Das karolingische Griesheim (Ausflug nach Lauresham / Lorsch)

Ich denke jeder von Ihnen, sehr verehrte Leserschaft, fragt sich beinahe täglich: Wie um alles in der Welt sah eigentlich Griesheim in der karolingischen Zeit aus?

Diese Frage kann nun wirklich sehr anschaulich beantwortet werden. Alles was man tun muß, ist, sich nach Lorsch, genauer gesagt nach Lauresham, zu begeben.

Wenn Sie die dazu nötige Autobahnroute etwas zugunsten von Landstraßen abkürzen möchten oder im westlichen Teil von Griesheim wohnen, dann empfehle ich Ihnen, die Oberndorferstraße nach Süden aus der Stadt herauszufahren, und bis an den Rand von Pfungstadt zu fahren. Über die dortige Umgehungsstraße (B 426) können Sie die Auffahrt „Pfungstadt“  benutzen, um auf die A67 Richtung Mannheim zu fahren. Ab der Ausfahrt „Lorsch“ kann man der Beschilderung zur „Königshalle“ folgen. Von dort ist ein kleiner Fußmarsch erforderlich. Die genaue Lage sehen Sie ein Stück weiter unten.

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Stadtplanausschnitt: Eingetragen ist der Bereich, in dem das fränkische Gräberfeld gefunden wurde

Der Vorteil der oben beschriebenen Strecke ist aber vor allem folgender: Ohne es zu merken, fährt man am Griesheimer Stadtrand an den Überresten des karolingischen Griesheims vorbei. In der Rückgasse, das ist der Feldweg, der am Obst- und Gartenbauverein vorbei und zum Burghof und zum Modellflugplatz hinführt, wurden nämlich in den 1970er Jahren umfangreiche archäologische Funde gemacht.

Man legte damals ein fränkisches Gräberfeld frei, daß vom mittleren 6. Jahrhundert bis ins späte 8. Jahrhundert belegt wurde. Es wurden insgesamt 476 Gräber gefunden. Mit diesem Gräberfeld werden wir uns noch beschäftigen. Wenn Sie jetzt schon genaueres wissen wollen, dann empfehle ich Ihnen folgendes Heftchen: Landesamt für Denkmalpflege, Archäologische Gesellschaft Hessen e.V. (Hrsg.), R. Andrae: Griesheim, Kreis Darmstadt-Dieburg – Gräberfeld des 6. bis 8. Jahrhunderts, Wiesbaden 1977+2000. Zusätzlich können Sie einige der Funde im Landesmuseum in Darmstadt und im Foyer des Griesheimer Rathauses sehen.

Womit wir uns in diesem Artikel aber zunächst beschäftigen wollen, ist das, was damals nicht gefunden wurde: Die zum Friedhof gehörige Siedlung.  In der damaligen Zeit waren dies natürliche noch keine Stadt, es waren noch nicht einmal ein Dorf. Vermutlich müssen wir uns einen Herrenhof, einen Fronhof, vorstellen. Wie dieser ungefähr ausgesehen haben könnte, wird in einem 1:1-Modell in Lorsch gezeigt.

(Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß es in Griesheim damals vielleicht auch mehr als einen solchen Hof gegeben haben könnte. Ob einer von diesen „Griesheim“ hieß, ist nicht nachzuweisen.)

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Königshalle in Lorsch

Lorsch ist bekannt für seine karolingische Königshalle und die Überreste des Lorscher Klosters, mittlerweile Weltkulturerbe. Die ehemalige landesweite Bedeutung des Klosters kann man heute kaum noch erahnen. Neben der Rekonstruktion der Klosterbauten muß man sich dazu mit dem Wirtschaftssystem des Klosters befassen. Zum eigentlichen Kloster gehörten nämlich zahlreiche landwirtschaftlichen Güter – Fronhöfe, die von Verwaltern des Klosters bewirtschaftet wurden. Diese lagen teils weit entfernt vom Kloster.

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Im Herrenhof Lauresham

In direkter Nähe dagegen hat nun die Staatliche Verwaltung der Schlösser und Gärten in Hessen ein 1:1-Modell eines solchen Hofes unter dem Namen „Lauresham“ (= Ursprünglicher Name von Lorsch) errichten lassen. Das Ganze ist nicht als Rekonstruktion an Ort und Stelle zu verstehen, denn am Bauplatz selbst hat es einen solchen Hof nicht gegeben. Vielmehr ist Lauresham ein Labor, in dem unter einigermaßen realistischen Bedingungen ausprobiert wird, ob die Vorstellungen, die man von einem karolingischen Herrenhof hat, sich auch in Natura bewähren. Man probiert deshalb verschiedene Hauskonstruktionen aus und beobachtet, wie diese dem Wetter trotzen. Man baut verschiedene Werkstätten nach und testet deren Gebrauchstaglichkeit, ebenso wie landwirtschaftliche Geräte oder Möbel. Das ganze geht soweit, daß auf dem Hof historische Nutztiersorten angesiedelt werden. Mit den beiden Ochsen „Darius“ und „David“ werden die Felder bestellt. Man probiert sogar verschiedene Zaunrekonstruktionen in Natur aus.

Aus der Luft betrachtet, sieht das ganze so aus:

Man sieht sehr schön den eigentlichen Herrenhof im Norden mit der Umfriedung durch einen Palisadenzaun. Im Norden befindet sich die Kapelle, südwestlich daneben das Herrenhaus. Südlich befinden sich dann Wohnhäuser für das Gesinde und Werkstätten, Scheunen und Gärten.

Außerhalb des Zaunes liegen weitere Werkstätten, Ställe, Getreidelager, Brunnen, Felder und Tierweiden.

Das Gelände ist nur im Rahmen von Führungen zugänglich. Dies ist aber auch unbedingt nötig, da man nur im Rahmen der Führung versteht, was man sieht. Infos finden Sie hier.

Hier einige weitere Impressionen:

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Rekonstruktion eines Grubenhauses
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Speisezimmer im Herrenhaus
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Schlafstätten des Gesindes

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