Geschichtslos und gesichtslos

Griesheim ist anders. Leider nicht im positiven Sinne.  Andere Städte sind landauf, landab damit beschäftigt, ihre gebaute Geschichte zu hegen und zu pflegen und zu erforschen. Teilweise wird sogar Verlorengegangenes rekonstruiert, um die Stadtgeschichte wieder ins Stadtbild zurückzuholen. Griesheim dagegen setzt im Jahr 2020 auf Ignoranz gegenüber der eigenen Geschichte. Historische Gebäude verfallen hier oder werden abgebrochen. Aus meiner Sicht ist das eine Katastrophe, die zukünftigen Generationen einen geschichts- und gesichtslosen Siedlungsbrei, aber sicher keine lebenswerte Stadt hinterlassen wird. Schuld daran ist ein völliges Versagen der Stadtpolitik in Form von allen im Stadtparlament vertretenen Parteien, aber auch die Interesselosigkeit der Griesheimer Bevölkerung.

Wo aktuell Griesheimer Geschichte vernichtet wird, lesen Sie hier:

Riedhof

In den nächsten Tagen wird am westlichen Ortsausgang das historische Gasthaus „Riedhof“ abgebrochen. Damit wird eine nicht mehr zu heilende Bresche in den ältesten Teil Griesheims gebrochen. Anstelle von Altstadtresten wird nun an dieser Stelle vermutlich eine große Kreuzung geschaffen, so wie es der Bürgermeister im Wahlkampf 2016 und seine sehr gute Partei, die CDU, schon vorher angekündigt haben. Durch dieses städtebauliche Verbrechen wird eine Kettenreaktion ausgelöst werden, die die weiteren noch vorhandenen Spuren des ältesten Teils von Griesheim hinweg fegen wird. Warum ich das so negativ sehe, können Sie detailliert in den nächsten Tagen auf diesem Blog nachlesen.

Ehemaliger Schießplatz

Im Südosten Griesheims liegt nicht nur der älteste Flughafen Deutschlands, sondern dort befanden sich auch die ausgedehnten Flächen eines militärischen Schießplatzes, der die Griesheimer Stadtgeschichte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark prägte. Dort gab es positive Ereignisse wie die frühe Fliegerei des August Euler, aber auch viel Negatives wie ein Kriegsgefangenenlager, Atomraketen, Militarismus und Forschung für die Luftwaffe der Nazis. Das alles sind gute Gründe dafür, wenigstens einige der kargen Spuren, die dieser Teil der Geschichte im Stadtbild hinterlassen hat zu erhalten. Leider besteht von Seiten der sehr guten Griesheimer Stadtregierung dafür keinerlei Interesse. Obwohl die durchgeführte Bürgerbeteiligung zur Weiterentwicklung dieses Stadtteiles als so ziemlich einziges verwertbares Ergebnis die Forderung nach einem Erhalt der Geschichtsspuren als Ergebnis hatte, sieht die Stadt dem Verfall der in Bundesbesitz befindlichen Gebäude tatenlos zu. Offensichtlich möchte man dem privaten Investor, der in diesem Bereich tätig werden wird, seinen Gewinn nicht schmälern. Einige Verantwortliche haben sogar die naive Vorstellung, dass man durch die Beseitigung der baulichen Zeitzeugen den Militarismus an sich besiegen könnte… Ergebnis wird sein, dass ein weiterer seelenloser Stadtteil entsteht, dessen Geschichte vernichtet und negiert wird. In Darmstadt gewinnen Städteplaner Preise dadurch, dass vergleichbare historische Bauten erhalten werden. In Griesheim kennt man solche kulturellen Selbstverständlichkeiten nicht. Hier setzt man auf die Abrissbirne.

