Als der Darmbach bei Griesheim verschwand

Leicht nach Kläranlage duftend und in ein gradliniges, unnatürliches Betonkorsett eingezwängt fließt ein schmales Gewässer nördlich von Griesheim in Richtung Westen. Die Rede ist von der Landwehr, die hier, an der Gemarkungsgrenze zu Büttelborn, verläuft. Ihre Bauart, ihr Name und der Geruch zeigen es gleich: Man hat es hier nicht mit einem natürlichen Gewässer zu tun. Sucht man nach der Herkunft des Gewässers auf der Landkarte, wird man im Bereich des Gehaborner Hofes fündig. Denn bis hier heißt der Wasserlauf Darmbach.

Wieso aber wechselt der Darmbach in Griesheim seinen Namen? Ein Blick dazu in alte Landkarten zeigt noch Erstaunlicheres: Ursprünglich ist der Darmbach nördlich von Griesheim spurlos verschwunden…

Die „Landwehr“ nördlich von Griesheim: Parallel zur alten Landstraße von Darmstadt nach Dornheim („Dornheimer Weg“) verläuft das Gewässer, stets in einem Bett aus Beton. Die Landwehr ist gleichzeitig die Grenze zwischen Griesheim (links) und Büttelborn.

Der Darmbach ist ein recht kurzes Gewässer. Er entspringt südöstlich von Darmstadt in den Ausläufern des Odenwaldes auf Ober-Ramstädter Stadtgebiet. Nach wenigen Kilometern erreicht er die Bebauung von Darmstadt nahe des Vivariums. Von einigen Fischteichen abgesehen verläuft der Bach bis hierher einigermaßen naturnah. Ab dem Botanischen Garten wird er jedoch in künstliche Betten gefasst und mündet in den Großen Woog.

Heutiger Lauf des Darmbaches im Stadtgebiet von Darmstadt und der Landwehr im Stadtgebiet von Griesheim. Quelle: Open Topo Map mit eigenen Eintragungen.

Westlich dieses künstlichen Stausees, der ursprünglich als Fischteich und als Hochwasserschutz diente, ist nur noch ein kurzes Stück Darmbach in der Rudolf-Müller-Anlage zu sehen, bevor der Bach in die städtische Kanalisation eingeleitet wird. An dieser Stelle endet im Prinzip heute der Darmbach.

Der Große Woog in Darmstadt ist ein Stausee, der hauptsächlich vom Darmbach gespeist wird.

Allerdings taucht nahe der Hauptkläranlage der Stadt Darmstadt am nordwestlichen Ortsausgang Richtung Weiterstadt wieder ein Gewässer auf, das als Darmbach bezeichnet wird. In ihm wird das aufbereitete Wasser aus der Kläranlage, und damit teilweise natürlich auch das zuvor in die Kanalisation eingeleitete Darmbachwasser abgeführt. Das Gewässer fließt nach Südwesten, am Weiterstädter Stadtteil Riedbahn vorbei bis zum Gehaborner Hof. Westlich davon wechselt der Name nun also vom Darmbach zur Landwehr, die nordwestlich von Griesheim bei der Hohen Brücke in das verbliebene Teilstück des Landgrabens mündet. Von da fließt das Wasser in den alten Neckarlauf bei Groß-Gerau und schließlich als Schwarzbach bei Trebur in den Rhein.

Plan der Darmstädter Altstadt. In blau dargestellt ist der Darmbach, der im Nordwesten der Altstadt auch den Schloßgraben füllte. Südöstlich vor der Stadtmauer lag ein kleiner Stauteich, der „Kleine Woog“. Zeichnung Daniel Jünger.

