen auf (Malchen (Bergstraße) bis Ubstadt = 72km). Am 16.4.1930 verunglückte er tödlich bei einem Wetterflug am Kühkopf bei Erfelden.

Zeppelinstraße

Die Zeppelinstraße ist die ehemalige „Nördliche Lagerstraße“. Sie verläuft parallel zur Lilienthalstraße. Namensgeber ist der bekannte Ferdinand von Zeppelin, der die berühmten Luftschiffe gleichen Namens herstellte.

Zeppelin wurde 1838 in Konstanz am Bodensee geboren. Er trat in das württembergische Militär ein. Als Beobachter nahm er am amerikanischen Sezessionskrieg auf Seiten der Nordstaaten teil und konnte dort den Einsatz von Beobachtungsballons beim Militär miterleben. Er erkannte die Schwäche dieser Luftfahrzeuge – sie waren nicht wirklich steuerbar. Am Deutschen Krieg 1866 und am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 nahm er als Offizier ebenfalls teil. Auch hier wurden Ballons, vor allem durch die Franzosen, verwendet. In der Folge versuchte er durch verschiedene Schriften auf die Mängel von ungelenkten Luftfahrzeugen bei der Kriegsführung hinzuweisen und forderte Lenkballons. Als er hier auch das preußische Militär kritisierte, musste er in der Folge seinen Rücktritt aus der Armee einreichen. Er begann mit der Entwicklung eines Starr-Luftschiffes, das aber eine Kommission des deutschen Kaisers als ungeeignet beurteilte.

Trotzdem arbeitete Zeppelin, der von der Bevölkerung als Narr bezeichnet wurde, weiter. Er sammelte Spenden für seine Experimente und setzte große Teile seines Vermögens ein, um ab 1899 das Luftschiff LZ1 zu bauen, mit dem 1900 mehrere Flüge über dem Bodensee gelangen. Es hatte eine starre Bauform und einen Motorantrieb, womit ein gesteuerter Flug nach dem Prinzip „Leichter als Luft“ möglich wurde. Erst mit diesem praktischen Nachweis seiner Ideen wurde er allgemein anerkannt. Er konnte Patente von anderen Erfindern erwerben und baute weitere Luftschiffe. 1908 sorgte die „Reichszeppelinspende“ für finanzielle Sicherheit. Zeppelin gründete die „Luftschiffbau Zeppelin GmbH in Friedrichshafen. Mehrere Luftschiffe konnten bald an das Militär verkauft werden, viele davon wurden im Ersten Weltkrieg als Beobachter und auch als Bomber eingesetzt.

Ferdinand von Zeppelin starb 1917. In der gleichen Zeit wurde der Bau von Luftschiffen eingestellt, da die immer weiter entwickelten Flugzeuge wichtiger wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg nahm man die Produktion unter Hugo Eckener wieder auf, die Blüte der Luftschiffe folgte in den 1920er und Anfang der 1930er Jahre, als mit dieser Technik der Passagierflug aufgenommen wurde. Bis zum Unglück 1937, bei dem das bekannteste deutsche Luftschiff, das LZ 129 „Hindenburg“ in Flammen aufging, wurde sogar ein Linienverkehr über den Atlantik betrieben. Der Name Zeppelins wird bis heute mit motorisierten Luftschiffen gleichgesetzt, auch wenn strenggenommen nur diejenigen mit starrer Konstruktion so bezeichnet werden dürfen.

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Im Gebäude des Seebahnhofes von Friedrichshafen befindet sich das Zeppelinmuseum. Pardon für Regen und Baustelle…

Groenhoffstraße

Die Groenhoffstraße liegt ebenfalls auf dem Gelände des ehemaligen Schießplatzlagers. Früher hieß sie Lazarettstraße.

