Männerspielplatz

Vor fast 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Millionen Tote, zerstörte Städte und Landschaften, Kriegsverbrechen – die Bilanz dieses Ereignisses ist schrecklich. Die Gründe, warum der Krieg ausbrach, sind vielfältig. Nicht unwesentlich verantwortlich dafür war auf jeden Fall der Militarismus: Völlige Überschätzung des eigenen militärischen Potenzials, uneingeschränkte Akzeptanz von militärischen Elementen in der Zivilgesellschaft und die unwidersprochene Vorstellung, dass man Politik mit militärischen Mitteln fortsetzen und durchsetzen könne, ließen das Deutsche Reich diesen Krieg auslösen.

Grundlagen dafür wurden letztendlich auch auf Griesheimer Gemeindegebiet gelegt.

Gemeint ist hier der Schießplatz, der sogenannte Griesheimer Sand, über den auf diesem Blog schon einiges zu lesen war. Angelegt in den 1860er und 1870er Jahren war diese Einrichtung nicht ausschließlich eine Kaserne, also eine militärische Einrichtung für Berufssoldaten. Vielmehr diente der Griesheimer Sand der Ausbildung von Wehrpflichtigen und vor allem von Reservisten.

Um dies etwas besser zu beleuchten, ist es notwendig, sich die Struktur des deutschen Militärs zum Ende des 19. Jahrhunderts anzuschauen. Nach dem siegreichen Ende des deutsch-französischen Krieges (1870-1871) und der Reichsgründung 1871 gründete man das deutsche Heer neben der deutschen Marine. Das Herr umfasste im Jahr 1914 794.000 Mann. Diese setzten sich zusammen aus Berufssoldaten, Zeitsoldaten und Wehrpflichtigen.

Wehrpflichtig waren alle Männer zwischen 18 und 45 Jahren. Zunächst hatten sie eine aktive Dienstpflicht von 1-3 Jahren. Nach dieser Zeit wurden sie wieder ins zivile Leben entlassen, gehörten nun aber für einige Zeit der Reserve an. Die Reservisten wurden regelmäßig zu Übungen und Manövern für kurze Zeit wieder eingezogen. Diese Übungen fanden auf Plätzen wie dem Griesheimer Sand statt, der hauptsächlich für Manöver der Artillerie genutzt wurde.

Geschütze werden auf dem Griesheimer Schießplatz durch Pferde gezogen. Bild aus dem 19. Jahrhundert. Quelle: Stadtarchiv Griesheim

Auf die einberufenen Reservisten hatten die Übungen sicher eine ganz besondere Wirkung. Es muss hierzu bedacht werden, dass im 19. Jahrhundert für die allermeisten Menschen keine Möglichkeit bestand, Urlaub zu nehmen. Außer an Sonn- und Feiertagen musste an allen Tagen gearbeitet werden, in der Landwirtschaft bestanden selbst diese Ausnahmen meist nicht. Erste Urlaubsregelungen aus dem Jahr 1903 sahen 3-6 Tage Urlaub für bestimmte Branchen in der Industrie vor. Es ist also davon auszugehen, dass weite Teile der Bevölkerung schon aus Zeitgründen auf ein Dasein an ihren Heimatorten (und Umgebung) festgelegt waren. Dazu kam, dass die finanziellen Möglichkeiten keine Reisen zuließen. Eine Einberufung zu einer Wehrübung bot daher für die zumeist noch jungen Männer die Möglichkeit, die gewohnte Umgebung zeitweise zu verlassen.

Darüber hinaus bot sich die Chance, dem schweren Alltag mit seinen Aufgaben und Pflichten für eine kurze Zeit zu entkommen. Gesellschaftliche Zwänge, Moralvorstellungen und wirtschaftliche Notwendigkeiten regelten damals das Leben der Leute bis ins Privateste hinein in einem Ausmaß, das wir uns nicht mehr vorstellen konnten. Eine Einberufung zu einem Manöver wurde daher sicherlich begrüßt.