Zöllerhannes

Das Griesheimer Traditionsgasthaus Zöllerhannes, das seit vielen Jahren als städtisches Bürgerhaus betrieben wird, hat eine lange Liste an funktionalen Mängeln. Diese gefährden langfristig die Wirtschaftlichkeit und damit den Bestand des Hauses. Eine grundsätzliche Neukonzeptionierung ist deshalb unerlässlich. Damit verbunden wäre eine Weiterentwicklung der umgebenden Stadträume, wo sich immerhin der historische Marktplatz Griesheims und ein Renaissance-Rathaus befunden haben. Vor einiger Zeit habe ich dazu Vorschläge veröffentlicht, zu der mir positive schriftliche Rückmeldungen von Vertretern aller Griesheimer Parteien vorliegen. Statt aber irgendwie aktiv zu werden und sowohl das historische Haus als auch die historische Umgebung weiterzuentwickeln, hat sich die sehr gute Stadtregierung entschlossen, konzeptlos irgendwas hinzubasteln ( auf dem Nachbargrundstück einen Parkplatz zu verändern, neues Parkett legen, eine nicht barrierefreie Rampe durch eine nicht barrierefreie Rampe ersetzen…). Ein Architekt, der als Stadtverordneter der Regierungsmehrheit diesen Quatsch wider besseres Wissen schön redet, nennt das „Pflücken der tiefhängenden Früchte“. Ich würde das als Zerstörung der Vergangenheit und Verhinderung der Zukunft bezeichnen.

Museum

Griesheim leistet sich ein Stadtmuseum, das von einem Verein für die Stadt betrieben wird. Der Verein bekommt dafür einen ganzen Gebäudekomplex samt Energiekosten kostenlos gestellt. Damit steht der Verein räumlich in finanziell besser da,als die meisten anderen Betreiber von Heimatmuseen in der Region. Erwarten könnte man nun, dass der Verein sich dadurch revanchiert, dass er an der Griesheimer Geschichte forscht, dazu veröffentlicht und Ausstellungen organisiert, die das Bewusstsein für die Griesheimer Geschichte verbessern. Gerade das tut das Griesheimer Museum aber nicht. Es ist zu einem Wirtschaftsbetrieb geworden, der über 100.000€ Einnahmen pro Jahr verzeichnet, davon aber weit unter 5.000€ für museale Zwecke ausgibt. Der Rest fließt in den Betrieb einer Gastwirtschaft, die als Mitgliedertreff bezeichnet wird und in die Veranstaltung von Festen. Die seit 2019 amtierende Museumsleiterin wurde von den Mitgliedern des Vereins gewählt, u.a. weil sie befand, dass das Museum zu „museal“ geworden sei und der gesellschaftliche Teil (also die Gastwirtschaft) noch wichtiger genommen werden muss. Es ist zu befürchten, dass nun noch weniger Geld in museale Arbeiten fließt, zumal 2019 fast alle Menschen, die wissenschaftlich und inhaltlich am Museum arbeiten wollten, das Museum verlassen haben. Die sehr gute Stadtregierung schaut leider tatenlos zu, wie öffentliche Gelder für Museumsarbeit so größtenteils missbraucht werden. Eine Unterstützung des Museums der Politik bei Fragen zur Griesheimer Geschichte gibt es leider nicht. Das Museum schaut tatenlos und desinteressiert zu, wie historische Gebäude in der Stadt abgebrochen werden.

Lageplan der erhaltenen Fachwerkhäuser in Griesheim. Ein guter Teil der Gebäude ist in seinem Weiterbestehen gefährdet.

Fachwerkhäuser und sonstige historische Bauten

Griesheim weigert sich seit Jahren, städtebauliche Regeln für alle Stadtteile aufzustellen. Das führt dazu, dass es Quartiere gibt, deren Bebauung über Bebauungspläne geregelt wird, und das andere Stadtbereiche einigermaßen ungeregelt bebaut werden können. Wenn man sich anschaut, in welchen Stadtteilen das Bauen reglementiert ist und in welchen eher nicht, muss man leider feststellen, dass es der historische Ortskern ist, der unreglementiert ist. Warum das so ist, darüber kann man trefflich spekulieren. Im Ergebnis führt es aber dazu, dass die vielen historischen Bauten in Griesheim, darunter Dutzende Fachwerkhäuser, die nicht unter Denkmalschutz stehen, dem Siedlungsdruck, dem Wärmedämm- und Modernisierungswahn und dem schamlosen Tun der Investoren fast schutzlos ausgeliefert sind. Es ist davon auszugehen, dass ein Großteil des baulichen Erbes in diesem Bereichen in den nächsten Jahren verschwindet.

