Verlassene Siedlungen

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Griesheim liegt ungewöhnlich weit von seinen Nachbarorten entfernt. Dies hat auf der einen Seite landschaftliche Gründe: Die Sanddünenlandschaft östlich von Griesheim war für die Besiedlung unattraktiv und blieb deshalb relativ leer.

Zum anderen sind aber auch zahlreiche Siedlungen bei Griesheim im Laufe der Zeit verlassen worden.

In Zeiten, in denen man Wege zu Zielen außerhalb des Wohnortes für gewöhnlich mit dem Auto oder der Bahn erledigt, fällt es vielleicht nicht mehr so auf: Wenn man aber mal mit dem Rad oder zu Fuß unterwegs ist, markt man, dass zwischen Griesheim und seinen Nachbarorten doch eine recht große Distanz ist.

Wolfskehlen liegt mit 3,7 Kilometern noch recht nahe. Nach Büttelborn sind es aber schon fünf Kilometer, nach Darmstadt und Pfungstadt sieben, jeweils zwischen den historischen Ortskernen gemessen. Der durchschnittliche Abstand zwischen Siedlungen ist in unserer Region in der Regel aber niedriger.

Die Gründe für die einsame Lage Griesheims sind zum einen, wie oben schon angedeutet, in der Landschaft zu suchen. Östlich von Griesheim liegt das Sanddünenland. Hier versickert Wasser recht schnell, es gibt keine Bachläufe. Siedlungen sind aber auf die Versorgung mit Frischwasser angewiesen, deshalb wurde im Dünenland nie gesiedelt.

Dies erklärt aber nur, warum es östlich von Griesheim und westlich von Darmstadt keinen Ort gibt. Nördlich und südlich sind dagegen bessere Bedingungen gegeben, entlang des Altneckarlaufes findet sich die klassische Ökotopengrenzlage, die wunderbar zum Siedeln geeignet wäre. Und tatsächlich wurde das auch gemacht. Denn alte Urkunden beweisen, dass Griesheim vor Jahrhunderten Nachbarsiedlungen hatte: Otterstatt, Breitenbach und Haselach.

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Die Griesheimer Umgebung 1766/1772, Kartenausschnitt aus einer Karte, die den Rheinverlauf zwischen Mannheim und Mainz darstellt. Quelle: Kristoff Doffing langen.ykom.de / Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt. Die Karte ist gewestet. Zu erkennen ist neben den damals existierenden Ortschaften das Projekt eines Kanalbaus von Johann Jakob Hill , das Darmstadt mit dem Rhein verbinden sollte. Hill hat (vermutlich aus Geschichtsinteresse) auch die verlassenen Siedlungen Hasalahe und Otterestat eingetragen.

 

Otterstatt

Otterstatt lag zwischen Griesheim und Büttelborn. Es wurde im Jahr 1002 als Otterestat erstmals erwähnt und zwar im Zusammenhang mit einer Grenzbeschreibung. 1085 taucht es nochmal als Otterdstat auf. 1482 wird es das letzte Mal als Otterstatt erwähnt. Die genaue Lage des Ortes ist nicht bekannt, lediglich ein alter Wegename in Büttelborn weist auf einen Bereich nördlich von Griesheim hin. Es ist auch nicht bekannt, was wir uns unter Otterstatt vorzustellen haben: einen Hof, einen Weiler, eine Siedlung?

Haselach

Südlich von Griesheim, näher bei Pfungstadt gelegen, wird Haselach vermutet. Es wird nur ein einziges Mal in einer Schenkung an das Kloster Lorsch im Jahre 804 als Hasalahe erwähnt. Die Urkunde beschreibt den Ort als wilar, es könnte sich um ein Gehöft gehandelt haben. Einen ähnlichen Namen hat übrigens der immer noch existierende Ort Haßloch, der heute ein Stadtteil von Rüsselsheim ist.

Breitenbach

Ebenfalls südlich von Büttelborn und östlich von Dornheim lag angeblich Breitenbach. Es wird 1423 als Breidenbach erstmals bei einer Grenzbeschreibung des Lorscher Wildbannes genannt und verschwindet danach wieder im geschichtlichen Dunkel.

