Der Trick mit dem Turm

Das Darmstädter Schloß ist von einer Vielzahl von städtebaulichen Situationen und Gebäuden mit unterschiedlichster Nutzung umgeben. Es wurde in den Zeiten, als Darmstadt noch Landeshauptstadt war, einmal gesagt, diese Schloßumgebung würde Hessen im Kleinen wiedergeben. Der Markt würde demnach für die Wirtschaft stehen, die Wohnhäuser für die Bevölkerung, das Rathaus für die Kommunen, das ehemaligen Theater für die Kunst und das Museum für die Wissenschaft.

Tatsächlich ist dies zwar eine nette Interpretation, entstanden ist die Situation natürlich ganz anders.

Die nördliche und die östliche Nachbarschaft des Schlosses ist heute geprägt durch individualistische Einzelbauten, die sich architektonisch immer ein bißchen in der Vordergrund spielen wollen. Das Museum, das Theater (bzw. heute Archiv), das Hotel, die Universität und das Darmstadtium wurden in verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Stilen errichtet. Größe, Funktion und Anspruch des jeweiligen Architekten bedurften dabei keines Eingehens auf die Nachbarschaft. Oder doch?

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Das ehemalige Landestheater, heute Staatsarchiv. Nur der Portikus stammt aus der Zeit des Klassizismus und vom Architekten Georg Moller.

Ein Problem ist scheinbar immer die Größe. Beziehungsweise genauer gesagt die Höhe.

Hatte der Nachbar nämlich bereits höher gebaut, setzte das beim  darauffolgenden Nachbarbau den Architekten oder seinen Bauherrn oder beide ziemlich unter Druck. Sehr schön kann man das am Hessischen Landesmuseum sehen.

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Der Haupteingang des Museums vor der Sanierung bis 2014.

Dessen Architekt Alfred Messel hatte bei seinem Entwurf 1897 den modernen Ansatz verfolgt, dass sich die Form des Gebäudes aus seiner Funktion, aus seinem Inhalt ableiten müsse. Die einzelnen Abteilungen (die im Inneren in verschiedenen Stilen passend zur Ausstellung ausgebildet wurden (ein Beispiel siehe hier)) wurden nebeneinander angeordent. Dadurch hatte der Teil des Museums, der der Stadt zugewandt ist, nicht viele Geschosse. Das Gebäude hatte in der Folge nur eine relativ geringe Höhe.

Dumm nur, daß das Theater nebenan schon höher war. Eine Lösung musste gefunden werden. Und sie wurde gefunden. Messel komponierte neben die eigentliche Hauptfassade einen Turm. Dieser verschafft dem Museum optisch eine Hervorhebung. Gleichzeitig stellt der Turm eine Art Trennlinie zwischen Theater und Museum dar. Das Ensemble der beiden niedrigeren Bauten wird so gewissermassen zusammengefasst.

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Museum (link hinten) und Theater (rechts daneben).

Schaun wir doch einmal, wo wir diesen phänomenalen Trick auch in Griesheim anwenden können…

2 Gedanken zu „Der Trick mit dem Turm“

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