Alte Post

Ende 2019 wurde die alte Post abgerissen, das letzte Beispiel für klassizistisches Bauen in Griesheim. Mit dem Gebäude wurde in historischer Torbogen abgebrochen, der noch deutlich älter war. Weder Haus noch Torbogen wurden vor dem Abbruch wissenschaftlich dokumentiert oder irgendwie untersucht. Weder Stadt, noch Museum, noch Bevölkerung haben irgendwie auch nur im Ansatz versucht, das historische Haus zu retten. Völlig desinteressiert nimmt man hin, dass es durch einen belanglosen Investorenbau ersetzt werden wird.

Ehemaliges Schul- und Rathaus an der Ecke Wilhelm-Leuschner-Straße / Groß-Gerauer Straße: Abgebrochen in den 1970er Jahren zugunsten einer Verkehrsfläche. Bildquelle Stadtarchiv Griesheim

Rückblick

Leider zeigt ein Blick in die Vergangenheit, dass der Umgang mit der gebauten Geschichte in Griesheim nicht besser war als heute. Schon immer war der Umgang der Griesheimer mit ihrer Geschichte von weitgehender Interesselosigkeit geprägt. Vielfach wird die Behauptung weitergetragen, der Zweite Weltkrieg habe die gesamte historische Bebauung vernichtet. Das ist nicht völlig falsch. Griesheim wurde schwer von den Bombern getroffen. Es sind aber nur Teile des alten Ortes beschädigt worden, hauptsächlich im Bereich der Oberndorferstraße, der nördlichen Pfungstädter Straße, der Schaafgasse und der Hintergasse. Der nördliche, der östliche und der westliche Teil der Altstadt waren aber nahezu unbeschädigt. Dass heute dort kaum noch historische Spuren zu finden sind, liegt an Modernisierungen und zahlreichen Abbrüchen, die erst lange nach dem Krieg erfolgten.

Aufgelistet werden sollen im folgenden schwere Verluste an baulicher Geschichte, die ohne Kriegseinfluss „passierten“:

  • Um 2012 wurde neben dem Waldschlösschen ein Fachwerkbau, der einst als Gasthaus für den Schießplatz gedient hatte, abgebrochen. Errichtet wurde ein nichtssagender Wohnbau.
  • Um 2011 wurde das historische Gasthaus „Kanone“ in der Bessunger Straße abgebrochen, um einer völlig banal gestalteten Wohnanlage Platz zu machen.
  • In den 1970er Jahren wurde das historische, klassizistisch gestaltete Schulhaus, das viele Jahre auch Rathaus war, abgebrochen um einer Verkehrsfläche Platz zu machen.
  • In den 1960er Jahren wurde das bis dahin aufwendig gestaltete Kochschulhaus aufgestockt und seines Bauschmucks beraubt. Ebenfalls in dieser Zeit zerstörte man einen Teil der historischen Innengestaltung der Lutherkirche.
  • Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der „Sommerberg“, eine Sanddüne südlich des Ortskerns fast eingeebnet und die bis dahin dort vorhandenen vorgeschichtlichen Siedlungsspuren ohne Untersuchung abgeräumt. Ihr Vorhandensein war bekannt.
  • Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der Hintergasse ein schön gestalteter Fachwerkhof entfernt, um eine Straßenverbreiterung zu ermöglichen. Schräg gegenüber riss man ein weiteres Gehöft ab, um einen Parkplatz anlegen zu können.
  • Ab 1900, vor allem aber nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Naturräume um den Ort größtenteils verändert und zerstört. Die Feuchtgebiete und Auenwälder im Westen wurden trockengelegt, die Sanddünenlandschaft im Osten durch Einleitung von Fäkalien aus der Darmstädter Kanalisation zu Ackerland umgewandelt.
  • Um 1900 riss man das vielleicht 500 Jahre alte Backhaus ohne Untersuchung ab.

Fazit

In wenigen Jahren wird ein Großteil der gebauten Griesheimer Geschichte verschwunden sein. Lediglich der Bereich um das Kreuz wird als Feigenblatt erhalten. Griesheim macht im Jahre 2020 die Fehler, die man anderswo schon in den 1970er Jahren erkannte und heute sicher nicht wiederkolen würde. Im Moment gibt es leider niemanden, der diese völlig falsche und kulturlose Entwicklung irgendwie aufhalten mag.

Mir ist die Lust, an diesem Griesheim zu arbeiten, mittlerweile völlig vergangen. Aber vielleicht möchten Sie ja etwas tun?

Ein Gedanke zu „Geschichtslos und gesichtslos“

Kommentare sind geschlossen.