Die Bresche

Am 26.6.2019 hat das Griesheimer Stadtparlament einstimmig entschieden, in den westlichen Teil von Griesheim eine Bresche zu schlagen und damit den ältesten Teil der Stadt nachhaltig zu schädigen. Der alte Riedhof am westlichen Ortsausgang soll abgebrochen und die entstehende Brache provisorisch begrünt werden.

Zwar umfasst der Beschluss auch die Festlegung, in diesem Bereich eine städtebauliche Planung in Gang zu setzen, bei der der gesamte Bereich neu durchdacht werden soll. Durch den Abbruch des historischen Gebäudes, das als seltenes Beispiel in Griesheim Krieg und Modernisierungswahn überstanden hat noch im Laufe des Jahres 2020, werden aber Fakten geschaffen, lange bevor es einen Plan geben wird, wie es hier weiter gehen soll. Die im alten Griesheimer Ortskern geschlagene Bresche schafft eine Situation, die weder politisch noch städtebaulich mehr heilbar ist. Warum das so wäre, lesen Sie hier. Und dass diese städtebauliche Katastrophe vielleicht sogar politisch gewollt ist, das können Sie hier auch lesen.

Zunächst müssen wir einen kleinen Blick zurück werfen und schauen, um was es überhaupt geht:

Städtebauliche Geschichte

Griesheim im Mittelalter. Schulgasse und Hintergasse, heute Teil der Bundesstraße 26, waren damals bloß kleinen Nebengassen. Hauptstraße war die Pfützenstraße.

Griesheim bestand im Mittelalter aus der heutigen südlichen Pfützenstraße und einigen kleinen Seitengassen, unter anderem der Schulgasse und der Hintergasse. Mit dem Wachstum des Ortes hauptsächlich nach Osten geriet der alte Kern in eine Randlage. Als Mitte des 19.Jahrhunderts eine neue Chaussee von Darmstadt nach Oppenheim angelegt wurde, führte man diese Straße durch den alten Kern des Ortes. Hintergasse und Schulgasse wurden auf einmal zu Durchgangsstraßen für den Überlandverkehr, die Pfützenstraße wurde zur Nebenstraße. 1905 errichtete man auf einem seit dem Mittelalter bebauten Grundstück den heutigen Riedhof, der mit seinem Eckturm die Kreuzung der mittelalterlichen Hauptstraße (Pfützenstraße) mit der neuen Hauptstraße (Wilhelm-Leuschner-Straße/Hintergasse/Schulgasse) markierte.

Der Riedhof in den 1920er Jahren

Mit der Erfindung des Autos und dem zunehmenden Verkehr schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die mittelalterliche Enge des Ortskernes zum Problem. Schon 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, wurden Häuser und Scheunen abgebrochen, um dem Auto mehr Platz zu verschaffen. Nach dem Ende des Krieges wurde diese Politik fortgesetzt. Nicht nur durch Kriegszerstörung brachliegende Flächen wurden in Straßen und Parkplätze umgewandelt, auch Fachwerkhöfe, die den Krieg überstanden hatten, mussten dem vermeintlichen Fortschritt Platz machen. Bezeichnend war für diese Zeit (und ist es leider teilweise bis heute), dass alle Veränderungen am alten Griesheim offensichtlich nur verkehrliche Gründe hatten. Zu weiteren Aspekten, wie Aufenthaltsqualität, Auswirkung auf Stadtgesellschaft und Umwelt, Gestaltung von Stadträumen und Umgang mit Geschichte reichte die Phantasie der Verantwortlichen leider nicht. Es entstand die heute vorhandene traurige Situation, die dringender Heilung bedürfte.

Seit den 1950er Jahren lag der Riedhof auf einer Verkehrsinsel, die durch Durchbrüche entstanden war. Ursprünglich gab es nur den nördlichen Arm der Hintergasse und den südlichen Arm der Schulgasse.

Die letzten Jahre

Vor einigen Jahren nun erwarb die Stadt eine Tankstelle, den alten Riedhof und seine Nebengebäude. Zum Zeitpunkt der Übernahme durch die Stadt war dort ein chinesisches Restaurant („Goldene Insel“) untergebracht und im hinteren Gebäudeteil ein Fischverkauf, beide nicht mehr in Betrieb. Die Tankstelle wurde abgebrochen, der Riedhof stand seitdem leer.

