Jeder sollte eine zweite Chaussee erhalten

Wenn man in Griesheim von der „Chaussee“ spricht, dann ist die nahezu schnurgerade Straße von Darmstadt nach Wolfskehlen gemeint, die Griesheim der Länge nach durchzieht und die in weiten Teilen offiziell Wilhelm-Leuschner-Straße heißt. Sie ist für die Zwiebelstadt Aushängeschild, Verkehrsmagistrale und Innenstadt zugleich.

Dabei gab es neben dieser Straße bis in die 1960er Jahre eine zweite Chaussee auf Griesheimer Stadtgebiet, die zumindest verkehrlich gesehen die bedeutendere war.

Es handelt sich um die alte „Mainzer Landstraße“. Sie begann am heutigen östlichen Stadteingang an der Straße Griesheim-Darmstadt und führte von dort nach Nordwesten. Auf relativ gerader Strecke erreichte die Trasse erst Büttelborn und dann Groß-Gerau, um schließlich über Bischofsheim und Kostheim nach Mainz zu führen.

Ein Blick in eine historische Karte zeigt den Verlauf der Straße nördlich und östlich von Griesheim:

Ausschnitt aus einer topographischen Karte von 1910. Gelb hinterlegt ist die Chaussee von Darmstadt nach Wolfskehlen über Griesheim, rot hinterlegt die „Mainzer Landstraße“. Quelle: Kristof Doffing / langen.ykom.de

Erbaut wurde die Straße vor fast 200 Jahren, und zwar aus folgendem Grund: Nach dem Wiener Kongreß 1815, der Europa nach Napoleons Niederlage neu sortierte, erhielt das Großherzogtum Hessen zahlreiche linksrheinische Gebiete, die als Provinz „Rheinhessen“ eingegliedert wurden. Darmstadt und Mainz lagen damit erstmals in einem gemeinsamen Staat, obwohl beide Städte zuvor eher wenig miteinander zu tun hatten. Um die Hauptstadt (Darmstadt) mit der nun größten hessischen Stadt (Mainz) zu verbinden, wurde eine gut ausgebaute und wetterfeste Straße benötigt. Bei deren Bau wurden teilweise alte Straßenverbindungen genutzt, teilweise wurde die Straße aber auch völlig neu trassiert. Ob auch Abschnitte der noch immer nicht lokalisierten Römerstraße Groß-Gerau – Bessungen, auf die Funde aus der Nähe des Gehaborner Hofes hindeuten, genutzt und ausgebaut wurden oder ob diese Straße einen anderen Verlauf hatte, ist bis heute ungeklärt.

Dass die Mainzer Landstraße aber nicht nur ein reines Verkehrsbauwerk war, sondern auch von repräsentative Ideen geprägt wurde, zeigt der Verlauf der Straße im Griesheimer Stadtgebiet. Vor dem Bau lief der Verkehr von Mainz/Groß-Gerau kommend nämlich über den Gehaborner Hof und den Dornheimer Weg direkt nach Darmstadt. Der Eintritt in das Stadtgebiet war dabei nicht sonderlich spektakulär. Dies wurde mit der neuen Straße geändert. Östlich von Büttelborn verließ der Neubau der Landstraße nun die alte Trasse und verlief nach Südosten. Zwischen Griesheim und Darmstadt traf man dann auf die bereits existierende „Breite Allee„, die nach Osten genau auf das Darmstädter Schloss zuführte und die als barocke Prachtachse konzipiert war. Der aus Richtung Mainz kommende Reisende kam damit nicht mehr, wie zuvor, über einen „Hintereingang“ nach Darmstadt, sondern gewissermaßen durch den aufwendig inszenierten Haupteingang.

Vergleich der alten und der neuen Trasse der Straße Darmstadt – Groß-Gerau (-Mainz) in der Haaschen Karte von ca. 1800. Orange die übernommene Trasse des 18. Jahrhunderts, orange gepunktet der alte Verlauf über den Gehaborner Weg. Rot gepunktet der Neubau der Mainzer Landstraße (damals noch nicht vorhanden) und rot die schon existente barocke Prachtstraße (Breite Allee und Rheinstraße) von Darmstadt. Die Achse führte genau auf das Schloss (5) zu und passierte dabei den Westwald mit dem Bassin (1), einen Alleeabschnitt vor der Stadt (2), das Rheintor (3), den Luisenplatz (4). Nach Westen hatte die Achse zunächst überhaupt kein Ziel. Quelle: Kristof Doffing / langen.ykom.de mit eigenen Eintragungen.

 

War die ganze barocke Stadt zuvor nur in die Leere (bzw. auf Griesheim) ausgerichtet, was sich ausschließlich durch die Lage des Schlosses begründete, bekam die städtebauliche Konzeption der Darmstädter Rheinstraße durch die neue Mainzer Landstraße damit auch verkehrlich einen Sinn, da nun der Fernverkehr von Westen dort eingeleitet wurde.

Beschilderung der Abfahrt Darmstadt an der Autobahn Frankfurt-Mannheim in den 1930er Jahren. Quelle: Stadtarchiv Griesheim

Die Mainzer Landstraße wurde in den 1920er Jahren zur Reichsstraße erhoben und war nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der Bundestraße 26. Mit dem Bau der Autobahn Frankfurt-Mannheim bekam sie zusätzliche Bedeutung: Die neu geschaffene Autobahnausfahrt zwischen Darmstadt und Griesheim war gleichzeitig der Anschluss für Mainz an das Autobahnnetz und wurde entsprechend ausgeschildert. Um allerdings von hier in die Stadt am Rhein zu gelangen, musste man die Mainzer Landstraße nutzen. Infolge dessen wurde die Kreuzung der Straße mit der Bahnlinie Darmstadt-Griesheim-Worms zum Hindernis. Mitten im Zweiten Weltkrieg Anfang der 1940er Jahre wurde der Bahnübergang deshalb schon durch eine Überführung ersetzt.

In den 1960er Jahren begann dann der vierspurige Ausbau der Mainzer Landstraße, bis die alte Straße schließlich vollständig zur Autobahn ausgebaut war. Als Bundesautobahn 67 dient die Trasse bis heute der Verbindung von Darmstadt nach Mainz, als Europastraße 35 ist sie darüber hinaus Teil der direkten Verbindung Amsterdam-Griesheim-Rom.

Der Beginn der Mainzer Landstraße an der Chaussee Griesheim-Darmstadt um 1960. Der Fotograf blickt nach Norden Richtung Groß-Gerau, links geht es nach Griesheim, rechts nach Darmstadt. Das Tankstellengebäude links und das Satteldachgebäude daneben existieren heute noch am östlichen Griesheimer Stadteingang. Quelle: Stadtarchiv Griesheim 

 

Ein ähnlicher Blick wie zuvor: Heute ist die Mainzer Landstraße durch die Autobahn A67 ersetzt worden. Die Chaussee führt höher gelegt kreuzungsfrei darüber hinweg

 

 

Wenn Sie mehr über die Geschichte der Chaussee in Griesheim erfahren möchten, sei Ihnen die AusstellungUnsere Chaussee“ im Griesheimer Museum empfohlen, die noch im Mai und im Juni 2018 an allen Sonntagen von 14-17 Uhr geöffnet ist.