Klassische Moderne in Griesheim

Eines der interessantesten Gebäude Griesheims aus architektonischer Sicht befand sich bis 1988 an der Ecke Wilhelm-Leuschner-Straße / Schöneweibergasse. Erbaut im Jahr 1930 zeigte es – für Griesheim damals absolut ungewöhnlich – den Baustil der klassischen Moderne.

Das ursprünglich im 19. Jahrhundert erbaute Wohnhaus an der Ecke zur Schöneweibergasse. Quelle: Stadtarchiv Griesheim

Ursprünglich befand sich am Bauplatz ein ziemlich bescheidenes Gebäude, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut wurde. Es war eines der ältesten Häuser auf der „Chaussee“, die ab 1837 einen durchgehenden Verkehr von Darmstadt nach Wolfskehlen und später bis nach Oppenheim erlaubte. Die Straße wurde zunächst nur sehr zaghaft bebaut, meist waren es eingeschossige Wohnhäuser, die traufständig zur Straße ausgerichtet waren. Sie hatten tiefe Grundstücke, die den Gemüse- und Salatanbau im Nebenerwerb erlaubten.

Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert wandelte sich die Chaussee immer mehr von einem Verkehrsbauwerk zur Griesheimer Innenstadt. Die bescheidenen Häuser der Ursprungsbebauung wurden nach und nach ersetzt durch mehrgeschossige Wohn- und Geschäftshäuser.

Der Neubau um 1930. Quelle: Stadtarchiv Griesheim

Das Gebäude an der Ecke Wilhelm-Leuschner-Straße / Schöneweibergasse wurde jedoch recht spät, nämlich erst Ende der 1920er Jahre abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt, der 1930 fertiggestellt wurde. Erstaunlicherweise wählte der Bauherr, die Firma Hofmann, die mit Eisenwaren handelte und hier ein kleines Kaufhaus errichtete, einen in der weiten Welt damals ziemlich aktuellen Baustil – die Klassische Moderne. Ungewöhnlich war das aber für Griesheim: Während die großen Städte Berlin oder Frankfurt Zentren des modernen Baustiles waren und dort ganze Stadtteile entsprechend errichtet wurden und heute von Heerscharen von Architekturpilgern besucht und bewundert werden, gab es in Griesheim (und auch in Darmstadt) eigentlich bis dato kein vergleichbares Gebäude.

Der fertig gestellte Neubau stellte ein schönes Beispiel der klassischen Moderne dar – und das in Griesheim. Quelle: Stadtarchiv Griesheim

Das Gebäude zeigte die typischen Merkmale der klassischen Moderne: Flachdach, abgerundete Ecken, Verzicht auf jegliches Dekor, liegende Fensterformate und gestalterisch absolut reduzierte Balkongeländer, die nur aus wenigen, eher horizontal liegenden Rundstäben bestanden. Architekt war Georg Hettinger, Stadtbaumeister von Neu-Isenburg, der in die Familie eingeheiratet hatte.

1988 erfolgte der Abbruch. Im Hintergrund ist bereits der Neubau in der Fertigstellung. Quelle: Stadtarchiv Griesheim

Das Gebäude der Firma Hofmann bestand bis zu seinem Abbruch 1988 im Zuge des Innenstadtprojektes der 1980er Jahre, als die Wilhelm-Leuschner-Straße auf mehr als die doppelte Breite aufgeweitet wurde. Das kleine Kaufhaus, dass aufgrund seiner eingezwängten Lage direkt neben der Straßenbahn nur sehr schwierig saniert werden konnte, war bis dahin äußerlich im Originalzustand erhalten.

Der Ende der 1980er Jahre fertiggestellte Naubau ist heute noch vorhanden. Quelle: Stadtarchiv Griesheim

Es wurde ersetzt durch ein zurückversetztes Wohn- und Geschäftshaus, dass der Firma Hofmann noch einige Jahre eine Heimstatt bot. Heute befindet sich hier ein Second-Hand-Kaufladen.


Viele weitere Infos zu dem Gebäude, seiner Umgebung, der Entwicklung der Griesheimer Innenstadt und zur Architektur in Griesheim finden Sie in der aktuellen Ausstellung des Griesheimer Museums „Unsere Chaussee“.