Ziel der Stadt Griesheim war es, in diesem Bereich städtebauliche Möglichkeiten zu erlangen. Hauptsächlich ging es dabei um die optionale Verlängerung der Straßenbahn nach Westen. Eine städtebauliche Auseinandersetzung mit diesem ältesten Griesheimer Ortsteil oder eine Aufwertung des Bereiches stand nicht wirklich auf dem Programm. Man beauftragte bei einem Stadtplanungsbüro eine Machbarkeitsstudie, die – erschreckend fehlerhaft und wenig ambitioniert – eine Reihe Abbrüche vorsah und auf den geschaffenen Freiflächen Verkehrsspuren, eine abgegrenzte Straßenbahntrasse, Parkplätze und Restgrün vorsah und ansonsten keine wirkliche Idee aufzeigte, wie man mit dem ältesten Teil Griesheims und dem westlichen Stadteingang umgehen sollte. Der Plan hatte beispielsweise Fehler im Maßstab, sodass die Planer die Hintergasse und die Schulgasse breiter einschätzten, als sie ist – der Entwurf war also gar nicht umsetzbar.

Immer mal wieder flackerte seitdem die Diskussion auf, ernsthaft geführt wurde sie aber nicht. 2014 waren alle Fraktionen im Parlament aufgefordert, Ideen für die Weiterentwicklung des Stadtbereiches vorzulegen. Von WGG und FDP sind mir von damals keine Beiträge bekannt, jedoch von den anderen drei im damaligen (und heutigen Parlament) vertretenen Parteien:

  • Die SPD forderte den Ersatz des Riedhofes durch ein modernes Gebäude, die Bündelung der Straßenspuren auf der Nordseite des neuen Riedhofes (mit der Option, auf der Straße dort auch die Straßenbahn fahren zu lassen). Die heutige südliche stadteinwärts führende Autospur wäre durch eine Radtrasse und Fußgängerflächen ersetzt worden.
  • Die Grünen wollten die Straßenspuren auf der Südseite der Hintergasse und der Schulgasse bündeln, daneben eine Straßenbahntrasse in Seitenlage anlegen und auf der Nordseite neue Baufelder schaffen. Der Plan beruhte auf der oben genannten städtebaulichen Entwurfsplanung, der Maßstabsfehler wurde nicht korrigiert. Infos dazu finden Sie hier auf der Homepage der Grünen, leider wird der Plan nicht mehr korrekt angezeigt.  Es wurde eine „frühzeitige“ Bürgerbeteiligung gefordert.
  • Die CDU erstellte keinen Plan, sondern formulierte nur ein paar wenige Sätze. Der Riedhof solle abgerissen werden, es solle eine Kreuzung mit Grünflächen entstehen.

Leider wurden die Ansätze damals nicht weiter diskutiert. Die Gründe sind vielfältig: zu unterschiedlich sind die Meinungen und Haltungen der im Stadtparlament vertretenen Parteien, zu wichtig erschienen jeweils andere anstehende Themen und (leider!): zu gering ist auch das Interesse der Griesheimer Politik und der Bevölkerung an diesem Thema bisher gewesen. Zudem hat der frontale Kommunalwahlkampf 2015/16 keine Einigung ermöglicht. Ein Punkt sollte allerdings noch erwähnt werden: Der jetzige Bürgermeister sagte im Wahlkampf 2016 bei einer Wahlkampfdiskussion in der Hegelsberghalle, dass er an der Stelle des Riedhofes in Zukunft kein Gebäude wünsche.

Nachdem 2016 die jetzigen Kooperationsparteien die Mehrheit errangen, wurde der Riedhof und die Frage der städtebaulichen Gestaltung des Bereiches wie viele andere drängende Probleme der Stadt nicht mehr als prioritär betrachtet. Anträge der Opposition zur Durchführung von städtebaulichen Wettbewerben wurden abgelehnt. So verfiel der Riedhof vor den Augen aller langsam vor sich hin.