Die Unterbrechung des Darmbaches zwischen Woog und Kläranlage erfolgte erst mit der Anlage der Darmstädter Kanalisation Ende des 19. Jahrhunderts. Davor floß der Darmbach vom Woog aus nach Westen, durchquerte die Darmstädter Altstadt (dort allerdings schon seit dem 17. Jahrhundert überbaut), füllte den Schloßgraben mit Wasser und lief dann durch den heutigen Herrngarten und das heutige Johannesviertel nach Nordwesten, wo der Bach nahe der heutigen Kläranlage vorbeifloss. Ab dort nahm der historische Darmbach den gleichen Lauf zum Gehaborner Hof, wie sein unnatürlicher Nachfolger.

Der historische Verlauf des Darmbaches lässt sich ganz gut in alten Karten nachvollziehen. Allerdings gilt dies tatsächlich nur für den Darmbach selbst. Die Landwehr taucht in keiner alten Karte auf. Erstaunlicherweise scheint der Darmbach etwas westlich des Gehaborner Hofes versickert zu sein.

Die älteste Karte, die dies möglicherweise darstellt, stammt aus der Zeit um 1600. Die „Charte oder ohngefährer Entwurff des Fürstenthumbs Ober Hessen Darmbstadt“  stellt in der Gesamtdarstellung die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, also das heutige Südhessen, das Rhein-Main-Gebiet und Mittelhessen dar. Eine Vergrößerung des Bereiches um Griesheim, Darmstadt und den Gehaborner Hof zeigt nicht nur die genannten Ortschaften, sondern auch den Darmbach.

Ausschnitt aus der „Charte oder ohngefährer Entwurff des Fürstenthumbs Ober Hessen Darmbstadt“ mit ergänzten Ortsnamen. Karte ist gewestet. Quelle: Kristof Doffing darmstadt.ykom.de / Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt.

Zunächst fällt bei der Karte natürlich der skizzenhafte Charakter auf. Sie scheint auf keiner Vermessung im heutigen Sinne zu beruhen. Vor allem im Bereich der heutigen Weiterstädter Stadtteile tritt dies deutlich zu Tage. Auf der anderen Seite sind fast alle heutigen Ortschaften erwähnt und dargestellt. Zwischen den Orten gibt es geschlängelte Linien, die offensichtlich Gewässer darstellen. Westlich von Griesheim ist so der Landgraben zu sehen. Zwischen Darmstadt und Gehaborn ist ebenfalls ein Gewässer eingetragen – wahrscheinlich der Darmbach. Die Verbindung des Darmbaches zum Landgraben, also die heutige Landwehr fehlt jedoch. Der Darmbachlauf endet nach dieser Karte in der Landschaft – und versickert? Da jedoch auch der Oberlauf des Baches fehlt, kann die Landwehr aufgrund der allgemeinen Ungenauigkeit der Karte nicht dargestellt worden sein.

Es soll deshalb eine weitere Karte betrachtet werden. 1696 wurde eine Karte erstellt, die das Amt Dornberg, also den südlichen Teil des heutigen Kreises Groß-Gerau darstellt (ganze Ansicht hier). Ein Ausschnitt zeigt den Bereich zwischen dem Gehaborner Hof und dem Landgraben westlich von Griesheim:

Ausschnitt aus: Das Ampt Dornberg, worinnen nicht allein die Dörffer, sondern auch alle Höffe, Bäche, nahmhaffte Gräben, Gebäuden, Burg, Strassen und Weege wie auch der Landteich, Krumme des Rheins genau gezeichnet mit angränzenden ….. (Mit einer Ansicht der Schwedensäule bei Erfelden und einer Widmung an Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt), ca. 1696. Karte ist geostet. Quelle: Kristof Doffing langen.ykom.de / Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt.

