Endlich weg

Heute war es endlich so weit. Der Torbogen aus dem 18. Jahrhundert am nördlichen Ende der Pfungstädter Straße, eingebaut in das ehemalige Postgebäude, ist weg. Und sind wir mal ehrlich – der Sandsteinbogen mit seinen zahlreichen historischen Wappen hat ganz schön genervt. Manche sagen sogar, er habe unangenehmen Geruch verbreitet. Von daher gibt es einen guten Grund, endlich mal wieder zu feiern!

Wir bei der Redaktion von Stadt.Land.Sand haben auf jeden Fall die Sektkorken knallen lassen. Endlich können wir befreit aufatmen. Der Bogen hat zwar nur einen recht mickrigen Schatten geworfen, aber der hat sich irgendwie dunkel – fast drohend – auf unsere armen Seelen gelegt.

Was war er auch eingebildet, der Bogen. „Hach, schaut alle mal her, ich bin halbkreisförmig und Ihr nicht!“ So haben ihn Generationen von Griesheimern kennen lernen müssen. Er blickte auf alle herab, die ihn anschauten. Und das schon bestimmt 250 Jahre lang. Dabei hatte er sonst nichts zu bieten. Die verschiedenen Wappen und Symbole, einst sauber in seine Oberfläche gemeißelt, waren schon längst nicht mehr gut zu erkennen. Was sie darstellten? Niemand hat je versucht, es herauszufinden. Warum sollte man auch? Altes Zeugs – hat heute keinen Wert mehr. Wen interessiert es?

Aus Sandstein war er gemacht, der Bogen. Irgendein Verrückter muss das Zeug mühevoll aus dem Odenwald hierher gekarrt haben. Wie dumm, wo doch damals noch nicht mal der LKW erfunden war. Das Ergebnis dieses sinnlosen Unterfangens ist nun verschwunden. Natürlich undokumentiert – wer will sich schon an einen Haufen schwerer Steine erinnern, die jemand kunstvoll so zu einem Bogen gestapelt hat, dass sie weder Sturm noch Krieg umwerfen konnten.

Eine glorreiche Zukunft kann beginnen. Denn sind wir mal ehrlich: Heute können wir von solchen Torbögen, individuell erbaut von Handwerksmeistern für stolze Hausbesitzer, nicht mehr lernen. Denn von den Herren Steinmetzen – da kommt nichts mehr. Gar nichts mehr, die tragen nichts zu unserer Kultur bei. Manche behaupten, sie seien tot. Wir in der Redaktion glauben vielmehr zu wissen: Die Herrschaften drücken sich. Und das zu recht. Denn beim Baumarkt in Groß-Gerau gibt es viel schönere Torpfosten. Richtig gerade Teile gibt es da. Nicht so einen gebogenen Mist. Wahrscheinlich zu viel gesoffen beim Aufbauen (doch nicht alles war früher also schlecht).

Eigentlich hätte der Bogen schon Mitte des 19. Jahrhunderts verschwinden können. Da hat man dieses Gasthaus nördlich angebaut. Nicht wirklich schön. Keine eleganten Proportionen. Der kaiserlichen Post, die da mal drin war völlig unangemessen. Und deswegen ist auch dieses Gebäude mitverschwunden. Gut! finden wie von der Redaktion. Es soll das letzte klassizistische Haus Griesheims gewesen sein. Klassizismus – der aristokratische Baustil der Unterdrücker-Monarchen des vorletzten Jahrhunderts. Jeder Griesheimer sollte froh über das Verschwinden des Hauses sein – sein Abbruch ist ein Sieg der Demokratie!

Und wir haben Platz für etwas völlig Neuartiges! Ein Mehrfamilienhaus ohne besondere architektonische Aussage, aber mit teuren Wohnungen – das braucht Griesheim unbedingt. An dieser Stelle. Und auch an vielen anderen Stellen. Und deshalb kommt die gute Nachricht ganz zum Schluss: Dank der genialen und zukunftsweisenden Ideen aus der Griesheimer Stadtpolitik wird uns die Freude, die uns beim Abbruch des alten Gemäuers umfängt, noch viele viele Male in den nächsten Monaten und Jahren zuteil.

Griesheim ist wirklich wunderbar!

Der Bogen kurz vor dem Abbruch: Ein schauriger Anblick – zum Glück Vergangenheit.
Endlich befreit von der Last! Der Bogen ist – Stand 22.10.2019 – endlich weg!