Folgen der Planlosigkeit

Auf diesem Blog habe ich 2016 in einem Artikel darauf hingewiesen, wohin diese Haltung führen wird. Ich habe in einem Schreckensszenario behauptet, dass eines Tages der Abbruch des Riedhofes als unumgänglich dargestellt werden wird, ohne dass bis dahin ein Konzept erstellt worden wäre. Unglaublich aber wahr: So wie in dem Szenario dargestellt, ist es nun gekommen. Das Stadtparlament hat 2019 mit den Stimmen aller Parteien den Abbruch des Riedhofes und die Schaffung einer Grünfläche an seiner Stelle beschlossen. Ein Konzept soll jetzt irgendwann nach dem Abbruch und nach der nächsten Kommunalwahl erstellt werden. Lediglich ein paar Vorarbeiten für einen städtebaulichen Prozess sollen noch vor der Wahl 2021 vorgelegt werden. Kann man das denen, die es jahrelang versäumt haben, ein solches Konzept erarbeiten zu lassen, wirklich glauben? Auch die von Grünen und CDU vor der letzten Wahl geforderte Bürgerbeteiligung zur Gestaltung der Situation wurde einstweilen nicht mehr ins Auge gefasst. (Bitte hierzu die Anlage ganz unten beachten)

Das bedeutet, dass sich die Situation wie folgt verändern wird:

Derzeitige Situation: Der Riedhof steht zwischen den beiden Armen der B26, die hier als Hintergasse und Schulgasse den alten Griesheimer Ortskern quert. An der Stelle einer Tankstelle ist vor vielen Jahren schon eine provisorische Parkplatzfläche entstanden.
Und so „schön“ wird die Situation ab Herbst 2020 nach dem Beschluss aller im Griesheimer Parlament vertretenen Parteien.

Geordneter städtebaulicher Prozess oder Schuss ins Blaue?

Der Beschluss führt geradewegs in eine städtebauliche Katastrophe. Warum das so ist, zeigt sich, wenn man sich betrachten würde, wie ein geordneter städtebaulicher Prozess ablaufen würde:

  1. Beginnen würde man mit einer städtebaulichen Bestandsanalyse der Situation. Dabei würde man sich mit den Gegebenheiten des Stadtbereiches selbst, aber auch mit angrenzenden Quartieren beschäftigen.
  2. Schließlich würde man auch Bedingungen untersuchen, die von außen auf den Bereich einwirken. Hier würde man auf erste Schwierigkeiten stoßen, denn Griesheim hat weder ein Stadtentwicklungskonzept noch einen Generalverkehrsplan. Es verfügt über kein städtebauliches Leitbild noch über belastbare Daten, z.B. was das Thema Verkehr angeht.
  3. In einem nächsten Schritt müsste politisch entschieden werden, welche Themen angegangen werden sollen. Erste Visionen könnten formuliert werden und diese im Rahmen einer Bürgerbeteiligung diskutiert werden und erweitert werden.
  4. Die ersten Ideen würden nun auf ihre Umsetzbarkeit geprüft, allerdings noch nicht im Detail, sondern im großen Ganzen. Man würde durch einen Stadtplaner erarbeiten lassen, um welche Rahmenbedingungen (z.B. aus gesetzlichen Gründen) man nicht herum kommt.
  5. Nun würde man, vielleicht wieder begleitet durch eine Bürgerbeteiligung, Ziele formulieren. Diese sollte allerdings nicht zu eng gefasst sein und eine Bandbreite an Weiterentwicklungsrichtungen zulassen.
  6. Als nächstes bräuchte man Ideen von außen. Ein städtebaulicher Ideenwettbewerb unter Stadtplanern ist eine sehr gute Möglichkeit, sich eine große Bandbreite an Lösungen aufzeigen zu lassen. In anderen Städten ist der Weg des Wettbewerbes nicht ohne guten Grund stadtplanerischer Standard. So ganz nebenbei würde ein Wettbewerb helfen, die politisch völlig verworrene Griesheimer (Politik-)Situation aufzulösen und den städtebaulichen Prozess wieder auf eine lösungsorientierte, technisch und gestalterisch anspruchsvolle Ebene zu setzen.
  7. Die Ergebnisse des Wettbewerbes müssen politisch diskutiert, ggf. modifiziert und weiterentwickelt werden. Natürlich muss die Umsetzbarkeit nochmal geprüft werden.
  8. Erst dann kann man mit der Umsetzung, also mit Sanierungen, Abbrüchen und Baumaßnahmen beginnen.

Gerade der letzte Satz ist eigentlich völlig logisch. Erst wenn man weiß, was man machen will, kann man es tun.