Auch diese Karte ist im heutigen Sinne nicht besonders genau und wieder recht skizzenhaft. Allerdings hat sich der Verfasser große Mühe gegeben, einzelne Gewässer, zum Beispiel den Landgraben, recht genau darzustellen. Alle damals vorhandenen Brücken sind zu sehen, auch die Hohe Brücke bei Griesheim. Und man sieht alle in den Landgraben einmündenden Gewässer. Dabei fällt auf: Der Schlimme Graben, der aus Richtung Weiterstadt an Büttelborn vorbei zum Landgraben fließt, ist dargestellt. Ebenso der Blindgraben südlich von Büttelborn. Beide münden in den Landgraben. Bei einem weiteren Gewässer ist dies anders: Dieser Bach fließt am Gehaborner Hof vorbei und endet noch vor einer Mündung in den Landgraben. Hier muss es sich aufgrund der Lage um den Darmbach halten – die Landwehr fehlt wieder.

Eine Karte von 1751 (Gesamtdarstellung hier) zeigt allerdings etwas anderes. Der Darmbach, hier als Darmstadt fl(uss) bezeichnet, fließt bis zum Landgraben durch:

Ausschnitt der Karte „Hessen 1751 in 2 Blättern“. Quelle: Kristof Doffing langen.ykom.de / Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt.

Allerdings sind in dieser Karte wieder diverse Darstellungen enthalten, die auch sie als eindeutiges „Beweismittel“ in Frage stellen bzw. neue Fragen aufwerfen: Der Darmstadt fl(uss) fließt in der Karte nahe an Weiterstadt und fälschlicherweise nördlich an Gehaborn vorbei. Er mündet in ein Gewässer, dass westlich von Dornheim liegt, während der Landgraben eindeutig östlich des Ortes lag. Ist hier überhaupt der Landgraben gemeint? Oder wird er mit dem alten Neckarlauf verwechselt? Büttelborn liegt viel zu weit von Griesheim entfernt, zwischen beiden Orten ist Dornheim eingetragen und zusätzlich ein rätselhafter Ort namens Gräfenbruck. Ist das die heutige Hohe Brücke? Die Quellen des Darmbaches befinden sich nach dieser Karte nördlich von Roßdorf, tatsächlich sind sie südlich…

Schauen wir auf die nächste Karte: Sie stammt aus dem Jahr 1762 (Gesamtansicht hier). Der Verfasser der Karte hat in weiten Teilen die Darstellung der zuvor gezeigten Karte übernommen:

Exactissima Totius Vederoviae Late Sumtae Tabula : Cujus Pars Prima Est Vederovia Stricte Sic Dicta Versus Meridiem; Altera Vero Vestrovaldia Ad Septentrionem Sita In IV. Mappis Geogr. Proposita Cum Adiac. Regionibus. ; Cum Plurim. Privil. / delineata à W. C. Buna V. D. M. Gravé par A. Reinhardt, à Francfort sur le Mayn. Quelle: Kristof Doffing langen.ykom.de / Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt.

Allerdings läuft der Darmstädterbach nun recht eindeutig durch Weiterstadt. Dornheim liegt immer noch auf der falschen Seite des Landgrabens und aus dem rätselhaften „Gräfenbruck“ ist nun ein „Greffenhafen“ (!) geworden. Auch hier fließt der Darmbach aber bis zum Landgraben durch.

Ist also das Versickern des Darmbaches nur in Karten des 17. Jahrhunderts zu sehen?

Eine Karte von 1766 (Originalgröße hier), die also nur vier Jahre jünger ist als die eben gezeigte, stellt wieder völlig anderes dar:

Ausschnitt aus: Der Rheinverlauf Mannheim, Lampertheim, Biblis, Stockstadt, Gintzheim, Mainz 1766. Quelle: Kristof Doffing langen.ykom.de / Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt.