Auszug aus einer Postkarte vom Griesheimer Schießplatz. Quelle: Stadtarchiv Griesheim

Der Aufenthalt auf dem Griesheimer Sand dürfe für die meisten dann auch eine spannende Zeit gewesen sein. Zwar ist davon auszugehen, dass die Manöver selbst hohe körperliche Anforderungen an die Teilnehmer stellten und das Arbeiten mit echter Artilleriemunition nicht gerade ungefährlich war. Auf der anderen Seite kam man hier modernster (Kriegs-)Technik ziemlich nahe, was wiederum in Zeiten ohne Internet und Fernsehen einen großen Eindruck hinterlassen haben dürfte.

Diese Postkarte (vom Schießplatz?) beschäftigt sich mit dem Essen. Quelle: Stadtarchiv Griesheim

Zahlreiche erhaltene Postkarten, die die Reservisten vom Griesheimer Sand nach Hause sandten, sind erhalten geblieben. Viele beschäftigen sich dabei auch mit der Unterbringung in Wellblechbaracken oder dem Essen. Weniger thematisiert wurden dabei aber sicherlich die Möglichkeiten, die das „Nachtleben“ auf dem Griesheimer Sand den Männern bot.

Denn vor dem Militärgelände hatte sich das sogenannte Wirtschaftsviertel entwickelt. Diverse Gaststätten von einfachem Standard bis hin zu besseren Restaurants konnten in der Freizeit besucht werden. Dass es dabei nicht nur um das Genießen von kulinarischen Angeboten ging, ist klar. Auch andere körperliche Vergnügungen wurden außerhalb der Kaserne feilgeboten. (Mehr Infos über das Wirtschaftsviertel gibt es hier auf diesem Blog).

„Junge im Matrosenanzug“, Gemäde von Heinrich Lauenstein, 1892. Quelle: wikipedia

Es sollte daher nicht verwundern, wenn die Reservisten nach der Heimkehr vom Griesheimer Sand eben keinen verantwortungsvollen oder zurückhaltenden Blick auf das Militär mit nach Hause genommen haben. Vielmehr werden sie durch positive Assoziationen geprägt worden sein. In einer Gesellschaft, die sehr stark vom Militär geprägt wurde (Stichwort Matrosenanzüge als Alltagskleidung für kleine Kinder) konnte so logischerweise keine kritische Haltung enstehen, die die europäischen Staaten vor einem verheerenden Krieg hätte bewahren können. Wenn man gleichzeitig bedenkt, dass wohl alleine auf dem Griesheimer Artillerieschießplatz 20.000 Männer pro Jahr an Übungen teilnehmen, dann kann man sich vorstellen, wie viele Menschen in der Zeit zwischen 1871 und dem Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 diese Erfahrungen gemacht haben werden.

Es soll in diesem Zusammenhang auch noch einmal an die bis heute erhaltene Übungsbastion in den Griesheimer Dünen erinnert werden (siehe Artikel hier und hier). Diese zeigen, dass hier Kampfhandlungen geübt wurden, die letztendlich in dem Kampf um die Befestigungen jenseits der französischen Grenze benötigt wurden. Während aber die Manöver in Griesheim letztendlich erfolgreiche „Trockenübungen“ waren, die den Teilnehmern ein falsches Vertrauen in die eigenen militärischen Fähigkeiten gaben, waren die Umsetzungen in die Realität eine schreckliche Katastrophe. Allein bei den Kämpfen um die Festung Verdun starben hunderttausende Menschen, ohne dass hier wenigstens irgendeine militärische Entscheidung erreicht worden wäre.

Truppentransport im August 1914. Beschriftung des Waggons: „Von München über Metz nach Paris“. Viele gingen damals von einem schnellen und einfachen Kriegsverlauf aus. Quelle: Bundesarchiv (s. Bildbeschriftung), wikipedia

Wenn wir uns heute fragen, wieso die Soldaten zu Beginn des Ersten Weltkrieges mit einer gewissen Begeisterung in die Schlacht gezogen sind, dann müssen wir uns eben auch mit den oben dargestellten Aspekten unserer Griesheimer Geschichte auseinandersetzen. Es ist wäre daher ein nicht wieder gut zu machender Verlust, wenn die letzten baulichen Zeugen des Griesheimer Schießplatzes entfernt würden, so wie die Konzepte der Griesheimer Stadtpolitik das bisher vorsehen.


Quelle Titelbild: Stadtarchiv Griesheim