Das eine Land deckt ihn mit Erde, das andere gab ihm das Leben

IMG_5906Die bisher bedeutensten archäologischen Entdeckungen auf Griesheimer Gebiet waren die fränkischen Funde in der Rückgasse. Viele der gemachten Funde finden sich heute im Landesmuseum in Darmstadt. Ebenfalls dort, in der römischen Abteilung findet sich eine weitere Entdeckung von einer gewissen Bedeutung: Der „Grabstein“ des Clodius Perigenes, erschlagen von Räubern.

Der Stein wurde 1868 bei den Bauarbeiten für die Eisenbahnstrecke Darmstadt – Worms gemacht, die (in Teilen) bis Ende der 1980er Jahre durch Griesheim führte. Als Fundort wurde nur der Bereich südlich des Gehaborner Hofes angegeben. Oft wird Weiterstadt als Fundort des Steines genannt (so auch im Standardwerk über die Römer bei uns: „Die Römer in Hessen“ von Dietwulf Baatz). Dies ist aber falsch. Die Eisenbahntrasse führte nicht durch Weiterstädter Gebiet. Sie lag in der Nähe des Gehaborner Hofes ausschließlich auf Griesheimer Territorium. Der Hof selbst gehört natürlich zu Weiterstadt.

Leider ist der Stein nicht ganz vollständig, im oberen Bereich sind einige Ecken abgebrochen. Die lateinische Inschrift ist deshalb auch nicht ganz erhalten. Sie lautet (mit Ergänzungen laut Die Römer in Hessen):

DIS MANIBUS… CLODIUS PERIGENES… HIC INTERFECERE LATRONES QUEM GENUIT TEANO SIDICINO EX CAMPANIA. ALTERA CONTEXIT TELLUS DEDIT ALTERA NASCI. PERIGENES HABET TITULUM SECUNDUS OFFICIUM. P. CLODIUS SECUNDUS FRATRI PIENTISSIMO

Die Übersetzung aus der gleichen Quelle lautet:

„Den Totengeistern… Clodius Perigenes… Hier erschlugen Räuber einen Sohn der Stadt Taenum Sidicinum in Campanien. Das Eine Land deckt ihn mit Erde, das andere gab ihm das Leben. Perigenes hat nun seine Grabschrift, Secundus hat seine brüderliche Pflicht erfüllt. Seinem geliebten Bruder ließ Publius Clodius Secundus (den Grabstein) setzen.“

Leider kann ich immer noch kein Latein, aber die Übersetzung scheint mir nicht ganz wörtlich zu sein. Vielleicht findet sich ja wieder jemand aus der Leserschaft, der hier weiterhelfen kann.

Der Text berichtet uns aber in jedem Fall von einem Kriminalfall aus der römischen Zeit. Clodius Perigenes, der aus der heute noch existierenden Stadt Taeno in Kampanien (das ist die Region Italiens, deren Hauptstadt Neapel ist) stammte, wurde von Räubern erschlagen. Man kann daraus ablesen, dass es in den damaligen Zeiten viele Unsicherheiten für Reisende gab. Und man kann aber aus dem Fakt, dass ein Bruder einen Stein beschriften und setzen lässt erkennen, dass die Zeiten doch nicht ganz unzivilisiert waren.

Viele Quellen sehen in dem Stein einen Beweis für eine römische Straße, die in der Nähe der Fundstelle vorbeigeführt haben soll. Sie hätte zum Beispiel das römische Groß-Gerau mit Bessungen verbinden können. Für diese Straße gibt es aber ansonsten bisher keine Beweise. Einen Hinweis auf eine Straße stellt der Steinaber nur dar, wenn der Fundort auch der ursprüngliche Aufstellort ist.

Was mir nicht ganz einleuchtend ist, ist in diesem Zusammenhang die Übersetzung mit „Grabstein“. Wurde Clodius Perigenes am Tatort bestattet? Wurde dann weitab von einer Siedlung ein Grabstein genau an dieser Stelle gesetzt? Oder handelt es sich nicht eher um einen Gedenkstein?

Der genaue Fundort ist leider nicht überliefert. Auch die Fundumstände sind nicht genau dokumentiert. Es kann daher nicht bewiesen werden, ob der Fundort der Aufstellort war. Nicht ganz unmöglich ist deshalb auch die Annahme, dass der Stein erst in einer Zweitverwendung in die Nähe des Gehaborner Hofes gelangte. Vielleicht wurde er hier zum Bau einer Brücke über einen der zahlreichen Gräben in dem Gebiet oder als Straßenbelag oder ähnliches im Mittelalter hergebracht und als Baumaterial verwendet? Pure Spekulation.

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Die Laurentiuskirche in Trebur

Es gibt aber zahlreiche Belege aus unserer Region, daß römische Bauteile in späteren Zeiten an ganz anderen Orten wiederverwendet wurden, oft in Kirchenbauten.

Ein schönes Beispiel ist hier die Kirche von Trebur. In der heute in ihrer Außengestalt recht schlichten und vor allem barock wirkenden Kirche stecken noch viele Mauern einer ottonischen Basilika, die wahrscheinlich sogar einmal das Gotteshaus der Kaiserpfalz von Trebur war.

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Römischer Weihstein in der Fassade der Treburer Kirche

In der Außenwand wurde 1912 an einer Ecke ein dort vermauerter und überputzter römischer Stein mit einer Weihinschrift freigelegt. Der Text lässt vermuten, daß der Stein ursprünglich im römischen Ort NIDA (s. „NIDENSIS“)aufgestellt war. Nida lag beim heutigen Frankfurter Stadtteil Heddernheim und ist mit den Siedlungen Römerstadt und Nordweststadt überbaut worden. Zwischen dort und Trebur liegen 42km. Ob alleine die Steinarmut in Trebur der Grund war, diesen Stein im Mittelalter zu transportieren, wage ich zu bezweifeln.

 

 

9 Gedanken zu „Das eine Land deckt ihn mit Erde, das andere gab ihm das Leben“

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