Leider geht die Griesheimer Politik bei der Weiterentwicklung des westlichen Stadtteiles vor, wie im Wilden Westen. Erst wird geschossen, dann wird gefragt. Und so fällt nun der Riedhof, ohne dass es eine Diskussion gegeben hätte, was man mit dem alten Gebäude hätte anfangen können.

Eine Möglichkeit: Der Kernbau des Riedhofes wird saniert, die restlichen Gebäudeteile werden durch Neubauten ersetzt. Durch den beschlossenen Abbruch wird diese Möglichkeit ohne Diskussion einfach ausgeschlossen.

Vorgeschoben wird ein Gutachten, dass der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung gestellt wird. Man weiß nicht, von wem es erstellt wurde, welche fachliche Befähigung der Ersteller hatte und vor allem weiß man nicht, welche Fragen er zu klären hatte. Man hört davon, dass das Gebäude wirtschaftlich nicht zu sanieren sei. Es ist allerdings die Frage, was wirtschaftlich ist und was zu sanieren sein soll. Denn erst nach einem städtebaulichen Prozess wüsste man, welche Möglichkeiten in Zukunft bestehen werden. Erst das entscheidet, ob es vielleicht für einen Investoren interessant sein könnte, in die Renovierung des Hauses zu investieren. Außerdem würde der städtebauliche Prozess zeigen, welche Teile des Riedhofes überhaupt zu erhalten wären. Wenn nur ein Teil des Gebäudes zu sanieren wäre, und der Rest als Neubau erreichtet würde, könnte der Erhalt des Gebäudes durchaus gut finanzierbar sein.

Auch eine Möglichkeit: Ein Neubau ersetzt den Riedhof, vielleicht, wie hier dargestellt, mit einer gastronomischen Nutzung.
Auch denkbar: eine städtische Lösung mit Verlängerung der Straßenbahn auf der Straße. Ein städtebaulicher Prozess muss zeigen, ob das wünschenswert und machbar wäre.

Und, um es klar zu sagen: Das Bessere ist der Feind des Guten. Vielleicht hat ein städtebaulicher Entwicklungsprozess auch zur Folge, dass der Riedhof einem Neubau weichen muss. Dies steht aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht fest, also muss man sich jetzt erst einmal alle Optionen offen halten.

Nochmal, als Vergleich zu den gezeigten Visionen, die weiter oben schon mal dargestellte Realität in wenigen Monaten. Eine Brache, da wo einmal Stadt war.

Ein Abriss des Riedhofes jetzt ist der falsche Weg. Er beschränkt nicht nur die zukünftigen Möglichkeiten, er löst sogar eine fatale Kettenreaktion aus, die am Ende nur eine noch tiefgreifender als bereits jetzt schon zerstörte Stadtstruktur zur Folge hätte.

Der oben skizzierte ordentliche städtebauliche Entwicklungsprozess würde immer dazu führen, dass man den Prozess jederzeit steuern, dass man Dinge frei diskutieren kann. Durch den Abbruch begibt man sich in eine Situation, in der immer wieder scheinbar wichtige Sachzwänge auftauchen, die ein freies Handeln nicht mehr zulassen und in eine Kettenreaktion münden.

Risiken

Ich befürchte folgenden weiteren Vorgang:

