Sankt Stephan

Griesheim hat nur einen einzigen Stadtteil. Dieser trägt einen für die Region ungewöhnlichen Namen: Sankt Stephan. Benannt ist der Ortsteil nach dem ersten christlichen König von Ungarn. Wie kam diese Benennung zu Stande und wer war das eigentlich?

Um das zu klären, müssen wir Griesheim auf der Chaussee nach Osten verlassen.

Wenn man nämlich die B26 von Griesheim aus immer weiter nach Osten fährt, dann kommt man irgendwann nach Bamberg. Bamberg ist eine ziemlich hübsche Stadt, die die Kriege ziemlich unbeschadet überstanden hat, sodass man ihre lange Geschichte anhand von unzähligen historischen Gebäuden und vielen Kirchen erahnen kann. Die Lage auf sieben Hügeln hat der Stadt den Beinamen „fränkisches Rom“ eingebracht.

Auf einem der Hügel steht der Bamberger Dom, der wie die gesamte Altstadt als UNESCO-Weltkulturerbe eingetragen ist. Der Dom beherbergt das Bamberger Wahrzeichen, den Bamberger Reiter. Dieses Reiterstandbild stammt aus dem 13. Jahrhundert und gilt als eines der wichtigsten Kunstwerke aus der damaligen Epoche. Es wurde schon vor der Weihe des Domes im Jahr 1237 aufgestellt und hat seit damals seinen Platz auf einer Konsole an einem der Nordpfeiler des Chores.

Wen das Kunstwerk darstellt, ist nicht mit absoluter Sicherheit geklärt.  Das Bistum Bamberg wurde durch Kaiser Heinrich II. (973 oder 978 bis 1024) gegründet. Heinrich wurde im Dom begraben und wird seit seiner Heiligsprechung auch im Dom verehrt. Er kann aber nicht der Reiter sein, da die Person „nur“ als König und nicht als Kaiser dargestellt wurde. Heinrichs Schwester Gisela war mit König Stephan von Ungarn verheiratet. Stefan wurde 1083 heilig gesprochen und wird seither ebenfalls im Bamberger Dom verehrt. Die meisten Meinungen tendieren deshalb zu der Ansicht, dass der Bamberger Reiter eine Darstellung des Heiligen Stephan sei (das Titelbild zeigt den Bamberger Reiter).

Stephan I., ungarisch István (969 – 1038) war von 1000 – 1038 der erste König des Königreiches Ungarn, das er auch gegründet hatte. Er führte außerdem in dem Gebiet das Christentum ein, zusammen mit seinem Vater Großfürst Géza wurde er 985 getauft. Nachdem letzterer 997 verstarb, brach ein Machtkampf um die Nachfolge aus. Im Gegensatz zu seinen heidnisch gebliebenen Verwandten, die ebenfalls Ansprüche auf den Thron des Großfürsten anmeldeten, hatte Stephan durch sein Bekenntnis zum Christentum die mächtigeren Verbündeten: Über seine Frau Gisela bekam er Unterstützung aus dem Herzogtum Bayern. So konnte er seinen ärgsten Kokurrenten, seinen Onkel Koppány, besiegen und ermorden lassen.

Wiederum begünstigt durch verwandtschaftliche Seilschaften gelang es Stephan im Jahr 1000, Ungarn durch den Papst als Königreich anerkennen zu lassen. In der Folge (und als Gegenleistung) holte er Missionare ins Land, die eine ungarische Landeskirche aufbauten. Stephans und Giselas einziger Sohn Emmerich (ungarisch Imre) verunglückte bei der Bärenjagd tödlich. Nachfolger in der Thronfolge wären deshalb Stephans Cousins geworden. Diese ließ er blenden und ihnen Blei in die Ohren gießen, um sie „regierungsunfähig“ zu machen. Statt ihrer ernannte er seinen Neffen zum Nachfolger – Peter Orseolo übernahm den Thron nach Stephans Tod 1038.

Die schon erwähnte Heiligsprechung Stephans hatte vor allem politische Gründe. Mit Stephan hatte die ungarische Nation ein Nationalsymbol erhalten, die Christianisierung des Landes wurde als offizielle Begründung genannt. Die nicht eben christlichen Verbrechen zur Absicherung der eigenen Macht stehen aber im Gegensatz zum Verhalten, dass man von einem Heiligen erwarten würde. Trotzdem ist die Bedeutung Stephans in Ungarn bis heute ziemlich hoch. Sein Gedenktag, der 20.August, ist Nationalfeiertag.

Wie kommt nun aber der Name Stephans nach Griesheim?

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Postkarte aus Sankt Stephan, Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim

Als nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges viele Ungarndeutsche aus ihrer Heimat im Donauraum vertrieben wurden, flüchteten viele von ihnen in die damaligen westlichen Besatzungszonen, die spätere Bundesrepublik. Im Bereich des ehemaligen Schießplatzes von Griesheim, der durch die Amerikaner nur teilweise übernommen worden war, konnte für die Flüchtlinge eine neue Siedlung angelegt werden, die teilweise die noch vorhandene Infrastruktur des Schießplatzes weiterverwenden konnte. Als Namen für die Siedlung wählte man „Sankt Stephan“ und nahm damit Bezug auf den ersten König von Ungarn.


Über die Gründung der Siedlung St. Stephan wird es auf diesem Blog demnächst mehr geben. Sie feiert dieses Jahr ihr 70-jähriges Bestehen.

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