Gehaborn

Neben dem heute noch existierenden Gehaborner Hof hat es möglicherweise eine Siedlung gegeben. Hier zeigt sich aber das Problem mit den Ortsnennungen: Zwischen Höfen und Siedlungen wurde bei der Namensgebung nicht unbedingt unterschieden.

Ebenso wenig wir über die Existenz der oben genannten Orte wissen, wissen wir über ihr Verschwinden. Grundsätzlich ist es nicht ungewöhnlich, dass im Mittelalter Orte wüst fallen. Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Zerstörung durch Krieg
  • Zerstörung durch Naturgewalten
  • Krankheiten, wie die Pest in der Mitte des 14. Jahrhunderts
  • Die Bewohner verlassen die Siedlung

Vor allem der letzte Punkt scheint ein wichtiger zu sein. Man muss sich vorstellen, dass im Mittelalter Siedlungen noch nicht den endgültigen Charakter hatten, den wir uns heute vorstellen. Die meisten Gebäude waren aus Holz errichtet. Dachdeckungen bestanden meist aus Holzschindeln. Man kann sich vorstellen, dass derartige Bauwerke der ständigen Erneuerung bedurften. Die Aufgabe eines Hauses und ein Ersatzneubau waren daher nicht ungewöhnlich. Dementsprechend mobil waren auch die Siedlungen. Nur aus wenigen Gebäuden bestehend, variierten sie wohl ständig ganz leicht ihren Standort.

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Rekonstruktion mittelalterlicher Häuser in Lütjenburg.

Es war daher damals viel leichter möglich, einen Ort vollständig aufzugeben und an anderer Stelle neu zu siedeln. Im Mittelalter gibt es große Siedlungsbewegungen. Im östlichen Mitteleuropa entstehen hunderte Städte und Dörfer neu. Aus dem Altsiedelland, also zum Beispiel aus unserer Region, werden gezielt Menschen angesprochen und als Siedler für die neu erschlossenen Gebiete geworben. In der Sage des Rattenfängers von Hameln hat sich die Erinnerung daran bis heute gehalten.

Neben dieser Ostsiedlung wurde aber auch der Binnenbereich dichter besiedelt. In den Mittelgebirgen entstanden Siedlungen in bisher menschenleeren Tälern, z.B. im südlichen Odenwald, wo unter anderem im Sensbachtal planmäßig Waldhufendörfer angelegt wurden. Außerdem wurden Städte massiv ausgebaut oder neu gegründet: Darmstadt wurde ab 1330 als Stadt neu angelegt, Frankfurt vergößerte seine Stadtfläche zeitgleich durch die Anlage der Neustadt um mehr als das Doppelte.

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Rekonstruktion des mittelalterlichen Griesheims. Die roten Dreiecke zeigen die Standorte von Lutherkirche (links), Nikolosehaus (Mitte), Zöllerhannes (unten) und Kreuz (rechts). Die Hauptstraße in der Mitte ist heute die Pfützenstraße. Das Bild ist urheberrechtlich geschützt.

Nicht unterschätzt werden darf auch die Tatsache, dass bestehende Siedlungen im 13. und 14. Jahrhundert entsprechend der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen völlig neu strukturiert wurden. Dies führte nicht selten zu einer planmäßigen Neuanlage der Dörfer auf stadtartigen Grundrissen, so wie dies auch in Griesheim der Fall gewesen sein könnte.

Der „Untergang“ von Otterstatt, Breitenbach und Haselach muss daher kein dramatisches Ereignis gewesen sein. Die benachbarten Dörfer und Städte könnten schlicht so attraktiv gewesen sein, dass man seinen Wohnort für immer verließ und sich ein paar Kilometer weiter ansiedelte.


Quellen:

  • „Otterstatt, Landkreis Groß-Gerau“, in: Historisches Ortslexikon <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/13842> (Stand: 17.2.2014
  • „Breitenbach, Landkreis Groß-Gerau“, in: Historisches Ortslexikon <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/13830> (Stand: 17.2.2014)
  • „Haselach, Landkreis Darmstadt-Dieburg“, in: Historisches Ortslexikon <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/ol/id/13661> (Stand: 25.9.2014)

Das Titelbild zeigt Grundmauern aus dem römischen Dorf (Vicus), dass neben der Saalburg im Taunus entstanden war.

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