Die Karte beinhaltet eine ganze Reihe von nachträglich ergänzten Informationen. Neben Truppenstellungen eines Manövers bei Weiterstadt wurde auch ein nie realisiertes Kanalprojekt von Darmstadt zum Rhein eingetragen. An zwei Stellen wird das Bauwerk als „Landwehr“ bezeichnet. Es mündet bei der heutigen Hohen Brücke in den Landgraben. Die in den oben gezeigten Karten westlicher liegende Darstellung des Landgrabens trägt hier den Namen „Alter Landgraben“, muss also doch nicht falsch gewesen sein. Spannend ist aber, dass offensichtlich auch der damals vorhandene Darmbach zu sehen ist: Der verläuft leicht geschlängelt von Darmstadt aus nach Nordwesten und dann in Richtung von Gehaborn. Vor dem Erreichen des Hofes allerdings verschwindet er. Wieder könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass der Darmbach damals irgendwo beim Gehaborner Hof versickerte.

Eine Karte, die diesen Verdacht wieder bestätigt, stammt aus dem Jahr 1790. Sie beschäftigt sich explizit mit dem Landgraben und seinen Zu- und Abflüssen, es sind zahlreiche Eintragungen zu Wasserbaumaßnahmen enthalten (Gesamtansicht hier). Auch wenn diese Karte wiederum recht skizzenhaft ist, sollte man davon ausgehen, dass zumindest die Gewässer recht genau dargestellt wurden:

Ausschnitt aus: Brouillon der Gegend am Landgraben zwischen Griesheim und Wolfskehel (Wolfskehlen), bis zur Sandbach. Von Johann Jakob Hill. Erschienen: ca. 1790. Karte ist geostet. Quelle: Kristof Doffing langen.ykom.de / Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt.

Die Karte besteht aus einer detaillierteren Darstellung des Landgrabens bei Griesheim, die aber den Bereich um die Hohe Brücke nicht darstellt und damit die Mündung des Darmbaches in den Landgraben gar nicht zeigen würde. Interessanter ist eine kleine Übersichtskarte am Rande des Blattes, die oben als Ausschnitt zu sehen ist. Von Osten (also von oben) münden keinerlei Wasserläufe in den Landgraben ein, der Darmbach und die Landwehr sind nicht zu sehen. Der Darmbach muss daher irgendwo verschwunden sein.

Nach 1790 werden die Landkarten immer genauer. Wie leider viel zu häufig in der Menschheitsgeschichte hat auch dieser technische Fortschritt militärische Gründe. Mit der Französischen Revolution ab 1789 brechen unruhige Zeiten in Europa an. Bis 1815 finden zahlreiche Kriege statt. Die Strategen erkennen, welche taktischen Vorteile der Besitz von detailierten und korrekten Landkarten hat.

Die folgende „Special Karte“ von 1795 stellt die Gegend des heutigen Süd- und Rheinhessens deshalb ziemlich genau dar. Die gesamte Darstellung finden Sie hier. Einen Ausschnitt mit dem Lauf des Darmbaches habe ich im folgenden dargestellt:

Ausschnitt aus: Special Carte Des Rheinlaufes Von Speier Bis Bingen Nebst Den Angraentzenden Gegenden Von Beiden Ufern Bis An Die Gebirge. … 1795. Quelle: Kristof Doffing langen.ykom.de / Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt.

In die Karte ist der gesamte Darmbach – wenn auch ohne Namensbezeichnung – eingetragen. Der Quellbereich ist korrekt dargestellt und auch der Verlauf durch Darmstadt. Nordwestlich der Stadt findet sich dann Erstaunliches: Der Bach scheint sich zu teilen, ein Lauf fließt in Richtung Weiterstadt, um dort anscheinend zu versickern. Damit ist die weiter oben gezeigte Führung des Darmbaches (Karten von 1751 und 1762) nach Weiterstadt vielleicht doch korrekt gewesen? Ein weiterer Arm des Darmbaches führt zum Gehaborner Hof und endet in einem Waldstück westlich des Hofes. Die Landwehr ist nicht eingetragen und damit fehlt auch die Verbindung zum Landgraben. Wieder scheint der Darmbach nördlich von Griesheim zu versickern.

