Wachstumsdruck

380.000 neue Wohnungen werden in Deutschland gebraucht – jährlich. Diese Zahl meldete das Online-Magazin MeisterTipp am 28.6.2016 unter Berufung auf eine aktuelle Studie des Institutes der deutsche Wirtschaft (IW) in Köln. Davon würden aber nur etwa 250.000 gebaut. Gleichzeitig liest man, dass durch den Brexit mindestens 20.000 Arbeitsplätze der Bankenbranche nach Frankfurt verlagert werden könnten.

Was bedeuten diese Zahlen für Griesheim?

Zunächst einmal muss man hier natürlich etwas Mißtrauen den obigen Zahlen gegenüber an den Tag legen (auch den folgenden weiter unten). Wie die genannten Zahlen zustande kamen und wie realistisch sie sind – dies lässt sich auf die Schnelle nicht nachprüfen. „Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe“ wird Winston Churchill gerne in den Mund gelegt…

Trotzdem schlage ich vor, wir nehmen die Zahlen einmal als wahr an und rechnen ein bißchen damit. Als Erstes könnte man den Bedarf über die Einwohnerzahl umrechnen. Deutschland hat etwa 82.000.000 Einwohner. Griesheim hat etwa 28.000 Einwohner. Der Wohnungsbedarf ist 380.000 Einheiten.

Daraus folgt: 380.000 / 82.000.000 x 28.000 = 129,75 notwendige neue Wohnungen in Griesheim pro Jahr.

Aber diese Zahl stimmt natürlich nicht. Denn die Wohnungen werden in weiten Teilen der Bundesrepublik gar nicht gebraucht. Der Bedarf konzentriert sich auf die Ballungsräume in den Waschtumsregionen. Wir müssten daher nicht die 82 Mio Einwohner der gesamten Republik ansetzen, sondern etwas vereinfacht:

Hessen 6Mio + Baden-Württemberg 11Mio + Bayern 13Mio + NRW (nur Region Köln, Düsseldorf, Aachen) 6Mio + Hamburg (Region) 3Mio + Berlin (Region) 4Mio + Hannover, Mainz etc. 3Mio = 40Mio

Wir rechnen also nochmal: 380.000 / 40.000.000 x 28.000 = 266 notwendige neue Wohnungen in Griesheim pro Jahr. Wenn man annimmt, dass in jeder Wohneinheit durchschnittlich 2 Personen wohnen, dann wären das 532 zusätzliche Einwohner pro Jahr! In Griesheim gibt es mehr Geburten als Todesfälle, dieser Geburtenüberschuss wäre in der Zahl noch zusätzlich zu berücksichtigen.

Durch den Brexit wird eine solche Zahl noch weiter verschärft. Wenn in Frankfurt 20.000 zusätzliche Arbeitsplätze im Bankensektor entstehen, dann zieht dies weitere Arbeitsplätze nach: Lehrer, Erzieher, Ärzte, U-Bahnfahrer, Friseure, Verkäufer und so weiter. Sagen wir also einmal wir haben am Schluss 30.000 neue Arbeitsplätze. Wenn an jedem Arbeitsplatz 2,5 Personen hängen, dann sind dies 75.000 zusätzliche Einwohner, diese benötigen in Frankfurt (wo nicht mehr allzuviel Wachstum möglich ist) und Umgebung Wohnraum. Gehen wir wieder von 2,0 Menschen pro Wohneinheit aus, werden 37.500 Wohneinheiten gebraucht. Das Rhein-Main-Gebiet hat etwa 3,5Mio Einwohner.

Daraus folgt: 37.500 / 3.500.000 x 28.000 = 300 notwendige neue Wohnungen in Griesheim durch den Brexit.

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Verdichteter Wohnungsbau in Griesheim – Der Lösungsansatz der 1960er Jahre für die Wohnungsnot

Jetzt könnte man natürlich sagen, einmalig 300 Wohnungen und jedes Jahr 266 weitere Wohnungen – das kriegt man in Griesheim gar nicht unter. Aber was bedeutet das dann in der Konsequenz? In den Großstädten ist tatsächlich immer weniger Platz für neuen Wohnraum. Allein Darmstadt müsste aber nach der obigen Rechnung 1.520 Wohnungen pro Jahr und 1.800 Wohnungen einmalig als Folge des Brexit geschaffen werden. Das scheint kaum möglich. Die Großstädte sind aber im Moment aufgrund der Lebensqualität besonders gefragt. Hier übersteigt die Nachfrage bei Weitem das Angebot. Die Folge ist eine Verdrängung von Menschen nicht nur mit niedrigem, sondern auch mit mittlerem Einkommen aus den Städten. Dies birgt enormen sozialen Sprengstoff. Während sich Menschen mit mittlerem Einkommen im direkten Umland der Städte mit Wohnraum versorgen können, ist dies für Menschen mit niedrigerem Einkommen nicht mehr möglich. Alleine in Frankfurt fehlen derzeit 10.000 geföderte Wohnungen!

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Kassel-Unterneustadt: Wiederaufbau eines Teiles der ehemaligen Altstadt mit verdichtetem, aber gut gestaltetem Wohnungsbau

Die oben beschriebene Situation muß in jedem Ort im Ballungsraum – auch in Griesheim – in der Zukunft gestaltet werden. Man darf die Entwicklung nicht allein den Kräften des sogenannten freien Marktes überlassen. Wenn man einen Teil der Bevölkerung aus der Teilhabe an der Gesellschaft ausschließt – und dies tatsächlich auch räumlich passiert – dann muss man sich vielleicht nicht wundern, wenn der ein oder andere dies auf dem Wahlzettel in erschreckender Art zum Ausdruck bringt. Es ist daher an der Zeit, zu beginnen, die Situation zu gestalten.

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