Warum die Lutherkirche am Ortsrand steht

titel_lutherkirche ortsrand

Die am häufigsten gestellte Frage zur Griesheimer Geschichte ist:

„Warum steht die Lutherkirche eigentlich so alleine am Ortsrand, wo doch Kirchen eigentlich immer in der Ortsmitte stehen?“.

Die Antwort lesen Sie gleich, es muss aber erst einmal eine falsche Vorstellung ausgeräumt werden. Dass Kirchen in der Ortsmitte stehen, ist gar nicht der Regelfall. Wenn man sich historische Pläne anschaut, stellt man fest, dass die Kirchen meist am Ortsrand lagen. Der Grund für diese dezentralen Standorte hat unterschiedliche Gründe, die jeweils von der Ortsgeschichte und Topographie abhängen. Weil das ein größeres Thema ist, gibt es hierzu einen eigenen Artikel. Hier will ich aber zeigen, warum die alte Griesheimer Kirche am Ortsrand liegt.

Zunächst schauen wir uns dazu Griesheim von oben an:

01 stadtplanGriesheim erstreckt sich in Ost-West-Richtung über ca. 3,4 Kilometer. In Nord-Süd-Richtung sind es 2,1 Kilometer. Die Lutherkirche, die älteste erhaltene Kirche der Stadt und vermutlich auch das (zumindest in einigen Teilen) älteste Gebäude der Stadt steht als letztes Gebäude am westlichen Ortsrand:

02 lagekircheObwohl es auf den ersten Blick so ausschaut, als ob Griesheim topfeben sei, gibt es ein geringes, aber regelmäßiges Gefälle in Ost-West-Richtung. Die westliche Stadtgrenze in Richtung Riedstadt liegt bei etwa 88 Metern über dem Meer, die östliche Grenze in Richtung Darmstadt liegt bei 112 Metern. Daraus ergibt sich (Gebirgsbewohner bitte jetzt nicht lachen) ein Höhenunterschied von ca. 24 Metern :

03 hoehenZur besseren Übersicht hier nochmal der gleiche Ausschnitt, aber mit weniger Eintragungen. Zu sehen sind nur noch die wichtigen Höhenlinien und der Standort der Lutherkirche:

04 freigestelltWoher kommt der Höhenunterschied?

Dazu gehen wir zurück in die Geschichte der Landschaft. Am Ende der Eiszeit durchfloss der Rhein den Oberrheingraben in mehreren Armen. Einer dieser Ströme tangierte die heutige Stadtgrenze an der Westseite:

05 flussIm Sommer führte der Rhein deutlich weniger Wasser. Dadurch lagen große Kiesbänke trocken. Feiner Sand und Staub wurde von dort durch den bei uns vorherrschenden Westwind nach Osten transportiert, wo sich das Material ablagerte und zu Dünen geformt wurde:

06 westwindMit Beginn der wärmeren Periode nach der Eiszeit besiedelten Pflanzen das Gebiet. Entlang des Flussarmes in der Westgemarkung, der nun hauptsächlich vom Neckar gespeist wurde, entstanden dichte Auenwälder. Im Bereich der Dünen und des abgelagerten Sandes konnten nur lichte Kiefernwälder Fuß fassen:

07 wälder

In der niedrig gelegenen Westgemarkung war das Grundwasser dicht unter der Geländeoberfläche (Grüner Bereich). Weiter östlich lag das Grundwasser deutlich tiefer unter dem aufgetürmten Sand (Gelber Bereich):

08 grundwasserDie Grenzlinie zwischen beiden Bereichen war immer besonders interessant zum Besiedeln. Im Artikel über die Ökotopengrenzlage habe ich dazu schon mal etwas geschrieben. Die historischen Fundstätten im Stadtgebiet liegen deshalb alle in dem Bereich:

09 funde

Da die jüngeren Funde tendenziell östlicher als die älteren Funde liegen, ist davon auszugehen, dass sich die Grenze zwischen beiden Bereichen immer mal wieder verschoben hat. So ist sie vom Jahr 0 bis zum Mittelalter etwa 500 Meter nach Osten gewandert.

Die Lutherkirche (hier wieder als schwarzer Punkt dargestellt) steht vermutlich an einer Stelle, die schon im frühen Mittelalter besiedelt war. Sie wird aus einem einzeln liegenden Hof entstanden sein. Auch sie liegt an der Grenze zwischen den beiden Landschaften und zwar auf einer wenige Meter hohen Düne, die die „Sandzone“ hier ganz leicht nach Westen verschob:

10 lage kircheDie beiden Landschaften zeichneten sich durch unterschiedliche Eigenschaften aus: Westlich waren feuchte und schwere, aber sehr fruchtbare Böden zu finden. Östlich lagen trockene Böden, die aber nicht sonderlich fruchtbar sind.

