Eine Entscheidung für die Vergangenheit und gegen die Zukunft

Der Abstieg der Stadt Mainz im späten Mittelalter

Als Landeshauptstadt mit etwa 200.000 Einwohnern und als Sitz einer Universität hat Mainz heute eine gewisse Bedeutung auf nationaler Ebene. Die Stadt spielt aber keine führende Rolle unter den deutschen Städten mehr. Das war nicht immer so. Im Mittelalter war Mainz nicht nur größer als Frankfurt am Main, sondern eine der bedeutendsten Städte des damaligen Reiches. Diese Rolle wurde durch rückwärtsgewandte und egoistische Entscheidungen verspielt.

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Reste des Haupttores des Mainzer Legionslagers

Mainz ist uralt, bekannt für seine römische Geschichte. Zeitweise zwei Legionen waren hier im damaligen MOGONTIACUM stationiert und in deren Umfeld entwickelte sich eine städtische Siedlung, die bald Hauptstadt der Provinz Obergermanien wurde. Das Stadtgebiet war aber bereits vor den Römern besiedelt, der Name deutet daraufhin. Er wurde von den Kelten übernommen. In der römischen Epoche erreichte Mainz jedoch nicht die Bedeutung, die andere Städte im heutigen Deutschland hatten, wie beispielsweise Köln, Trier oder Augsburg. Dies lag auch an der recht peripheren Lage im römischen Reich, nahe bzw. direkt an der Grenze zum unzivilisierten Germanien gelegen.

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Der Mainzer Dom

Im Mittelalter änderte sich dies. Im Fränkischen Reich des Frühmittelalters und in dessen Nachfolgestaaten Frankreich und Deutschland gab es zunächst nur wenige Städte, die fast alle auf römische Gründungen zurückgingen. In dieser also größtenteils nichtstädtisch geprägten Welt war Mainz eines der Zentren. Durch die staatliche Ausdehnung nach Osten verschwand im Laufe des Mittelalters auch die Randlage. Mainz spielte eine große Rolle bei der Unterwerfung und der planmäßigen Kolonisierung Thüringens, Erfurt war von 755 bis 1821 Teil des Bistums Mainz. Auch Teile Unterfrankens wie Aschaffenburg und Miltenberg gehörten zu diesem Gebilde.

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Das ehemalige Heilig-Geist-Spital von 1236: ältestes Bürgerhospital Deutschlands. Seit 1863 bis heute Gaststätte.

Die Stadt Mainz selbst erreichte im 13. Jahrhundert eine Blütezeit. Der Bürgerschaft gelang es durch geschicktes Handeln sich immer mehr von der Stadtherrschaft des Bischofs zu emanzipieren. Dieser hatte immerhin seit Ende des Römischen Reiches die nahezu vollständige Stadtherrschaft gemeinsam mit dem Domkapitel inne. Ab 1244 wurden die Geschicke der Stadt von einem Stadtrat bestimmt – man hatte de facto den Status einer „Freien Stadt“ erreicht. Es wurden Bündnisse mit anderen Städten (zum Beispiel im Rheinischen Städtebund) geschlossen. Damit wurden die Handelswege gesichert und ein rasantes wirtschaftliches Wachstum durch Handel und Produktion erreicht. Viele Bürger zählten zu den Gewinnern, sie nutzten die neuen Möglichkeiten und stiegen auf.

Es gab aber auch Verlierer, nämlich diejenigen, die nicht mit der neuen Zeit gehen wollten oder konnten. Der alte Stadtadel, der die Mitglieder des Domkapitels stellte, profitierte nicht von den neuen Möglichkeiten. Statt diese zu nutzen, wollte man die Zeit zurückdrehen und die Freiheiten wieder beschneiden.

1328 kam es zum „Mainzer Bischofsstreit“, bei dem die Mainzer Bürger den vom Papst vorgeschlagenen Kandidaten unterstützen, während Kaiser und Domkapitel einen anderen Kandidaten – Balduin von Luxemburg – unterstützen. Letzterer konnte sich durchsetzen. In der Folge wurden die Bürgerrechte beschnitten, der Kaiser verurteilte die Stadt zu hohen Strafzahlungen. Die Stadt verlor an Wohlstand und es begannen erste Abwanderungen.

Vielleicht nicht ganz zufällig erfolgte 1330 die Gründung der Stadt Darmstadt durch die Grafen von Katzenelnbogen und 1332 eine massive Vergößerung der Stadt Frankfurt am Main.

Noch aber fiel Mainz nicht völlig zurück. Die 1348 wütende Pest stoppte zunächst jegliche Entwicklung in der Region und im ganzen Reich.

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Das Mainzer Schloss: Nachfolgebau einer Zwingburg des Bischofs zur Kontrolle der unterworfenen Bürger

Endgültig verheerend wirkte sich die „Mainzer Stiftsfehde“ 1462 aus. Wieder einmal war eine Bischofswahl der Ausgangspunkt. Und wieder setzte die Mainzer Bürgerschaft auf das falsche Pferd – man unterstütze einen Kandidaten, der nicht die Gunst des Kaisers hatte. Wie schon mehr als 100 Jahre zuvor setzte genau der sich aber durch: Adolf II. von Nassau wurde Bischof. Und der beendete die Freiheiten der Mainzer Bürger, mehrere hundert Personen wurden aus der Stadt vertrieben. Der neue Bischof setzte einen Verwalter ein und schuf eine auf ihn als alleinigen Stadtherrn zugeschnittene Struktur, die die Entwicklung der letzten Jahrhunderte zurückdrehte. Mainz war nun keine Stadt des Handels und der Ideen mehr – es war nur noch eine blosse Residenzstadt der Bischöfe, die in der Folgezeit immer mehr wie weltliche Fürsten handelten.

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Das Gutenbergmuseum in Mainz

Welche Folgen dies für die Stadt hatte lässt sich an der bedeutendsten Innovation ablesen, die in Mainz entwickelt wurde: Der Buchdruck mit beweglichen Lettern. 1450 wurde er durch den Mainzer Bürger Johannes Gutenberg und anderen entwickelt. Nach der Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten verließen viele Buchdrucker die Stadt und zogen nach Frankfurt um. Dieses bot eine (für damalige Verhältnisse) offenere Atmosphäre. Die Stadt am Main wurde in der Folge Zentrum des deutschen Buchhandels und beherbergt auch seit dem 15. Jahrhundert eine bedeutende Buchmesse. Mainz profitierte kaum noch von der eigenen Erfindung.

DCP03666Seit dieser Zeit überflügelte Frankfurt die wirtschaftliche Bedeutung von Mainz und übernahm dessen führende Rolle in der Region und auch auf nationaler Ebene.Seit dem 19. Jahrhundert übersteigt auch die Einwohnerzahl Frankfurts die von Mainz, zur Zeit etwa um das 3,5fache.

Ein bedeutender Frankfurter schrieb 1819:

Wer nicht von dreitausend Jahren
Sich weiß Rechenschaft zu geben,
Bleib im Dunkeln unerfahren,
Mag von Tag zu Tage leben.

Schade, daß dieser Goethespruch – obwohl er vor einigen Jahren eine der ersten Seiten des Bestsellers „Sophies Welt“ zierte – so wenig beherzigt wird.

 

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