  1. Zunächst einmal entsteht eine katastrophale „Zwischenlösung“. Die jetzt schon stark geschundene Griesheimer Altstadt wird noch weiter beseitigt, statt urbanen Räumen bleiben nur dem Verkehr gewidmete oder ihm ausgesetzte Flächen übrig. Dies wird optisch nicht überzeugen und über lange Jahre, die ein städtebaulicher Prozess benötigt, eine schwere Wunde im Griesheimer Ortskern hinterlassen.
  2. Grundlage der weiteren Diskussion ist nun nicht mehr ein bebautes Grundstück in der Mitte einer Verkehrsfläche, sondern nur noch eine freie Fläche.
  3. Da durch den Abbruch stadträumliche Begrenzungen verloren gehen, entsteht eine unübersichtliche, weite Fläche. Wo Stadt anfängt, und wo Landstraße aufhört, wird nicht mehr klar sein. In der Folge werden noch mehr Fahrzeuge mit überhöhter Geschwindigkeit in die Stadt hineinrollen.  Die Unfallgefahr steigt an.
  4. Noch bevor ein städtebaulicher Prozess abgeschlossen (oder überhaupt in Gang gesetzt) werden kann, wird die Verkehrssituation Hessen Mobil (ehem. Straßenverkehrsamt) auf den Plan rufen. Die derzeitige Verkehrsführung wird dort kritisch gesehen, da eine Reihe ungewöhnliche Kreuzungspunkte und Einbahnregelungen vorhanden sind, die gelegentliche Unfälle begünstigen. Nach dem Abbruch des Riedhofes gibt es keine Begründung, die Verkehrsführung wie jetzt vorhanden, aufrecht zu erhalten. Hessen mobil hat in der Vergangenheit gezeigt, dass es in Bezug auf eigene Standards zu keinen Kompromissen bereit ist. So wurden entgegen der Interessen der Stadt Ortseingangsschilder näher an die Bebauung gerückt, die Höchstgeschwindigkeit auf dem Südring deutlich angehoben und die Ampelschaltungen auf der Hauptstraße fußgängerunfreundlich verändert. Hessen Mobil setzt dabei Vorschriften um, die die Gestaltung einer Bundesstraße erfordern. Die Straße von Griesheim nach Wolfskehlen ist als Bundesstraße 26 klassifiziert entsprechend würde Hessen Mobil auch Vorstellungen haben, wie die Kreuzung im Bereich des ehemaligen Riedhofes auszusehen hätte. Städtebauliche Überlegungen werden dabei keinen Platz haben.

    Diese Ausmaße könnte eine Kreuzung haben, die die jetzige Verkehrführung ersetzen würde. Wenn es keine Bebauung an der Stelle des Riedhofes mehr gibt, werden die Verkehrsplaner eine entsprechende Kreuzung vorschlagen. Gegenargumente wird es keine geben, da die Stadt zu diesem Zeitpunkt noch nicht über ein städtebauliches Konzept verfügen wird.
  5. Erschwert wird eine Diskussion dadurch, dass bis heute nicht geklärt ist, wie es mit der Straßenbahn in Griesheim weitergehen soll. Es gibt einen Grundsatzbeschluss, diese nach Westen zu verlängern (der natürlich wieder einmal gefasst wurde, ohne dass es eine verkehrliche oder stadtplanerische Grundlagenuntersuchung, geschweige denn ein Konzept dazu gegeben hätte). Die Straßenbahn muss also auch noch einen Platz finden. Da durch den Abbruch des Riedhofes scheinbar der Zwang entfällt, die Bahn auf der Straße zu führen, weil die Situation dann einfach viel Platz bietet, wird man nach einer straßenunabhängigen Lösung für die Führung der Gleise rufen. Man wird Scheinargumente ins Feld führen, warum genau dies so sein müsse: ÖPNV-Trassen seien nur förderfähig, wenn sie unabhängig von der Straße geführt würden, Straßenbahnentrassen dürften nicht auf Bundesstraßen angelegt werden… Das würde sich nach plausiblen Argumenten anhören, auch wenn es nicht stimmt, da es viele Gegenbeispiele gibt. Die Folge wäre, dass man neben der Straße noch eine Trasse für die Bahn freihalten würde.
  6. Es bliebe neben der Straße und der Bahntrasse dann kaum noch Platz, einen Ersatzbau zu errichten. Inzwischen hätte man sich an die große Bresche auch gewöhnt, die Erinnerung an den Stadtraum wären verflogen. Die Restgrünflächen würden mit Hinweis auf die an Grünanlagen nicht gerade reiche Stadt verteidigt.
  7. Mit Hinweis auf angeblich wichtigere Probleme würde man weitere Entscheidungen auf den Sanktnimmerleinstag verschieben.
  8. Es gibt in dem Stadtbereich mehrere leerstehende alte Gebäude. Diese haben einen hohen Sanierungsstau und sie sind schwer nutzbar, da im hinteren Grundstücksbereich neue Wohnhäuser entstanden sind. Dem schlechten Beispiel der Stadt folgend, könnten diese die Vorderhäuser zugunsten von Carports oder Garagen abbrechen. Dadurch würde die historische Stadtstruktur vollends zerstört.

