„Die abenteuerlustigsten Gallier…“

Griesheim im Dekumatenland

Vor etwa 1.900 Jahren lag das Griesheimer Stadtgebiet irgendwo im nirgendwo. Einige Kilometer westlich lag das Römische Reich, das sich bis an den Rhein ausgebreitet hatte. Viel weiter östlich und nördlich lagen die Herrschaftsgebiete derjenigen Völker, die die Griechen und Römer als Germanen bezeichneten. Das Gebiet dazwischen, Dekumatenland genannt, war teilweise menschenleer, teilweise von Kelten und Germanen, aber anscheinend auch von vielen Abenteurern besiedelt.

Karte des Dekumatenlandes. Die rosa eingetragenen Gebiete gehörten seit Mitte des 1. Jh. V. Chr. zum römischen Reich, die gelb eingetragenen agri decumates gelangten nach und nach dazu und wurden durch den Limes gesichert. Um 150 n. Chr. waren auch diese Gebiete in den Römischen Staat eingegliedert. Die Bedeutung von agri decumates ist nicht geklärt. Das Wort agri steht für Feld oder Land, im Wort decumates ist die Zahl Zehn enthalten. Deshalb wird es manchmal als „Zehntland“ bezeichnet. Es könnte direkt dem römischen Kaiser zur Abgabe einer Steuer (dem Zehnten) verpflichtet gewesen sein. Grafik: stadtlandsand.de

Das Römische Reich hatte sich unter Gaius Julius Caesar im 1. Jh. v. Chr. weit ausgedehnt. In den „Gallischen Kriegen“ wurden weite Teile des heutigen Frankreichs und Englands, Belgiens und das linksrheinische Deutschland in das Römische Reich eingegliedert. Diese Gebiete waren von Galliern besiedelt.

Anders, als es die berühmten und sehr lesenswerten Asterix-Comics vermuten lassen, sind die Gallier nicht identisch mit den heutigen Franzosen. Die Bezeichnung Gallier geht auf die römische bzw. lateinische Namensform des Volkes der Kelten zurück, die von den Griechen so genannt wurden. Die Kelten bewohnten weite Teile Europas, neben dem heutigen Frankreich auch Spanien, die Britischen Inseln, den Alpenraum, Norditalien, Südwestdeutschland und sogar Teile der Türkei. (Einen Artikel, was der Griesheimer Kirchturm mit den Kelten zu tun hat, lesen Sie hier.)

Ebenso wie bei den Germanen handelt es sich bei dem Namen der Kelten nicht um eine Eigen-, sondern um eine Fremdbezeichnung. So behauptete erst Caesar im 1. Jahrhundert vor Christus, die Germanen seien als eigenständiger Stamm und nicht als Teilstamm der Gallier bzw. Kelten anzusehen. Caesar verfolgte damit möglicherweise politische Ziele. In dem er den Bewohnern östlich des Rheins (die er nicht unterwerfen konnte) das „Keltensein“ absprach, konnte er in Rom behaupten, ganz Gallien erobert zu haben (außer natürlich eines kleinen Dorfes in der Bretagne).

Tatsächlich gab es sprachliche Unterschiede zwischen Germanen und Kelten. Aber am Beispiel der Treverer, die in der Antike um das heutige Trier lebten, zeigt sich, dass es immer schwierig ist, Menschen und Völker gegeneinander abzugrenzen. Die Treverer sprachen nämlich eine keltische Sprache und hatten keltische Religionsvorstellungen. Sie legten aber immer großen Wert darauf, germanischer Abstammung zu sein.

Die Begriffe „Germanen“ und „Kelten/ Gallier“ sind also nicht so eindeutig, wie man sich das manchmal vorstellt. Deshalb ist es für uns heute schwierig, die wenigen erhaltenen textlichen Meldungen aus römischer Zeit, die indirekt das Stadtgebiet des heutigen Griesheims betreffen, zu deuten und sich ein Bild von der Bevölkerung östlich des Rheins zu machen.

Der berühmte Historiker Tacitus beschrieb die Bewohner des Dekumatenlandes (lateinisch agri decumates) im Jahr 98 so:

Nicht unter die Völker Germaniens möchte ich die Leute rechnen, die die agri decumates bearbeiten, obwohl sie sich jenseits von Rhein und Donau niedergelassen haben. Die abenteuerlustigsten Gallier, die die Not kühn gemacht hat, haben den Boden, dessen Besitz umstritten war, besetzt; seitdem dann der Limes angelegt und die Grenzwachen weiter nach vorn verlegt worden sind, bilden sie einen Vorposten unseres Imperiums und einen Teil der Provinz.

Seiner Ansicht nach waren im Dekumatenland also Zuwanderer aus dem Westen vorherrschend. Ergänzend dazu müssen aber auch andere Quellen betrachtet werden, die durch archäologische Funde bestätigt werden. Demnach sind durch die Römer im Dekumatenland gezielt germanische Völker angesiedelt worden, die dem Reich wohlgesonnen waren. In unserer Region waren dies die Sueben, die aus dem Ostseegebiet hierherkamen. Funde in Groß-Gerau belegen ihre Anwesenheit.

Der zentrale Bereich der Sueben lag allerdings etwas südlicher rund um das heutige Ladenburg. Von dort wanderten die Sueben später weiter den Neckar hinauf, wo sie schließlich im Stuttgarter Raum blieben und dann als Schwaben bezeichnet wurden.

Rekonstruktion einer Villa Rustica. Ähnliche Anlagen, allerdings in Größe und Ausprägung etwas bescheidener, hat es im Stadtgebiet von Griesheim wahrscheinlich auch gegeben.

Wer schließlich die Siedler waren, die im Stadtgebiet von Griesheim in römischer Zeit zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe (als Villa Rustica bezeichnet) bewirtschafteten, wird wahrscheinlich für immer unbekannt bleiben. Über die Zeit des römischen Griesheims können Sie hier weiterlesen.


Das Titelbild zeigt die Statue des Tacitus vor dem Parlamentsgebäude in Wien. Quelle: Wikipedia

 

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