Genaueres zeigt eine Karte von 1800. Der Vorteil der Karte, die in der Gesamtdarstellung (hier) den nördlichen Teil des heutigen Südhessens zeigt ist, dass neben einer noch größeren Genauigkeit die Wasserläufe farbig (blau) angelegt wurden.

Ausschnitt aus: Situationskarte der Gegend zwischen Rhein, Main, Neckar und Tauber. Johann Heinrich Haas. Bl.1 bis 4. Ca. 1800. Quelle: Kristof Doffing langen.ykom.de / Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt.

Die Verbindung des Darmbaches nach Weiterstadt ist hier nicht mehr Thema. (Der Schlimmer Graben bei Weiterstadt wird hier vielmehr aus Richtung Kranichstein (Ruthsenbach) gespeist). Der Darmbach selbst fließt in dieser Karte ausschließlich zum Gehaborner Hof, um auch hier wieder in einem Waldstück westlich des Hofes zu versickern. Er dringt nicht bis zum Landgraben durch, die Landwehr ist nicht eingezeichnet.

1801, also in der gleichen Zeit wie die Landkarte zuvor, wurde eine Karte veröffentlicht, die das Rheintal zwischen Mannheim und Mainz zeigt (ganze Ansicht hier).

Ausschnitt aus: Topographische Carte der Gegend zwischen Rhein, Neckar und Main. Reducirt und gezeichnet von Gottfried Meister. 1801. Quelle: Kristof Doffing langen.ykom.de / Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt.

Auch diese Karte ist bunt gehalten, kleine Wasserläufe sind jedoch nicht immer gut zu erkennen. Begleitet werden sie jedoch durch Baumreihen oder grüne Flächen, die wahrscheinlich Wiesen darstellen. Der aus der Karte zuvor bekannte Lauf des Darmbaches ist zwischen Darmstadt und Gehaborn als eine solche Wiesenfläche nachvollziehbar. Westlich des Gehaborner Hofes ist ein grau dargestelltes Waldstück enthalten, in dem eine kleine grüne Fläche (mit viel gutem Willen) zu erkennen ist, und zwar genau da, wo die Versickerungsstelle des Darmbaches in den Karten zuvor auch dargestellt ist. Die Stelle dürfte etwa dort liegen, wo man heute das große Regenrückhaltebecken am „Triesch“ findet.

Die Karte von 1801 ist vielleicht die letzte Karte, die das Phänomen des versickernden Darmbaches zeigt. Denn in folgender Karte (Gesamtansicht hier) von 1816/19 findet sich nun anderes:

Chorographische Karte / von dem Großherzogthume Hessen / nach dem Staatsvertrage vom 30. Juni 1816. / Entworfen und herausgegeben von / G(ottfried) Meister, / Obristlieutenant im Großherzoglich Hessischen Generalstabe. C(onrad) Felsing, sc. Darmst. Darmstadt, (ca. 1819). Quelle: Kristof Doffing langen.ykom.de / Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt.

Der Darmbach fließt hier nämlich bis zum Landgraben durch. Leider ist weder der Darmbach selbst , noch die Landwehr namentlich beschriftet, aber zum ersten Mal ist ein Bachlauf dargestellt, der der heutigen Situation geometrisch entspricht.

In den Karten der nachfolgenden Zeiten ändert sich das nicht mehr. Als Beispiel sei hier nur noch eine Manöverkarte aus dem Jahre 1828 gezeigt, die in ihrer Gesamtansicht die Gegend zwischen Griesheim, Weiterstadt und Erzhausen darstellt. Aufgrund des Maßstabes ist sie sehr detailiert gehalten.

Mit einer dünnen Linie, die man in der Originaldarstellung auf Kristof Doffings Seite (bitte „große Version“ anklicken) besser erkennt, ist der Darmbach und die Landwehr als Gewässer vom Gehaborner Hof bis zum Landgraben dargestellt.

