Standort gesucht

stadtplan_fragezeichen
Standort gesucht

Nein, keine Angst. Hier geht es ausnahmsweise nicht um die Standortsuche für ein neues Feuerwehrhaus oder eine Grundschule in Griesheim. Hier haben Sie den 8. und letzten Teil der kleinen Serie über Griesheim im Hochmittelalter und eine mögliche Griesheimer Burg vor sich.

Im Immobiliengeschäft gibt es drei Kriterien zur Bewertung der Lage eines „Objekts“:
1. Lage
2. Lage
3. Lage

Aber wie ist es denn nun mit unserer Griesheimer Burg? Wo könnte die gelegen haben? Und gibt es dafür denn auch Beweise (oder wenigstens Hinweise)? Wir haben in den bisherigen Folgen dieser kleinen Serie ja bereits gehört

welche realen Beispiele es für die bauliche Entwicklungen gibt (Holzheim, Eschelbronn und Amorbach)

Für die Griesheimer Burg kommen nun meiner Ansicht nach drei Standorte in Frage:

stadtplan_burgenstandorte1. Der Bereich der Lutherkirche
2. Der Bereich Hintergasse / Oberndorferstraße / Gäßchen
3. Der Bereich des Flures „Herrenbühl“

Warum diese drei? Schauen wir einmal genauer hin:
1. Bereich Lutherkirche

Im Bereich der Lutherkirche nach dem Standort einer Burg zu suchen drängt sich natürlich zunächst auf. Wir wissen, daß Griesheim bei seiner Ersterwähnung 1165 bereits eine Kirche besaß. Aus der Übersetzung der Urkunde zur Ersterwähnung (Infos hierzu hier, lesen Sie bitte auch den Kommentar) wissen wir außerdem, dass zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt ein Dorf vorhanden gewesen sein muss. Analog zur gleichzeitigen Entwicklung anderer Orte ist es eher wahrscheinlich, daß wir uns unter „Griesheim“ 1165 noch eine Ansammlung von einigen Hubenhöfen um einen Fronhof / Herrenhof vorzustellen haben.

Die Lutherkirche
Die Lutherkirche

Die Kirche wird deshalb nicht eine Pfarrkirche einer Gemeinde gewesen sein, sondern eine sogenannte „Eigenkirche“. Eigenkirchen wurden von Ortsherren sozusagen auf eigene Rechnung betrieben. Sie waren Teil eines Hofes und damit ein Stück weit unabhängig von der offiziellen Kirchenverwaltung und dem zuständigen Bischof. Weiter will ich hier erst mal nicht auf die Eigenkirchen eingehen. Wichtig ist nur der Punkt, daß zwischen dem Fronhof und der Kirche eine gewisse örtliche Nähe bestand. Aus den Beispielen zur Burgenentwicklung haben wir gesehen, daß an der Stelle des Fronhofes oft dann auch eine Burg entsteht. Da eine Kirche ein geweihter Ort war, vielleicht umgeben von einem Friedhof, wird bei dieser Umwandlung auf das Gebäude sicherlich etwas Rücksicht genommen worden sein. Die Griesheimer Burg wäre dann also in direkter Nähe zur Lutherkirche zu suchen sein.
Auf einen anderen Punkt sei hier noch kurz hingewiesen. Die Lage der Lutherkirche als vorgeschobene Bebauung westlich des eigentlichen Ortes hat schon des öfteren zu Spekulationen geführt, ob dies nicht mit einer „Wehrkirche“ zu erklären sei. Wehrkirchen sind in unserer Region jedoch nicht nachzuweisen. Gewiss wird ein von einer Mauer umgebener Kirchhof aber immer eine gewisse fortifikatorische Qualität besessen haben. Von der Groß-Gerauer Stadtkirche weiß man, daß diese im 13. Jahrhundert in einer Fehde zwischen den Gerauer Ortsherren (den Grafen von Katzenelnbogen) und der Stadt Oppenheim provisorisch befestigt wurde.
Neben der Arheilger Kirche haben sich übrigens Reste eines burgartigen Gebäudes gefunden.

 

2. Bereich Hintergasse / Oberndorferstraße / Gäßchen

Eine Burg vermutet im oben genannten Bereich schon der Griesheimer Heimatforscher Karl Knapp. Er führt dabei folgende Hinweise an:

Der Verlauf der Oberndorferstraße mit seiner S-Kurve könnte dadurch erklärt werden, daß diese Straße erst auf etwas zuführte, und diesem etwas dann auf ihrem weiteren Weg nach Norden auswich. Hier könnte man sich natürlich sehr schön eine Burg mit einem nach Süden zeigenden Tor vorstellen.

Genau an der Stelle des möglichen Burgtores befindet sich ein Gehöft, dessen Besitzer seit langer Zeit „Hofbauer“ genannt wird. An dieser Stelle verortet Knapp auch den Hühnenhof, den später auch noch anders genannten herrschaftlichen Hof. Man kann sich natürlich sehr schön hier eine Weiterentwicklung eines burgartigen Gebäudes vorstellen.

rathaus-1-1
Die Oberndorferstraße nach Norden geschaut, genau auf das Tor des „Hofbauers“. Das schöne Renaissancerathaus rechts wurde leider nach starken Zerstörungen im 2. Weltkrieg abgebrochen.

 

Bei Bauarbeiten im genannten Baublock sei ein verfüllter Graben gefunden worden. Die Verfüllung bestand aus dunklerem moorigen Boden, wie er eigentlich nur in der westlichen Gemarkung im Bereich des alten Neckarbettes gefunden werden kann. Erst unter dieser Verfüllung fand sich der zu erwartende gelbe Sand.

