Von Erfurt nach Griesheim

Im Foyer des Griesheimer Stadtparlamentes gibt es eine Reihe von Porträtfotos, die ehemalige Bürgermeister des Ortes zeigen. Die Reihe ist nicht vollständig, sie zeigt nur Amtsinhaber aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Auch der Bürgermeister der NSDAP, der von 1938 bis 1945 im Amt war, ist aus guten Gründen nicht abgebildet, bemerkenswerterweise aber sein Vorgänger, Philipp Wilhelm Feldmann, Bürgermeister von 1930 bis 1938, der also auch während der Naziherrschaft ab 1933 amtierte.

Gerade verabschiedete das Griesheimer Stadtparlament einstimmig eine Resolution der „Aktion Hessisches Plädoyer für ein solidarisches Zusammenleben„. Die Stadtverordneten reagierten dabei unmittelbar auf die aktuelle Situation in Thüringen, in der sich ein Abgeordneter der FDP mit den Stimmen von Faschisten zum Ministerpräsidenten wählen ließ. Das Griesheimer Parlament hat damit ein gutes und notwendiges Zeichen gesetzt.

Anschließend ließen sich die Stadtverordneten im Foyer gemeinsam fotografieren. Zum Glück hing das Bild Feldmanns, der fünf Jahre mit der Unterstützung der Nationalsozialisten regierte, im Rücken des Fotografen, so dass es nicht auf dem Gruppenbild zu sehen ist. Vielleicht sollte man die aktuelle Lage aber zum Anlass nehmen, zu untersuchen, ob das Bild Feldmanns nicht abgehängt und ins Stadtarchiv gebracht werden sollte.

In seine Amtszeit fielen Ereignisse, die es fraglich erscheinen lassen, ob an ihn in der Vorhalle des Hohen Hauses in so ehrenvoller Weise erinnert werden sollte. Wäre es nicht statt dessen gerade jetzt an der Zeit zu fragen, wie in Griesheim die Nationalsozialisten an die Macht kamen und wie in diese Machtergreifung auch ehemalige Demokraten verwickelt waren?

Um diese Frage zu bewerten, sollten wir uns anschauen, welche Ereignisse in Feldmanns Amtszeit passiert sind, für die er als Bürgermeister wenigstens die politische Verantwortung trug. Leider ist das kein ganz einfaches Unterfangen. Es gibt nur wenig Literatur über Griesheim im Dritten Reich, das Thema ist nicht gut aufgearbeitet.

Was sich aber ohne Gang ins Stadtarchiv herausfinden lässt: Feldmann kam im Mai 1930, als Nachfolger von Georg Schüler ins Amt. Zuvor war er bereits Beigeordneter gewesen. Damals wurde der Bürgermeister nicht direkt von den Bürgern, sondern vom Gemeinderat gewählt. In diesem Gremium hatten SPD und KPD die Mehrheit, er muss also von diesen Parteien zu diesem Zeitpunkt unterstützt worden sein.

Drei Jahre später, Anfang 1933, übernahmen die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland die Macht. Bei den letzten, schon nicht mehr wirklich freien Wahlen im März 1933 erhielten die Nationalsozialisten in Griesheim im Gegensatz zu den allermeisten Städten und Gemeinden in Deutschland keine Mehrheit. Die Griesheimer wählten mehrheitlich (36,4%) die SPD, die NSDAP blieb mit 33,4% auf dem zweiten Platz. Acht Sitze des Gemeinderates waren danach an die SPD vergeben, die NSDAP hatte sieben Plätze. Die Sitze der KPD blieben frei, die Partei war bereits verboten worden.

In einer Sitzung im Mai 1933 wurde den Mitgliedern des Gemeinderates, die der SPD angehörten, die Aufgabe ihres Amtes angeraten. An dieser Sitzung nahm auch Feldmann, der offensichtlich wiedergewählt worden war, teil. Auch nachdem im Gemeinderat nur noch Abgeordnete der NSDAP übrig geblieben waren, blieb Feldmann im Amt. Offensichtlich wurde er nun von den Faschisten getragen.

Im August 1933 wurden in Griesheim zahlreiche Straßen nach Nazi-Größen benannt. Beschlossen hatte dies der Gemeinderat, dem Feldmann angehörte.

Schon seit Anfang 1933 hatte der systematische Terror der Nationalsozialisten gegen Andersdenkende oder Andersgläubige begonnen. Immer wieder wurden auch hier oppositionelle oder jüdische Griesheimer inhaftiert, verhört, geschlagen und gedemütigt. Teilweise fand dies ganz offiziell in der Polizeistube im Griesheimer Rathaus auf dem heutigen Platz-Bar-le-Duc statt. Damals hatte das Amt nur wenige Räume, es ist kaum vorstellbar, dass Bürgermeister Feldmann dies nicht mitbekommen hat. Beispielsweise wurde im April 1933 der Journalist Arnold Mayer mehrere Tage im Griesheimer Rathaus festgehalten. Seine Vergehen waren sein jüdischer Glaube und die Mitgliedschaft in der KPD.

1934 fand eine Kundgebung auf der Chaussee direkt vor dem HEAG-Bahnhof, heute „Linie 9“ statt. Man forderte die Angliederung des Saargebietes. An der Stelle des freistehenden Gebäudes mit der Hakenkreuzflagge befindet sich heute die Post. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim

Die Verwaltung der Gemeinde Griesheim hatte ab 1933 diverse Unrechtsbeschlüsse der nationalsozialistischen Reichsregierung vor Ort umgesetzt. Die Weimarer Republik mit ihrer demokratischen Grundordnung und den festgeschrieben Grundrechten wurde recht schnell beseitigt. Die Gesetze zur Gleichschaltung 1933 und die Nürnberger Rassegesetze 1935 wurden auch hier durchgesetzt.

So fasste 1935 der Gemeinderat den Beschluss, dass niemand mehr Aufträge der Gemeinde erhalten solle, der bei jüdischen Geschäftsleuten einkaufte.

Ab 1936 lieferte Bürgermeister Feldmann politische Berichte ab, die auch Einschätzungen zu staatsfeindlichen Bestrebungen enthielten. Trotzdem konnte sich Feldmann nicht mehr lange im Amt halten. Ende 1937 wurde er beurlaubt und Anfang 1938 durch ein Mitglied der NSDAP ersetzt.

Neben dem oben erwähnten Bild im Foyer des Stadtparlamentes erinnert auch die Feldmannstraße an den ehemaligen Bürgermeister. Heute, viele Jahrzehnte später, sollte noch mal überlegt werden, ob diese Formen der Ehrung noch zu vertreten sind. In unserer Nachbarstadt Darmstadt wurden letztes Jahr diverse Straßennamen kritisch untersucht. Dort ist man zum Schluss gekommen, dass Straßen nicht nach Personen benannt werden können, die dem NS-Regime nahestanden. Am Griesheimer Flughafen wird deshalb der offiziell auf Darmstädter Territorium liegende Georgiiplatz umbenannt.

Wie in Darmstadt sollte man aber zunächst die vorhandenen Akten vollständig und wissenschaftlich untersuchen, bevor man zu einem abschließenden Urteil kommt.


Quelle / Literaturhinweis:

Heike Jakowski: Jüdische Lebensgeschichten aus Griesheim. 1658-1940, Griesheim 2018, ISBN 978-3-947075-13-3