Das Griesheimer Kriegsgefangenenlager

1914 brach der Erste Weltkrieg aus. Als solcher wurde er bezeichnet, da er das erste militärische Ereignis in der Weltgeschichte war, das nahezu auf allen Kontinenten stattfand und neben den tragischen Ereignissen an den unterschiedlichen Fronten auch Auswirkungen auf das zivile Leben im Hinterland der kriegsführenden Nationen hatte.

Obwohl in Südhessen keine Schlacht stattfand, war der Krieg hier doch präsent. Viele Männer wurden zum Militär einberufen, in Griesheim alleine über 1.400 Personen, von ihnen kamen 165 nicht mehr zurück. Auf dem Schießplatz auf dem Griesheimer Sand wurden nicht nur die Einrichtungen der Militärflieger ausgebaut, es wurde auch ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet.

Es erscheint paradox, dass der Mensch mit der fortschreitenden Entwicklung von immer tödlicheren Waffen sich gleichzeitig darum bemühte, die Greuel des Krieges zu lindern und die Kriegsführung Regeln zu unterwerfen. 1864 fand eine Konferenz in Genf statt, die mit der ersten Genfer Konvention „betreffend die Linderung des Loses der im Felddienst verwundeten Militärpersonen“ endete. In der Folge wurden weitere „Regeln“ für die Kriegsführung zwischen den Staaten vereinbart, die in der Praxis aber leider sehr häufig nicht eingehalten wurden – die Logik des Krieges lässt am Ende keine Menschlichkeit zu.

Trotzdem bemühte man sich mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, mit der Einrichtung von geplanten und militärisch verwalteten Lagern, Kriegsgefangene einigermaßen geordnet unterzubringen. Ob hier der Humanismus der Grund für dieses Tun war, oder ob man ganz praktisch davon ausging, dass, wenn man die gegnerischen Gefangenen einigermaßen korrekt behandelte, auch auf Selbiges für die eigenen Landsleute hoffen konnte, die dem Gegner in die Hand fielen, sei einmal dahingestellt.

In Deutschland wurden dazu im ganzen Land Dutzende solcher Kriegsgefangenenlager eingerichtet, so auch auf dem Schießplatz am Griesheimer Sand.

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Lage des Griesheimer Kriegsgefangenenlagers auf einer historischen Karte. Das Lagergebiet ist leicht hervorgehoben. Quelle: Stadtarchiv Griesheim

Das Lager lag dort südwestlich des vorhandenen Barackenlagers, das weiterhin durch das deutsche Militär genutzt wurde. Es lag in etwa an der Mitte der Nordgrenze des Schießplatzareals und bestand aus zahlreichen Baracken, die in acht Reihen nebeneinander angeordnet waren. Jede Reihe umfasste 6 Gebäude. Hier waren die Schlafräume der Gefangenen untergebracht. Umliegend befanden sich zahlreiche weitere Einrichtungen: Räume der Wachmannschaften, ein Lazarett, eine Kirche, ein Veranstaltungsraum, Sportplätze und Gärten. Das Lager war von einem gesicherten Zaun umgeben und intern auch noch durch Zäune unterteilt.

Einen guten Überblick mit vielen tiefer gehenden Informationen über das Lager (inkl. zahlreicher Bilder) finden sich unter diesem LINK.

Auch wenn die „sozialen“ Einrichtungen, die das Lager vorzuweisen hatte, auf den ersten Blick positiv erscheinen: In dem Lager war niemand freiwillig und der Aufenthalt dort war hart und gefährlich. Gefangene Soldaten, die keine Offiziere waren, durften zur Zwangsarbeit herangezogen werden. Viele der Soldaten waren verwundet angekommen. Unter den Lagerbedingungen konnten sich Krankheiten leicht ausbreiten. Schon Anfang 1915 waren dort mehr als 10.000 Menschen eingesperrt, ein halbes Jahr später 15.000.

Mindestens 605 von ihnen starben während ihrer Gefangenschaft in Griesheim.