Die drei genannten Hinweise möchte ich noch etwas ergänzen:

IMG_4247
Aushub bei einem Bauvorhaben im genannten Baublock. Gut zu erkennen die untere ursprüngliche Sandschicht in die darüber befindliche, bis 70cm starke moorige Schicht. Gut zu erkennen auch, dass nicht zu erkennen ist, ob wir einen verfüllten Graben sehen.

Die Verfüllung wurde auch bei einem weiteren Bauvorhaben gefunden. Leider ließ sich ihre Begrenzung nicht genau ausmachen. Es muß also ersteinmal offen bleiben, ob wir tatsächlich einen Graben vor uns haben (und wenn ja in welcher Richtung dieser verlief) oder ob es eher eine punktuelle Struktur wie eine Grube o.ä. geht.

stadtplan_sichtreffendestrassen
Sie treffen sich…fast. Von Norden Pfützenstraße, Bahnhofstraße, Frankfurter Straße. Von Süden Oberndorferstraße, Pfungstädter Str (südl. Abschn.). Von Osten Bessunger Straße

Wenn man die in den alten Griesheimer Ortskern führenden Straßen (Pfützenstraße, Frankfurter Straße, Oberndorferstraße, Pfungstädter Straße, Bahnhofstraße (wirklich) und Bessunger Straße verlängert, treffen sich alle Linien fast in einem Punkt im oben genannten Baublock. Ob dies aber etwas mit einer möglichen Burg zu tun hat, sei dahingestellt. Sicherlich stellt dies keinen Beweis für die Burg dar. Vielmehr wäre es eher ungewöhnlich, wenn alle Straßen genau auf die Burgmitte gezielt haben sollten. Spätestens am Burggraben hätten die Straßen ja dann ausweichen müssen und hätten sich dann eben gerade nicht getroffen.

Außerdem sind solche grafischen Beweise in Karten immer sehr gefährlich. Sie würden in diesem Fall zum Beispiel vorraussetzen, daß die Straßen exakt gerade verliefen. Dies ist angesichts der ursprünglich leichten Dünenlandschaft, die wir uns vorstellen müssen eher unwahrscheinlich. Außerdem reichen schon Bruchteile eines Grades Abweichung, und schon treffen sich die Linien nicht mehr.

Ein gerader Verlauf dagegen wäre aber übrigens dann widerrum denkbar, wenn alle Straßen ein Ziel hatten, daß sich anpeilen ließ. Einen Turm zum Beispiel…

turmhügelburg_griesheim
So könnte sie dann ausgesehen haben, die Griesheimer Burg in der Hintergasse. Das obere Dreieck markiert den Standort des Nikolosehauses, das untere den Zöllerhannes. Die Straße nach unten links ist die Oberndorferstr., unten rechts die Schaafgasse. Nach oben führt die Pfützenstraße.

Gegen den Standort spricht, daß hier für eine Wasserburg das Wasser fehlte. Alle anderen Burgen in den Nachbarorten nutzen aber die Nähe zu Bächen oder dem alten Neckarlauf, um ihre Gräben mit Wasser zu füllen. Hierzu müsste aber untersucht werden, in welcher Höhe der Grundwasserspiegel im 13. Jahrhundert lag. Auf jeden Fall lag er deutlich höher als heute. Und der moorige Boden, der gefunden wurde, muß ja irgendwie dorthin gekommen sein.

 

3. Bereich „Herrenbühl“

Ein dritter Standort soll noch ins Rennen geworfen werden. Westlich der Ortsbebauung, südlich der Wolfskehler Chaussee gibt es eine Flurbezeichnung namens „Herrenbühl“. Bühl steht dabei für einen Hügel. Dieser Herrenhügel könnte mit etwas Fantasie den Überrest des aufgeworfenen Sockels einer Turmhügelburg darstellen. Der Standort wäre nicht ganz ungeeignet. Zwar ist die heutige Bundesstraße 26 erst vor etwa 170 Jahren entstanden, aber vorher lief durch den Flur Herrenbühl ein Weg von der Lutherkirche nach Südwesten zum „Burghof“ (wo sich übrigens auf jeden Fall eine Burg befunden hat). Außerdem wären wir hier so nahe am ehemaligen Neckarlauf, daß die Herstellung eines Wassergrabens aufgrund des früher höheren Grundwasserspiegels auf jeden Fall denkbar ist. Leider ist der Herrenbühl spätestens durch die Flurbereinigungen und Bodenveränderungen des 20. Jahrhunderts ununtersucht abgeräumt worden, wie so manch andere Fundstätte auch.

 

Schlusswort:
Die „Standortsuche“ für die Griesheimer Burg genügt natürlich nicht ganz wissenschaftlichen Ansprüchen. Verstehen Sie das Ganze bitte als Gedankensammlung. Und es ist natürlich nicht verboten, weiter nachzudenken und vielleicht ein bißchen zu forschen (oder auch zu graben?(was allerdings dann doch verboten wäre (zumindest ohne Genehmigung))). Und wenn man derzeit erlebt, wie ein Standort für eine Grundschule „gefunden“ wird (übrigens ganz ohne Suche – Städtebau ist eigentlich auch eine Wissenschaft), dann relativiert sich das Ganze auch etwas.


Dieser Artikel ist Teil der Artikelreihe zur Griesheimer Burg. Die weiteren Artikel finden Sie hier:

Ein Gedanke zu „Standort gesucht“

Schreibe einen Kommentar