Karoline trifft Prinz

Eine wahre Geschichte mit Herz und Schmerz aus dem winterlichen Darmstadt, Griesheim und Groß-Gerau vor über 200 Jahren. Inklusive echtem Dichter.

Es war einmal eine kleine Stadt, die hieß Darmstadt. Dort, in einem riesigen Schloss, residierte der Landgraf und um ihn herum lebten seine Familie, der Hofstaat und viele, viele Beamten. Sie alle hatten großen Bedarf an Bediensteten, die ihnen ihr Leben vereinfachten. Zwei dieser hilfreichen Geister waren Susanne und Christian Wilhelm Seitz, die als Hofhebamme bzw. als Kammerdiener arbeiteten. Beide hatten eine Tochter, die hieß Karoline.

Darmstadt, Ende des 18. Jahrhunderts

Karoline Seitz lebte zeitweise in Darmstadt bei ihren Eltern, zeitweise aber auch in Griesheim. Dort lebten ihre Großeltern im alten Forsthaus, das am östlichen Ortsrand stand. Karoline half dort im Haushalt mit.

Im Winter 1784, als unser Geschichte beginnt, war die sechzehnjährige Karoline allerdings in Darmstadt unterwegs. Mit ihrer Freundin Katharina lieferte sie sich auf dem verschneiten Marktplatz eine Schneeballschlacht. Nicht jedes der Geschosse fand sein eigentliches Ziel – eines aber, im Nachhinein betrachtet, das Richtige: Es traf einen jungen Mann, der gerade mit einem anderen jungen Herren aus dem Marktpalais auf den Platz getreten war.

Der Darmstädter Marktplatz um 1800. Rechts das Marktpalais.

Sogleich ging man in den Gegenangriff über. Die Männer verfolgten Karoline und Katharina – und auf der großen Freifläche westlich des Residenzschlosses, der später einmal Friedensplatz heißen würde, holten sie die beiden ein und küssten sie „trotz allen Sträubens“ – aus heutiger Sicht natürlich nicht OK.

Am nächsten Tag war im Schloss „Große Cour“. Karoline und Katharina durften daran teilnehmen, wohl deshalb, weil ihre Eltern am Hof beschäftigt waren. Man war gespannt auf den Höhepunkt des Tages: Der junge und damals noch nicht allzu bekannte Dichter Friedrich Schiller trug sein Drama „Don Carlos“ vor.

Groß war die Überraschung, als Karoline und Katharina in Schiller einen der beiden Schneeballschlachtgegner des vorigen Tages erkannten. Und der zweite junge Mann war auch im Raum: Es war Prinz Friedrich von Hessen, der Neffe des Landgrafen. Zumindest letzterer erkannte Karoline wieder und so führte das eine zum anderen – die beiden verliebten sich ineinander.

Das alte Griesheimer Forsthaus

Natürlich war man bei Hofe über das junge Paar alles andere als begeistert: Prinz und Bürgerliche… irgendwie ein Problem… man kennt das ja. Nachdem man sicher versucht hatte, die beiden jungen Leute wieder auseinander zu bringen, gab es eine Vereinbarung: Prinz Friedrich musste zehn Jahre zum Militärdienst nach Frankreich und bekam nur einmal im Jahr Urlaub, um seine Karoline wiederzusehen. Diese wiederum lebte in Griesheim im alten Forsthaus, wo sie vom Griesheimer Pfarrer Grandhomme unterrichtet wurde, wahrscheinlich, um sie irgendwie standesgemäßer zu machen. Die Liebe hielt jedenfalls trotzdem, und nach vier Jahren, im Jahr 1788, heiraten die beiden in der Griesheimer Dorfkirche.

Lutherkirche Griesheim

1789 brach in Frankreich die Revolution aus, das setzte dem Dienst von Friedrich dort wohl ein Ende. Zwei Jahre lebte er mit seiner Karoline nun im alten Forsthaus in Griesheim, das allerdings eine nicht ganz standesgemäße Unterkunft bot.

Groß Gerau: Küchler´sches Haus

Deshalb siedelten die beiden nach Groß-Gerau um, einer kleinen Landstadt, die sicherlich gegenüber Griesheim einige städtische Annehmlichkeiten zu bieten hatte. Das Paar bezog ein bescheidenes Stadtpalais, das Küchler´sche Haus, in der Nähe des Rathauses. 1800 wurde ihr Sohn Ferdinand August geboren.

Leider waren Karoline und Friedrich nur wenige gemeinsame Jahre beschieden. Friedrich starb 1808 mit 49 Jahren nach einem Messebesuch in Frankfurt an einer wohl zu spät erkannten Lungenentzündung. Er wurde seinem Wunsch gemäß in Griesheim beerdigt. Karoline ließ ihm ein Grabdenkmal neben der Dorfkirche errichten und folgende Inschrift anbringen:

Denkmal zärtlichster Liebe und innigster Freundschaft für meinen Gatten, den Prinzen Friedrich August, Landgrafen von Hessen, Karoline von Friedrich geb. Seitz

Das bis heute erhaltene Denkmal wird von zwei steinernen Löwen bewacht. Einer blickt nach Osten nach Darmstadt. Der andere schaut nach Norden, nach Groß-Gerau. Somit werden die drei Stationen im Leben des Paars zusammengefasst.

Karoline überlebte ihren Mann nur um vier Jahre und starb 1812 mit 44 Jahren.

Das heute leere Grabmal von Karoline und Friedrich auf dem Griesheimer Kirchhof.


In der nächsten Folge schauen wir uns an, wie die anderen oben gezeigten Orte heute ausschauen. Wer mehr über das Liebespaar wissen möchte, das vor über 200 Jahren in Griesheim, Darmstadt und Groß-Gerau lebte, dem sei folgendes Buch mit vielen Quellen und Texten und einigen Gedichten von Friedrich empfohlen:

Barbara Hauck: Ludwigs Lust. Unstandesgemäße Liebschaften im Hause Hessen-Darmstadt, Frankfurt, 2010

Erwähnt werden dort auch weitere Varianten der Geschichte.

Weitere Infos:

Karl Knapp: Griesheim. Von der steinzeitlichen Siedlung zur lebendigen Stadt, Griesheim, 1991

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