Eine kritische Betrachtung des Lagers und Informationen über die Infrastruktur finden Sie auf der Seite von Walter Kuhl. Schauen Sie sich seinen Text bitte einmal an. Dort finden Sie auch zahlreiche Zitate aus der  Griesheimer Presse, die zeigen, wie unkritisch damals das Lager in Griesheim gesehen wurde und wie die Inhaftierten teilweise offen rassistisch beleidigt wurden.

Zeitweise wurde das Kriegsgefangenenlager auch von einer Eisenbahnstrecke erreicht, die extra dafür von Darmstadt aus hierher gebaut wurde. Infos darüber finden Sie bei Walter Kuhl (s.o.) und auf meinem Blog unter diesem LINK.

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Das Kriegsgefangenenlager wurde in französischer Besatzungszeit unter der Bezeichnung „Camp Général Bardot“ weitergeführt. Der Uhrturm stammt noch aus der Zeit vor 1918. Er stand im Zentrum des Lagers, von dort konnten alle Mannschaftsunterkünfte gut gesehen werden. Das Titelbild ganz oben wurd wohl von dem Turm aus aufgenommen. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim, ebenso wie das Titelbild.

Das Kriegsgefangenenlager bestand bis 1918, bis zum Ende des Krieges vor nunmehr fast 100 Jahren. Kurze Zeit wurden die Gebäude noch durch die französischen Besatzungsoldaten verwendet. Spätestens nach deren Abzug 1930 wurden die Gebäude niedergelegt.

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Luftbild von 1925, Blick nach Südosten. Im Vordergrund ist Griesheim zu sehen, am unteren Bildrand liegt die Lutherkirche. Das Kriegsgefangenenlager ist im hinteren Bildbereich deutlich zu erkennen.

Nach dem Abbruch der Gebäude lagen die Flächen einige Jahre brach, gehörten aber immer noch zum militärischen Bereich des Schießplatzes. Deshalb wurde diese Fläche wie der gesamte Griesheimer Sand 1937 ausgemeindet und gehörte bis 1977 zu Darmstadt. Die Nordgrenze des Bereiches wurde durch den Hausweg markiert, der einige Jahre damit auch die Stadtgrenze darstellte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gelände mit der neu angelegten Siedlung Sankt Stephan bebaut.

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Lage des Kriegsgefangenenlagers im heutigen Stadtplan.

Heute weist an der Stelle des Kriegsgefangenenlagers nichts mehr auf dieses tragische Kapitel in der Griesheimer Geschichte hin. Es gibt keine baulichen Reste und keine Erinnerungstafeln. Es ist bedauernswert, dass in Bezug auf den Griesheimer Schießplatz derzeit nur an die vermeintlich positiven Aspekte des Bereiches, nämlich die Fliegerei, erinnert wird. Die militärische Geschichte Griesheims taucht dagegen kaum auf, im Gegenteil: Man ist im Moment drauf und dran, deren letzte bauliche Reste aus dem Stadtbild zu tilgen.

Ich halte das für mehr als gefährlich. Die Katastrophe der beiden Weltkriege, die die Deutschen begonnen haben, hatte ihre Ursache unter anderem auch in der damals unkritischen oder sogar positiven Sicht gegenüber dem Krieg. Diese Haltung war damals nicht auf irgendwelche Zirkel im fernen Berlin beschränkt, sondern im ganzen Land weit verbreitet. Auch in Griesheim. Deswegen müssen wir uns überall daran erinnern, was im 20. Jahrhundert im deutschen Namen angerichtet wurde. Auch in Griesheim.

Wie wichtig das ist, merkt man, wenn man nun aus Österreich wieder Stimmen hört, die fordern, Menschen „konzentriert“ unterzubringen und „zusammenzufassen“. Zwar darf man nicht die Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkrieges mit den Konzentrationslagern des Dritten Reiches vergleichen. Ich bin aber der Meinung, dass es schon zu beachten ist, dass die Generation, die die Kriegsgefangenenlager im Ersten Weltkrieg als „normale“ Begleiterscheinung des Krieges erlebt hat, einige Jahre später mehrheitlich keinen Protest dagegen erhebt, dass man nun Menschen auch aus politischen oder rassistischen Gründen in Lager einsperrt.

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