Zusammengefasst zeigt sich also folgende Situation:

  • Zahlreiche Landkarten zeigen in der Zeit von 1600 bis 1801 einen Darmbachverlauf, der westlich des Gehaborner Hofes endet.
  • Der Bach könnte hier versickert sein.
  • Andere Karten zeigen einen alternativen oder abzweigenden Lauf des Darmbaches von Darmstadt nach Weiterstadt (heute „Schlimmer Graben“).
  • Aus der Zeit vor 1600 liegen keine Karten vor.
  • Ab 1816 wird ein Bachlauf dargestellt, der bis zum Landgraben durchläuft, die Versickerung ist hier kein Thema mehr.
Zwischen dem nördlichen Odenwald und dem Rhein bzw. Altneckar liegt ein Sanddünengebiet.

Eine Versickerung des Baches in dem Bereich ist grundsätzlich nicht unrealistisch. Zahlreiche andere Bäche, der den Odendwald in westlicher Richtung an der Bergstraße verlassen, sind ursprünglich nicht bis zum Rhein bzw. zum Altneckar durchgeflossen, sondern versickert. Dies liegt an der besonderen geologischen Situation: Der stetige Westwind hat in der Zeit nach der letzten Eiszeit feine Sandkörner aus dem Flussbett des Rheines nach Osten getragen und dort als Sanddünenlandschaft abgelagert. Einen Artikel auf diesem Blog, der das genauer erklärt, finden Sie hier.

Die Situation vor der Besiedlung des Menschen kann natürlich nicht genau rekonstruiert werden. Digitale Höhenmodelle des Bereiches um Griesheim und Büttelborn zeigen aber: In der scheinbar flachen Dünenlandschaft lagen zahlreiche Wasserläufe, die in sanften Schwüngen von Ost nach West zogen. Mit dem bloßen Auge sind sie nicht zu sehen, die moderne Aufteilung der Felder ignoriert sie. Auch im Luftbild erkannt man nichts mehr. Erst die zentimetergenaue digitale Geländemessung macht sie sichtbar.

Digitales Geländemodell. Ausschnitt eines Bereiches bei Griesheim. Die jeweilige Geländehöhe ist farblich hinterlegt. Blau sind die tiefsten Bereiche, lila die mittleren und grün die höchsten Lagen. Insgesamt ist hier aber ein Höhenunterschied von nur wenigen Zentimetern dargestellt. Trotzdem zeichnet sich ein alter Wasserlauf ab, der mit blauen Punkten hervorgehoben ist. Rot die modenen Feldwege. Quelle: Heimatmuseum Griesheim e.V.

Jedoch werden diese Wasserläufe nur dann „in Betrieb“ gewesen sein, wenn der Grundwasserspiegel hoch lag und eine entsprechende Regenmenge vorlag. Dann ist das Wasser in dem durchlässigen Sand nicht versickert, sondern suchte sich oberirdisch seinen Weg. Solche Naßrinnen boten in dem ansonsten trockenen Sanddünenland für die Vegetation bessere Bedingungen. In der Folge waren sie wahrscheinlich recht dicht bewachsen. Abgestorbene Pflanzen wurden hier zu Humus, der zu einer gewissen Abdichtung der Wasserinne und damit zu einer Verstetigung geführt haben wird. Trotzdem wird es weiterhin Phasen gegeben haben, die von Austrocknung geprägt waren.

Es gibt aber auch Beispiele für dauerhafte Bachläufe. Gewässer mit großen Wassermengen aus dem Odenwald, wie die Modau, führten genug Sedimente mit sich, um mit diesem Material ihr Bett im Sanddünenland aufzuschottern und „abzudichten“. Das Bett der Modau wird nur selten trockengefallen sein.