11 zwei eigenschaftenGriesheim dehnte sich in seiner Geschichte deutlich über die Grenzen des frühmittelalterlichen Bereiches aus. Es lag aber natürlich auf der Hand, jeweils nur östlich der Kirche zu bauen, denn nur dort blieben die Fundamente der Häuser einigermaßen trocken. Weiter westlich war der Boden zu feucht zum Bauen.

Schwerer wiegt aber noch folgendes: Im Westen lagen die ertragreichen Felder, die die Lebensgrundlage der Griesheimer Bevölkerung bildete. Hier zu bauen hätte bedeutet, sich den Ast abzusägen, auf dem man sitzt. Griesheim ist deshalb nur nach Osten gewachsen.

12 zwei eigenschaften_heuteVerstärkt wurde der Effekt durch die Lage der modernen Verkehrswege. War im Mittelalter noch die alte Straße von Mainz über Groß-Gerau, Büttelborn, Griesheim, Pfungstadt, Zwingenberg nach Heidelberg von Bedeutung sind dies heute die Autobahnen, die östlich der Stadt liegen. Wichtiger noch aber ist die starke Ausrichtung Griesheims auf die große Nachbarstadt Darmstadt. Dorthin führt die Straßenbahn, die das Stadtbild Griesheims in jüngerer Zeit wahrscheinlich stärker geprägt hat, als alle anderen Aspekte:

13 richtung darmstadtDie Lage der Lutherkirche am Ostrand hatte aber auch einen ganz praktischen Aspekt. Wie alle Kirchen hat sie natürlich einen Turm, und es ist nicht ausgeschlossen, dass auch die Vorgängerbauten einen Turm besaßen.

Kirchtürme gelten als „weltlichster“ Teil eines an sich sakralen Kirchenbauwerkes. Dies liegt daran, dass die Türme wichtige Funktionen im Ort besaßen, die über das Läuten zum Gottesdienst hinausgingen. Auf dem Turm befand sich oft eine Brandwache, im Kriegsfall wurde von dort der Gegner beobachtet. Im Turm wurden immer die Glocken aufgehängt, die ein wichtiges Kommunikationsmittel waren. Sie schlugen zu bestimmten Stunden und zeigten damit die Zeit an. Bei Gefahren konnte Sturm geläutet werden, um so die Menschen von den Feldern zurück ins Dorf zu rufen.

em2014.0291.1
Historische Südansicht der Lutherkirche. Gut zu sehen ist der Turm mit seiner welschen Haube, in dem das Geläut untergebracht ist. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim

Es war deshalb sinnvoll, dass der Turm von der gesamten Gemarkung aus sichtbar war und dass die Ausbreitung des Glockenschalles möglichst nicht behindert wurde. Die landschaftliche Besonderheit in Griesheim erleichterte dies erheblich:

14 hist karte-1Die meisten Felder lagen westlich des Ortes. Nordöstlich, östlich und südöstlich waren die Böden zu schlecht und wurden weniger genutzt:

15 hist karte-2 Alle Häuser des Dorfes lagen östlich der Lutherkirche und schirmten die Kirche daher in dieser Richtung ab. Nach Westen, Südwesten und Nordwesten lag die Kirche aber frei. Deshalb war der Turm der Lutherkirche von allen wichtigen Feldern gut zu sehen und das Geläut gut zu hören.

16 hist karte-3Die Lutherkirche stand also nicht nur baulich, sondern auch funktional im Übergang zwischen Dorf und Feld. Die Situation ist also prägend für den westlichen Ortsrand und geschichtlich so gewachsen.

In geschichtsbewussten Orten wäre es deshalb selbstverständlich, dies auch so zu erhalten und Rücksicht auf die städtebauliche Anordnung der Kirche zu nehmen. Das Hessische Denkmalpflegegesetz ermöglicht dies übrigens, in dem sogenannte „denkmalpflegerische Interessensgebiete“ ausgewiesen werden. Auch im Landkreis Darmstadt-Dieburg werden so bei vielen Orten die historisch gewachsenen Ortsränder geschützt.

In Griesheim sind solche Aspekte leider nicht von Belang. In diesem Jahr wird die Südseite der Lutherkirche mit einer belanglosen Doppelhausbebauung hinter einer Lärmschutzwand zugebaut. Damit wird die besondere Lage der Lutherkirche für immer zerstört.

1 Gedanke zu „Warum die Lutherkirche am Ortsrand steht“

Schreibe einen Kommentar