Günther Groenhoff wurde 1908 in Stade geboren. Er kam in den 1920er Jahren zum Segelfliegen in Ostpreußen. Später ließ er sich zum Motor- und Verkehrsflieger ausbilden. Er entwickelte Theorien zum Thermikflug weiter. 1931 segelte er einen Rekordflug über 272km. Während eines Flugwettbewerbes stürzte Groenhoff am 23.7.1932 ab und verlor sein Leben.

Georgiiplatz

Der Georgiiplatz ist das südliche Ende der Flughafenstraße. Hier befand sich der Hauptzugang zu den Militärflächen der Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg am Griesheimer Flugplatz.

Der Bereich erhielt seinen Namen nach Walter Georgii, einem Meteorologen und Segelflugforscher. Er wurde 1888 in Meiningen geboren und starb 1968 in München. 1926 kam er als Professor für Flugmeteorologie an die TH Darmstadt und leitete ab 1933 das Deutsche Forschungsinstitut für Segelflug (DFS). Dieses wurde bis 1945 zu einer der führenden Luftfahrtforschungsanstalten in Deutschland. 1937 trat Georgii in die NSDAP ein und ging nach Berlin, wo er in leitender Position Forschungen im Reichsluftfahrtministerium betrieb. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging er nach Argentinien und lehrte dort als Professor an der Universität von Mendoza. 1955 kam er nach Deutschland zurück und trat wieder ein in die Dienste der DFS, die neu gegründet wurde. 1955 wurde die DFS zur Flugwissenschaftlichen Forschungsanstalt München (FFM), ab 1963 Deutsche Versuchsanstalt für Luftforschung (DVL). Als Forscher im Bereich des Segelfluges erlangte er internationale Bedeutung und war 1930-1939 Präsident der Internationalen Studienkommission für den Segelflug und ab 1948 Ehrenpräsident der Nachfolgeorganisation.

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Eine Halle der DFS auf dem Griesheimer Flugplatzgelände. Die Fahne auf dem Heck des Segelflugplatzes lässt erahnen, dass die DFS nicht nur für friedliche Zwecke geforscht hat. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim

Die Straßennamen im Griesheimer Südosten wurden nach dem Zweiten Weltkrieg vergeben, wobei die Benennung des Georgiiplatzes noch weniger weit zurück reicht. Sie erfolgten durch die Stadt Darmstadt, auf deren Gemeindegebiet das Gelände des alten Schießplatzlagers bis 1977 gehörte. (Noch heute kann man das z.B. an den verschieden gestalteten Straßennamensschildern erkennen). Mit der Benennung nach Flugpionieren wird an die Geschichte des Griesheimer Flugplatzes erinnert, die neben August Euler, nach dem der Flugplatz offiziell benannt ist, noch viele weitere Persönlichkeiten umfasst.

Grundsätzlich ist das richtig und gut, im Detail ggf. noch einmal zu überdenken. Schade ist, dass man sich bei der Entscheidung für die Straßennamen nur einen, meist positiv assoziierten Aspekt des Griesheimer Südostens herausgegriffen hat. Die viel längere Geschichte des Schießplatzes, der Grundlage für den Flugbetrieb war und der eben auch viele Schattenseiten der deutschen und Griesheimer Geschichte beinhaltet, fällt leider völlig unter den Tisch. Mit dem derzeit von Seiten der Stadt vorgesehenen völligen Beseitigen der letzten Spuren des Schießplatzlagers wird dieser Teil der Geschichte baulich getilgt. Ich halte es für unzulässig, sich so einseitig einen, vermeintlich positiven Aspekt der eigenen Vergangenheit herauszupicken und die negativen Punkte verschwinden zu lassen.


Quellenangabe:

  • Titelbild: Zeichnung nach Vorlage des gemeinfreien Fotos „Lilienthal mit Flügelschlagapparat am 16. August 1894„, Wikipedia
  • Georg Schäfer: Darmstadts Straßennamen, Darmstadt, 1994
  • Ursula Eckstein: August-Euler-Flugplatz Darmstadt, Darmstadt 2008
  • Wikipedia

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