Gar nicht so nass

Die Pfützenstraße

Woher die Pfützenstraße ihren Namen hat scheint eigentlich ganz klar. Das Wort Pfütze steckt ja vollkommen unverändert darin. Es stammt laut Wikipedia von dem lateinischen Wort puteus ab, das Grube oder Brunnen bedeutet. Über das althochdeutsche pfuzza hat es Eingang in unsere moderne Sprache gefunden. Es steht heute für eine eher kleine Ansammlung von Flüssigkeit, meist Wasser, die sich zeitweise gebildet hat, z.B. durch einen Regenschauer. Und wenn man in die alten Fotos von Griesheim schaut, dann sieht man, dass die Pfützenstraße im Bereich Kirchgasse bei Starkregenereignissen regelmäßig unter Wasser stand. Zumindest bis eine leistungsfähige Kanalisation geschaffen wurde. Der Fall ist also klar. Oder?

Die Sache mit der Wasserlache (Lache = alternativ für Pfütze) ist zwar sehr naheliegend, aber trotzdem wohl falsch. Ein Blick in die alten Flurkarten hilft uns hier weiter, am besten in eine Buxbaumkarte. Dort erkennt man, daß früher am damaligen nördlichen Ende von Griesheim ein Flurstück namens „In der Pfitz“ lag, das bis an die Pfützenstraße reichte. Dieses lag in etwa dort, wo sich heute die Neubausiedlung „Am alten Bahndamm“ befindet. Bevor dieses Gebiet für die Wohnbebauung aufgefüllt wurde, lag es relativ tief. Das Gebiet war damit tendenziell etwas feuchter und hier werden sich öfter Pfützen gebildet haben.

Aber wahrscheinlicher ist folgendes: Ein eher feuchtes Grundstück eignet sich nicht für den Gemüseanbau. Es wird daher als Wiese genutzt worden sein. Eine Wiese diente früher wie heute auch als Viehweide. Und damit das Vieh nicht wegläuft, muß die Wiese eingezäunt werden. Mittelhochdeutsch bizune bedeutet eingezäunt (bzw. wörtlich eigentlich beigezäunt). Aus bizune könnte sich über die Zwischenstufen Bitz oder Bitsch die Pfitz ergeben haben.

Karl Knapp hat bereits ähnlich argumentiert, ich finde aber gerade die genaue Textstelle nicht.

Einen zusätzlichen Gedanken will ich aber hier noch aufzeigen. Die Pfützenstraße besteht ja heute aus drei Abschnitten. Im Norden führt sie durch das Industriegebiet zum Nordring. Der mittlere Abschnitt zwischen ehemaliger Bahnlinie und Kirchgasse wurde wohl im 19. Jahhundert bebaut. Der südliche Abschnitt vom Nikolosehaus bis zur Kirchgasse stellt aber den wohl ältesten Teil Griesheims dar.

Aus alten Akten geht hervor, daß Griesheim mehrere Tore besaß (Quelle wieder Karl Knapp). Wahrscheinlich war der Ort (wie übrigens fast alle Orte in der Region) befestigt. Man darf sich hier keine Stadtmauer vorstellen, wie sie nur die größeren Städte besaßen. Vielmehr könnte es wohl eine Art Graben mit einem Dornengebüsch gewesen sein, das den Ort schützte. Teilweise wurden auch die geschlossenen Rückwände der Scheunen so angeordnet, dass sie der Ortsbefestigung dienten.

Eine solche Befestigung war allerdings nicht dazu gedacht, größere oder auch nur kleinere Armeen aufzuhalten. Sie sollten lediglich das eigene Viehzeug im Ort halten, das unerwünschte (Wölfe, Füchse) draußen und einen „Basisschutz“ gegen kleinere Räuberbanden bieten. Diese konnten vor allem nachts ausgesperrt werden.

pfützenstraße 1
Der Straßenname könnte an den ältesten Ortsteil erinnern. Das Schild der ehemaligen Gaststätte tut es auf jeden Fall.

Die Pfützenstraße bildete die Hauptgasse des befestigten Ortskernes. Denkbar wäre es daher also auch, dass im Namen Pfützenstraße die Erinnerung fortlebt an diesen umzäunten (beigezäunten) Ortsteil. Der jüngere Ortsteil im Süden, also z.B. die Oberndorferstraße war wahrscheinlich nie mit einem ähnlichen Schutz umgeben. Das Oberndorf unterschied sich also von dem älteren Ortsteil.


Dieser Artikel ist Teil einer Reihe von Artikeln über die mögliche gescheiterte mittelalterliche Stadtgründung von Griesheim, die möglichen Gründer (Grafen von Katzenelnbogen) und die Frage, wie diese die Macht in Griesheim übernommen haben. Zu der Artikelreihe gehören:

Ein Gedanke zu „Gar nicht so nass“

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