Das doppelte Brückchen

Eine der landschaftlich interessantesten Stellen in der Griesheimer Umgebung ist die Gegend um die „Hohe Brücke“. Sie liegt nordwestlich der Stadt, ziemlich genau an der Stelle, an der sich die Gemarkungen der drei Städte Groß-Gerau, Riedstadt und Griesheim treffen. In dichten Wäldern, an Kanälen, neben Feuchtgebieten, auf Wiesen und Feldern ist man dort gefühlt fernab der Zivilisation. Im wahrsten Sinne des Wortes sagen sich dort Fuchs und Hase  Gute Nacht. Die Hohe Brücke selbst ist ein Baudenkmal aus dem 18. Jahrhundert. Ursprünglich war sie nicht das einzige Bauwerk in der Gegend, sie hatte eine Schwester: eine zweite Brücke stand wenige Meter weiter nördlich.

Im Eintrag in die Denkmalliste Griesheims ist über die „Hohe Brücke“ folgendes zu lesen:

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Die Hohe Brücke, von Nordwesten aus gesehen.

Die einbogige Sandsteinbrücke führt im Zuge des alten Dornheimer Weges von Darmstadt zum Schloß in Dornberg über den im Mittelalter angelegten Landgraben, der als Reststück hier noch vorhanden ist. Im Schlußstein ist der hessische Löwe und die Datierung 1749 zu sehen. Wegen ihrer Bedeutung für die Brückenbautechnik und -geschichte ist die Brücke als Kulturdenkmal zu erhalten.“ Quelle: Siegfried RCT Enders: Kulturdenkmäler in Hessen. Landkreis Darmstadt Dieburg, Wiesbaden 1988.

Der Text erfordert Erklärungen. Infos zum Thema Schloss Dornberg und Landgraben finden Sie bereits auf diesem Blog. Der „Alte Dornheimer Weg“ erschließt sich heute aber nicht sofort. Die Streckenverbindung von Darmstadt nach Dornheim ist nämlich nicht mehr auf voller Länge befahrbar.

Sie begann in Darmstadt am westlichen Stadttor, das zunächst zwischen dem noch erhaltenen Weißen Turm und dem Schloss lag und später an die Stelle des Luisenplatzes verlegt wurde. Von dort führte die Straße nach Westen in den Wald. Im Bereich der Waldkolonie erinnert der heutige „Dornheimer Weg“ noch an ihr ursprüngliches Ziel. Weiter ging die Strecke Richtung Gehaborner Hof, und wie die heute schmale Straße, bog sie kurz vor dem Gehöft nach Westen ab. Die dann folgende Kurve auf der Brücke über die Autobahn gab es nicht. Die Straße ging einfach geradeaus weiter und lag dann neben dem Gewässer, das heute Landwehr genannt wird. Von dort ging die Strecke weiter nach Westen, bis sie schließlich die Gegend der Hohen Brücke erreichte.

karte_umgebung hohe brücke
Ausschnitt aus einer Karte von ca. 1850: rot eingetragen ist der Weg von Darmstadt nach Dornheim (rot) und der Abzweig nach Wolfskehlen (blau). Die Position der Hohen Brücke ist markiert.

Nach der Überquerung des Landgrabens lief die Trasse nach Nordwesten durch den Wald und erreichte dann Dornheim. Von dort war das Dornberger Schloss natürlich auch zu erreichen, die Benennung als „Dornheimer Weg“ zeigt aber an, das es sich bei dem Schloss, das einst ein wichtiger Verwaltungssitz war, nicht um das Hauptziel der Wegeverbindung handelte.

Bei der Betrachtung der heutigen Situation im Bereich der Hohen Brücke fällt aber Folgendes auf: Die Brücke weist in ihrer Ausrichtung gar nicht Richtung Dornheim und folgt damit gar nicht dem Weg, den der Text aus der Denkmalliste erwähnt. Um dem Ziel Dornheim zu folgen muss man heute nach der Brücke scharf rechts abbiegen, etwas nach Norden gehen/ fahren und kann dann erst wieder nach Richtung Dornheim abbiegen. Wenn man die Brücke auf der Westseite verlässt und eben nicht nach rechts abbiegt, dann kommt man auf diesem Weg schnurstracks nach Wolfskehlen und ehemals auch zum Weilerhof (vor dem Bau der Kiesgrube). Es stellt sich also die Frage, warum der (angeblich) so wichtige Weg von Darmstadt nach Dornheim nicht direkt über den Landgraben geführt wurde.

karte_detail hohe brückeDie Antwort findet sich ganz einfach bei einem genaueren Blick in historische Landkarte. Dort sieht man eindeutig: Die heute erhaltene Hohe Brücke war gar nicht Teil des Weges Darmstadt-Dornheim. Sie stellte die Verbindung von Darmstadt nach Wolfskehlen her. Der Weg nach Dornheim hatte früher eine eigene Brücke über den Landgraben, die im Jahre 1850 noch erhalten und in die oben dargestellte Landkarte eingetragen war.

In späteren Karten ist sie nicht mehr dargestellt. Vielleicht wurde sie beseitigt, als die Landwehr kanalisiert und in ein betoniertes Bett verlegt wurde. Dieser Umbau wurde nötig um das Abwasser der neuen Darmstädter Kanalisation in den Landgraben abtransportieren zu können. Vielleicht war sie aber auch baufällig geworden und man erachtete es nicht mehr für notwendig, in so großer Nähe zwei Brücken zu unterhalten. Aufgrund der neu erbauten Landstraßen im Griesheimer Raum war der Verkehr wahrscheinlich sowieso deutlich zurückgegangen.

Vor Ort weist heute kaum noch etwas auf die zweite Brücke hin. Genaueres Hinsehen zeigt aber, dass zumindest Spuren der Brücke noch zu erahnen sind:

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An der Stelle der zweiten Brücke: Manfred Alvarez Hernandez entdeckte die Spuren der zweiten Hohen Brücke am Ufer des Landgrabens nördlich der Hohen Brücke und machte diese Fotos.

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