Dieser Ablauf ist natürlich Spekulation. Realistisch erscheint eine Entwicklung, bei der nicht mehr als eine Kreuzung herauskommen wird, allerdings durch folgende Argumente:

  • Die CDU ist mit Abstand die mächtigste Partei in Griesheim. Sie stellt die größte Regierungsfraktion im Parlament, die Stadtverordnetenvorsteherin, den Bürgermeister und den Ersten Stadtrat. Ohne sie kann in der derzeitigen Parlamentssituation eigentlich niemand regieren. Nach der nächsten Wahl ist es mehr als wahrscheinlich, dass die CDU noch mehr Stimmen als bisher einfährt. Sie hat nämlich kaum Fehler gemacht, die öffentlich kritisiert wurden, wenn auch nur dadurch, dass sie halt generell wenig gemacht hat.
  • Die CDU hat schon immer eine große Kreuzung in dem Bereich gefordert, wie oben dargestellt. Bei der Diskussion 2019 über den Abbruch des Riedhofes hat die CDU in einer Wortmeldung im Stadtparlament klar gemacht, dass sie keine Neubebauung des Riedhofes wünscht.
  • Die CDU strebt vermutlich eine schlanke Stadt an, die bloß verwaltet und nicht gestaltet. Es gibt keine Stadtentwicklungsplanung. Es gibt kein konzeptionelles Vorgehen. Das Stadtplanungsamt ist nur mit 1,75 Mitarbeitern bestückt. Das Griesheim nicht agiert, sondern bloß reagiert, ist systemisch gewollt.
  • CDU und Grüne, die zusammen schon fast die Mehrheit stellen, haben bis heute niemals erkennen lassen, dass sie am Umgang mit der Stadtgeschichte interessiert wären. Historische Spuren werden Zug um Zug getilgt.
  • Durch das Bürgermeisteramt und den Ersten Stadtrat kontrolliert sie die Verwaltung. Damit beherrscht sie den Prozess und kann Planungsprozesse, Gutachten und Verhandlungen mit Hessen mobil steuern.
  • Die SPD setzt sich für einen städtebaulichen Planungsprozess und die Wiederbebauung des Riedhofgrundstückes ein. Alleine schon dies führt politisch dazu, dass sich die Regierungsparteien reflexartig dagegen positionieren. Sämtliche Forderungen der SPD nach konzeptionellem Vorgehen, z.B. bei der Straßenbahnverlängerung oder dem Bürgerhaus Zöllerhannes wurden mit fragwürdigen Begründungen abgelehnt.

Fazit

Um den oben skizzierten Prozess aufzuhalten, gibt es nur eine Chance: Der Abriss des Riedhofes muss gestoppt und eine städtebauliche Diskussion in Gang gebracht werden. Hier muss die Bürgerschaft aktiv werden.

Es ist erfreulich zu sehen, dass schon eine entsprechende Unterschriftenaktion initiiert wurde. Ich habe die Aktivisten dadurch unterstützt, dass sie meine Visualisierungen für die Unterschriftenlisten nutzen dürfen. Diese Listen liegen wohl mittlerweile in mehreren Geschäften aus.


Anlage: Beschluss des Stadtparlamentes

  • Der Magistrat wird beauftragt, zur Vorbereitung einer städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme „Westeingang“ ein mit der Durchführung städtebaulicher Maßnahmen erfahrenes Büro zu beauftragen.
  • Der Auftrag soll folgende Punkte umfassen:
    • Sichtung und Sammlung der bisherigen Vorarbeiten und Konzepte
    • Ermittlung der noch zu erbringenden Vorarbeiten und Untersuchungen
    • Vorschlag für eine räumliche Abgrenzung des Planungsbereiches
    • Zeit- und Finanzierungsplan
    • Vorstellung der Ergebnisse im Stadtplanungs- und Bauausschuss im 4. Quartal 2020
  • Im Haushalt 2020 sind dafür Mittel von 25.000 € bereit zu stellen.
  • Der ehemalige Riedhof wird vollständig zurückgebaut.
  • Für den Zeitraum bis zur Umsetzung einer Planung für den Westeingang wird an seiner Stelle eine Grünfläche angelegt, die den Stadteingang aufwertet und zwischenzeitlich gestalterisch fasst. Die Pläne dafür sind im 1. Quartal 2020 im Stadtplanungs- und Bauausschuss vorzustellen.
  • Die Mittel für den Rückbau des ehemaligen Riedhofes sowie für Planung und Anlage der Grünfläche sind zeitnah zu ermitteln und im Haushalt 2020 einzuplanen.