Störche

Nachdem die Störche aus unserer Gegend bis vor einiger Zeit fast ganz verschwunden waren, ist der Bestand wieder rasant angestiegen. Die Riedlandschaft, zu der weite Teile des Kreises Groß-Gerau, aber auch der Westen des Griesheimer Stadtgebietes gehören, bietet durch die verbesserte Umweltsituation wieder gute Bedingungen für diesen großen Vogel. Aber auch die Müllkippe bei Büttelborn ist ein nicht unerheblicher Grund für die Rückkehr des Storches.Vor allem der Weißstorch ist es, der mit seinem charakteristischen Klappern, dem weiß-schwarzen Federkleid, den langen Beinen und dem langezogenen, spitzen Schnabel unser Bild von Störchen prägt. Weißstörche zählen mit einer Länge von etwa einem Meter und einer Flügelspannweite von sogar über zwei Metern zu den größten Vögeln, die hier natürlicherweise vorkommen.

Die Tiere sind Fleischfresser. Sie ernähren sich von Kleintieren wie Regenwürmern, Fröschen, Lurchen, Schlangen und Mäusen, manchmal auch Krabben und Fischen. Die Gestalt des Storches mit seinen langen Beinen und dem spitzen Schnabel ermöglicht ihm eine spezielle Jagdmethode: Im „Storchenschritt“ schreitet er über Wiesen, Sümpfe und durch flache Gewässer. Wird Beute gesichtet, stößt er blitzschnell mit dem Schnabel zu und ergreift sie.

Das Hessische Ried bietet für diese Art der Nahrungssuche optimale Bedingungen. Wiesen, Feuchtland, Tümpel und kleine Gewässer sind hier reichlich vorhanden. Über Jahrhunderte war deshalb der Storch auch in Griesheim zu Gast. Auf so manchem Dach waren Storchennester vorhanden, in denen Storchenpaare jedes Jahr etwa drei Junge großzogen.

Der Mensch entwickelte eine besondere Beziehung zu „Meister Adebar“, wie der Storch im Märchen heißt. Zahlreiche Mythen entstanden. Die bekannteste ist wohl diejenige, die berichtet, dass es der Storch sei, der die Babys zu den Menschen bringe. In der Bibel taucht der Storch gleich mehrfach auf.

Das alles hielt des Menschen aber nicht davon ab, die Lebensgrundlagen der Störche mehr und mehr zu zerstören. Immer mehr Wiesen wurden entwässert, Gräben und Tümpel zugeschüttet, um Platz für die Landwirtschaft, Verkehrswege und Bauland zu gewinnen. Der Storch war deshalb nicht mehr in der Lage, Nahrung zu finden. 1934 gab es noch über 9000 Storchenpaare in Deutschland, in den späten 1980er Jahren waren es dann weniger als 3000. Der Storch wurde so zu einem populären Symbol für die Umweltverschmutzung und die Zerstörung der Natur durch den Menschen, Umweltinitiativen wählten ihn als Symbol.

Storchenaufzucht im elsässischen Kintzheim (Parc des cigognes et attractions Cigoland)

Und tatsächlich gelang es, eine Trendwende einzuleiten. In Tierparks und in Vogelstationen wurden die Tiere gezielt aufgezogen. Durch die Ausweisung von Naturschutzgebieten, die punktuelle Zurückführung von industrieller Landschaft in einen naturnäheren Zustand, den Bau von Nisthilfen etc. wurden wieder bessere Lebensräume für die Störche geschaffen. Der Bestand liegt jetzt bei über 6000 Paaren in Deutschland.

Ein Schwerpunkt bildet dabei das Hessische Ried. Von den etwa 500 Paaren in Hessen (200 mehr (!) als im Jahre 1900) leben alleine im Kreis Groß-Gerau etwa 210. Neben den landschaftlich guten Bedingungen trägt auch die Existenz der Müllkippe von Büttelborn zu diesen erfreulichen Zahlen bei. Denn hier können sich die Tiere leicht mit Nahrung versorgen – und das sogar ganzjährig. Während Störche als echte Zugvögel eigentlich im August in den Süden aufbrechen, um in Spanien und Nordafrika zu überwintern und erst im April zurückkehren gibt es im Büttelborner Gebiet immer mehr Tiere, die hier dank der Nahrungsversorgung vom Müllberg überwintern. Für die Tiere hat das Vorteile. Sie sparen die kräftezehrende, zehntausende Kilometer lange Reise und sie können ohne lästige Konkurrenz im Frühjahr die besten Nistplätze belegen, wobei sie eigentlich die Tendenz haben, den gleichen Nistplatz wie letztes Jahr zu nutzen, wenn hier eine erfolgreiche Aufzucht von Jungtieren geklappt hat.

Auch wenn es Storchenpaare gibt, die sich über viele Jahre treu sind: Störche fühlen sich wohl eher ihrem Nest (bzw. korrekt „Horst“) verbunden, als ihrem Partner. Es wurden Fälle beobachtet, in denen ein Tier von einem Konkurrenten aus dem Horst vertrieben wurde, während das andere Tier dann mit neuem Partner dort verblieb.

Sowohl im Eheverhalten, als auch politisch geben Störche ein schwieriges Vorbild ab. Vor noch nicht allzulanger Zeit glaubten die Menschen in Europa, die Spaltung des Kontinents sei überwunden. Diesem Traum haben sich die Weißstörche gar nicht erst hingegeben. Sie teilen sich wohl schon seit langer Zeit in West- und Oststörche. Der Grund ist das Mittelmeer. Störche sind außerordentlich gute Segelflieger. Sie nutzen für ihre langen Flugrouten im Herbst und Frühjahr die Thermik, also aufsteigende Luftströme, um Kraft zu sparen. Über dem Meer gibt es aber keine Thermik. Auf dem Weg nach Afrika müssen die Tiere daher entweder über die Meerenge von Gibraltar, oder über den Nahen Osten. Die Tiere verbleiben meist ihr Leben lang, das 35 Jahre dauern kann, auf einer der beiden Routen.

Ein interessanter Gedanken zum Thema Storch und Naturschutz findet sich in Hanjörg Küsters absolut lesenswertem Buch „Geschichte der Landschaft in Mitteleuropa„. Der Storch gehöre demnach eben nicht zu einem natürlichen Bewohner Mitteleuropas. Dessen eigentliche Landschaftsform ist nämlich der Wald. Der Storch benötigt aber, wie oben dargestellt, offene Wiesenlandschaften. Und die sind größtenteils durch das Eingreifen des Menschen erst entstanden, der Wald gerodet und Wiesen als Viehweiden angelegt hat. Auch viele Wasserflächen, ein weiteres Habitat des Storches, sind in Mitteleuropa vom Menschen erst angelegt worden (Entwässerungsgräben, Teiche, Mühlgräben) oder durch das Handeln des Menschen verändert worden: Das Hessische Ried mit seinen mäandrierenden Flussläufen und Altgewässern ist erst entstanden, als der Mensch am Oberlauf der Flüsse den Wald entfernt und damit die Errosion gefördert hat. Das abgetragene Material lagerte sich im Oberrheingraben wieder ab und verwandelte den ehemals schnell über Schotterterrassen fließenden Rhein in einen trägen Strom (mehr dazu hier und hier).

Es ist  ein spannender Gedanke, dass die Umweltzerstörung des Menschen vor tausenden von Jahren erst eine Landschaft im Hessischen Ried geschaffen hat, die wir heute schützen müssen, um Tiere wie den Storch und viele Pflanzen in unserer Region halten zu können.