Zu welcher der beiden oben geschilderten Gruppen der Darmbach gehört haben mag, ist Spekulation. Dies müsste wissenschaftlich untersucht werden. Denkbar ist natürlich, dass der Darmbach schon vor der Besiedlung des Gebietes  durch den Menschen im Bereich des Gehaborner Hofes versickert ist. Das Wasser könnte unterirdisch weiter nach Westen gelangt sein und in den immer noch feuchten Gebieten des heutigen Münchsbruches oder bei den Fischteichen am Landgraben wieder zu Tage getreten sein.

Alternativ ist aber auch denkbar, dass der Darmbach ursprünglich oberirdisch bis zum Altneckar geflossen ist. Dafür spricht, dass das Gelände etwas südlich der heutigen Landwehr eine leichte Niederung auszuweisen scheint, die den Bachlauf beinhaltet haben könnte.

Landschaft im äußersten Nordwesten des Griesheimer Stadtgebietes. Der Blick geht nach Westen. Am Waldrand rechts fließt heute die Landwehr, am hinteren Waldrand der Landgraben. Am Ende der gestrichelten Linie liegt die Hohe Brücke. Mit bloßem Auge meint man vor Ort, ein Gefälle im Gelände nach Süden, als vom Bach weg (!) zu erkennen.

Römische Besiedlungsspuren nördlich von Griesheim könnten ebenfalls auf den ursprünglich durchgängig fließenden Bach hinweisen, da die Römer aus naheliegenden Gründen Bauplätze in der Nähe von Fließgewässern suchten.

Warum aber sollte dann der Bach versickert sein? Dafür könnte es mehrere Gründe geben:

  • Klimatische oder geologische Veränderungen zwischen der Römerzeit und der Zeit um 1600 könnten den Darmbachlauf verändert haben.
  • Der Mensch könnte (ein Teil) des Darmbachwassers in den heutigen „Schlimmer Graben“ bei Weiterstadt abgeleitet haben.
  • Durch die Stadtgründung von Darmstadt 1330 und das stetige Wachstum der Stadt könnte dort so viel Wasser aus dem  Bach entnommen worden sein, dass im Unterlauf des Baches nicht mehr genug Wasser vorhanden war. Der Rest verdunstete und versickerte dann vor der Mündung.
  • Die Anlage mehrere Stauteiche im Bereich von Darmstadt (Schlossgraben, Kleiner Woog, Großer Woog) könnte zu einer weiteren Verdunstung von Darmbachwasser geführt haben.
  • Der Gehaborner Hof wurde im 13. Jahrhundert von den Mönchen vom Kloster Eberbach angelegt bzw. ausgebaut. Diese waren auch Wasserbauingenieure. Vielleicht wurden am Hof Fischteiche zur Nahrungsmittelversorgung angelegt, die dem Darmbach Wasser entnahmen. Ein Teil des Wassers könnte auch zur Bewässerung eingesetzt worden sein.
  • Spätestens mit dem Ausbau des Gehborner Hofes durch die Landgrafen im 17. Jahrhundert wurden wassergefüllte Gräben um den Hof angelegt, die zu einem Wasserverlust im Bach geführt haben könnten. Die in einer historischen Karte dargestellten Gräben westlich des Gehaborner Hofes könnten zur Feldbewässerung weiter westlich gedient haben.
Historischer Lageplan de Gehaborner Hofes. Deutlich sind die ringsum gefüllten Wassergräben zu sehen. Der Darmbach kommt hier von Osten in scheinbar natürlichem Lauf auf einer Wiese. Es sind mehrere Abflüssen vorhanden die in zwei (!) Gräben nach Westen münden. Die Abflüssen waren wahrscheinlich steuerbar.

Die Änderung der Situation Anfang des 19. Jahrhunderts verwundert nicht. Schon um 1790 (siehe Karten oben) beschäftigte man sich mit Wasserbaumaßnahmen um Griesheim. Ziel war vermutlich die Trockenlegung von Flächen am nördlichen und westlichen Rand der Gemarkung, um zusätzliche Ackerflächen zu gewinnen. In diesem Zusammenhang könnte auch der Darmbach  in ein künstliches Bett (Landwehr) geleitet worden sein. Eine Versickerung des Wassers am Gehborner Hof hatte ja wahrscheinlich bedeutet, dass das Wasser eben an der westlichen Ortsgrenze wieder zu Tage trat und dort die Felder durchnässte.

