Vortrag, Teil 1: Was heißt Stadtplanung ?

Gestern hat die AsF (Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen) in Griesheim einen Politischen Stammtisch in der Linie Neun zum Thema „Teilhabe und Mitbestimmung. Wie soll eine zukunftsgerechte Stadtplanung aussehen?“ veranstaltet. Referentinnen waren die Bürgermeisterinnen Gisela Stang aus Hofheim (Ts.) und Gabriele Winter aus Griesheim, außerdem meine Wenigkeit.

Meinen Vortrag „Was heißt Stadtplanung – Visionen und Strategien“ möchte ich hier im Blog zum Nachlesen gerne einstellen und auf die nächsten vier Artikel aufteilen.

Was heißt Stadtplanung?

Was ist überhaupt eine Stadt? Unterschiedlichste, und vor allem lange Antworten sind dazu möglich. Ich probiere es folgendermaßen:

Das Wort Stadt kommt von der Stätte, dem Ort. Diese Begrenzung auf eine bestimmte Stelle wird deutlicher in dem englischen Wort für Stadt: town. Das Wort town ist mit dem deutschen Wort Zaun verwandt – hier wird also hervorgehoben, das es offensichtlich eine Begrenzung zwischen etwas Inneren und dem Äußeren gibt. Und das Ganze muß etwas mit Stadt zu tun haben.

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Zaun & Garten. Hier am Beispiel Lauresham.

Das Wort Zaun, das kennen wir heute von unserem Garten. Der Garten heißt auf niederländisch tuin, und dieses Wort kommt wieder vom Zaun – wieder die Hervorhebung der Begrenzung. Das Wort Garten wiederum ist verwandt mit dem französischen garder – bewachen. Aber was soll bei einem Garten bewacht werden? Die Antwort würde ich so beschreiben:

Außen ist die Natur, das Chaos, der Zufall, die Gefahr.

Innen ist menschliche Ordnung, Gestaltung, Sicherheit und Planung.

Wie für den Garten galt bzw. gilt dies auch für die Stadt. Stadt und Stadtplanung gehören zwingend zusammen. Eine Stadt ohne Planung ist vielleicht gar keine Stadt.

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Die ägyptische Hieroglyphe für das Wort „Stadt“

Sehr schön wird dies illustriert durch die ägyptische Hieroglyphe mit der Bedeutung Stadt. Wir sehen hier wieder die Begrenzung zwischen innen und außen: der Kreis. Innen meint man die Kreuzung zweier Straßen im rechten Winkel zu erkennen. Eine solche Kreuzung entsteht niemals durch Zufall, nur durch Planung.

Die Hieroglyphe idealisiert das Bild der Stadt – und das Ideal der Stadt war es auch, das jahrhundertelang die Stadtplanung beherrschte. Stadtplanung war niemals nur notwendiges Übel und reine Technik. Stadtplanung war auch immer Kunst, die Schaffung von idealem Lebensraum, die Abbildung der Gesellschaft.

Eine antike griechische Stadt folgt dem Ideal der Demokratie, das durch gleichartige Baublöcke dargestellt wird – vom Schema abweichen dürfen nur die Bauten der Gemeinschaft. Hier das Beispiel der Stadt Milet.

Die mittelalterliche Stadt versuchte der idealisierten Vorstellung des himmlischen Jerusalem zu folgen.

Die Stadt des Absolutismus, hier das Beispiel Karlsruhe, verdeutlicht die zentrale Position des Herrschers, auf den sich alles auszurichten hat.

Heute leben wir zum Glück in einer freien Gesellschaft, wir leben in einer Demokratie. Eine Stadtplanung wie in Karlsruhe – in der der einzelne sich zu fügen hat, kann – auch wenn man das als Architekt aus gestalterischer Sicht gelegentlich einmal anders sieht – nicht mehr unser Ziel sein.

Aber was ist eine demokratische Stadtplanung? – in den USA hat man darauf eine radikale Antwort gegeben. Staat und Stadtplanung soll hier auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert. Geplant wurde in den meisten Städten nicht mehr als ein schachbrettartiges Grundstücksraster. Die Form der Bebauung wurde dem sogenannten Freien Markt überlassen – mit teils schwerwiegenden Folgen. Industrieanlagen schoben sich in Wohngebiete, ehemals pulsierende Innenstädte wurden ersetzt durch eine unmenschliche, autogerechte Struktur aus Hochhäusern und Parkplatzflächen.

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Auch eine europäische Stadt: Ulm

In Europa ist man diesen Weg nicht gegangen. Zum einen sind unsere Städte strukturell natürlich bis heute durch ihre jahrhundertelange Städtebaugeschichte geprägt. Zum anderen herrschte hier Konsens, das der Staat nicht nur die Aufgabe eines Ordnungshüters, sondern auch eines Gestalters hat.

Diese politische Einstellung findet ihren Niederschlag in der Stadtplanung, die sich gewissermaßen in Pflicht und Kür unterteilen lässt:

Pflicht ist der Schutz der Bürger, die Regelung des Handelns der Bürger untereinander, die Umsetzung von Emissions- und Umweltvorschriften und großmaßstäblichen Zielen, man kann hier fast von einem Verwaltungsvorgang sprechen.

Die Kür ist es dagegen positive Entwicklungen vorauszusehen, zu verstärken oder sogar in Gang zu setzen. Negative Entwicklungen sollen vermieden oder wenigstens abgemildert werden. Es geht um Ausgleich von Interessen und die Schaffung von so etwas wie Gerechtigkeit. Die Kür ist daher politisch zu gestalten.

Zur Kür gehören auch die Betrachtungen der sogenannten weichen Faktoren. Ein geordnetes und harmonisches Stadtbild kann zu einem positiven Image eines Ortes beitragen. Das Image spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle beim Wettbewerb um die Gewerbetreibenden und Bewohner. Ein funktionierende Innenstadt leistet einen wichtigen Beitrag für das Zugehörigkeitsgefühl und damit für die Bereitschaft, das Menschen sich hier zu engagieren.

In Europa wird übrigens für viel Geld für die wissenschaftliche Forschung im Bereich Städtebau und die Ausbildung von Stadtplanern ausgegeben. Ein Potential, dass man nutzen sollte.


Welche Werkzeuge der Stadtplanung zur Verfügung stehen und welche Strategien verfolgt werden können, das lesen Sie im Zweiten Teil.

3 Gedanken zu „Vortrag, Teil 1: Was heißt Stadtplanung ?“

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