Dass die Arbeiten an der Landwehr mitten in der Zeit der Napoleonischen Kriege (1789-1815) ist nur scheinbar ein Widerspruch. Denn mit den zahlreichen damals gebildeten Armeen stand natürlich auch eine gewisse „Manpower“ zur Verfügung in den Zeiten, in denen nicht gekämpft wurde. Dass für die Wasserbauarbeiten in Griesheim solche Truppen herangezogen wurden, dafür spricht der noch heute gültige Name für die Brücke der Landstraße von Griesheim nach Büttelborn über die Landwehr: Kosakenbrücke.

Mehrfach wurde in der Folgezeit übrigens die Landwehr noch umgebaut. Mit der Anlage der Darmstädter Kanalisation wandelte sie sich von einem Frischwasser führenden Gewässer in eine Kloake. Allerdings machte man sich dies zu Nutze: Die eigentlich ziemlich unfruchtbaren Felder nördlich von Griesheim wurden mit dem Darmstädter Abwasser berieselt und damit gedüngt. Die Landwehr trug damit zu einem weiteren Ausbau der Landwirtschaft in Griesheim bei, auch wenn das System hygienisch gesehen problematisch war.

Brücke über die Landwehr, Baujahr 1934

In den 1930er Jahren wurde dann die Landwehr und der Unterlauf des Darmbaches in Betonbetten gefasst und neue Brücken angelegt. Der Stausee am Weigandsbusch stammt wohl auch aus dieser Zeit. Mit ihm konnte das Abwasser gezielt über Bewässerungsgräben zu den Feldern geleitet werden. Die Nutzung von Fäkalien der Darmstädter Kanalisation endete nach dem Zweiten Weltkrieg, da sich die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle durch das belastete Gemüse aus Griesheim mehrten. Heute führt die Landwehr die gereinigten Abwässer aus der Darmstädter Kläranlage.

Bleibt nur noch die Frage, warum der Darmbach in Griesheim heute noch seinen Namen verliert, auch wenn das Wasser ja erhalten bleibt. Der Namenswechsel ist meiner Meinung nach eben auch ein Hinweis auf die ehemals vorhandene Wasserversickerung. Der Namenswechsel passiert genau an der Stelle, an der der Darmbach nach Aussage der alten Karten ursprünglich verschwand. Der weitere Lauf ist ein neues Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert, dem man einen anderen Namen gab. Man nutzte für das Bauwerk teilweise die Trasse eines mittelalterlichen Bauwerkes.

Die Darmstädter Landwehr wurde angeblich im 12. Jahrhundert angelegt, wobei ich ein deutlich späteres Datum für wahrscheinlicher halte. Sie verlief von der heutigen Hohen Brücke bei Griesheim nach Osten bis zum Gehaborner Hof und von dort weiter Richtung Darmstadt. Im Stadtgebiet dort weist der Name Landwehrstraße im Johannesviertel und im Industrieviertel noch darauf hin. Die Landwehr hatte exakt den Verlauf, den das oben gezeigte Kanalprojekt aus dem 18. Jahrhundert wieder aufnahm. Der geplante Kanal war dort ja auch als „Landwehr“ bezeichnet.

Die Funktion der Landwehr ist nicht vollständig geklärt. Sie war wohl eher kein Grenzbauwerk wie die Frankfurter Landwehr, die die Gemarkung der Stadt Frankfurt weit außerhalb der Stadtmauern zu schützen hatte. Im Griesheimer Bereich könnte die Landwehr eher das Wild aus dem Büttelborner Wald daran gehindert haben, auf die Griesheimer Felder vorzudringen.