Wie so ein Ortsherr wohnt – Beispiel Eschelbronn

eschelbronn 5Griesheim im Hochmittelalter, Teil 6

Die Ausgrabung in Holzheim hat sehr schön gezeigt, wie sich das Ende der Villikationswirtschaft baulich auswirkt: Ein eher landwirtschaftlich geprägter Hof entwickelt sich zu einer Formform der Burgen, wie wir sie heute mit dem Mittelalter verbinden.

Anhand des Beispieles der Burg von Eschelbronn im Kraichgau zeigen sich auch sehr schön viele weitere Zwischenschritte auf dem Weg zur Burg.

Die hier im folgenden gezeigten Bilder sind Zeichnungen von mir. Sie beruhen auf den Darstellungen aus folgender Quelle:

Mittelstraß, Tilman: Turm und Macht – Der Rückbau des sog. Templerhauses in Amorbach von 1291 im Lichte des Grabungsbefunds aus Eschelbronn im Kraichgau, in: Wackerfuß, Winfried (Hg.): Beiträge zur Erforschung des Odenwaldes und seiner Randlandschaften – VII, Breuberg-Neustadt, 2005

Die heute nicht mehr erhaltene Burg in Eschelbronn im Kraichgau wurde archäologisch untersucht. Wie in Holzheim war es auch hier ein großes Glück, daß die Burg eben nicht mehr erhalten ist. So konnte man zehn aufeinander folgende Epochen und Bauphasen freilegen und die Baugeschichte dieser Burg dokumentieren. Einige sollen hier gezeigt werden.

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Eschelbronn – Periode II (1220-1271) ohne Graben. Die Nebengebäude sind künstlerisch ergänzt.

Begonnen hat alles mit einer einfachen Hofstelle eines Ministerialen. Wir können uns darunter vielleicht einen Verwalter eines Fronhofes vorstellen. Sein eigener Hof unterschied sich zu Beginn der Periode II (1220-1271) kaum von anderen Hofstellen. Nur die Größe und die Konstruktion (Massivholzkonstruktion) des Haupthauses weist auf eine besondere Stellung des Besitzers des Hofes hin.

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Eschelbronn – Periode II (1220-1271) mit Graben.

Die Ausgrabung ergab für die Periode II den Nachweis eines Grabens und eines eher einfachen Zaunes. Durch diese beiden Elemente gewann das Hauptgebäude schon einen gewissen, wenn auch bescheidenen fortifikatorischen Nutzen. Das Haupthaus dokumentierte aber noch nicht den gewachsenen Anspruch des Besitzers.

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Eschelbronn – Periode III (1271-1300). Rekonstruktion analog zum Templerhaus in Amorbach

Dies ändert sich in Phase III. Das Haupthaus wird ersetzt durch einen vermutlich dreigeschossigen Wohnturm. Das erste Obergeschoss war nur durch eine außen liegende Treppe zu erreichen. Das zweite Obergeschoss kragte wahrscheinlich etwas über. Hier kann man sich die Wohnräume des Besitzers vorstellen. Die ganze Anlage war von einem Graben und einer Palisade umgeben. In Form und Funktion bot das Gebäude eine gewissen Sicherheit im Konfliktfall. Durch die Höhe wurde die (vermeintliche) Stellung des Besitzers dokumentiert. In einer etwas anderen Form wurde übrigens diese Periode in einem 1:1 Modell nachgebaut: Die Bachritterburg Kanzach nördlich des Bodensees wurde als touristische Attraktion nach den Grabungsbefunden der Burg Eschelbronn neu errichtet.

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Eschelbronn – Periode IIIa (1300-1321)

Um 1300 wird die Burg Eschelbronn umgebaut. Dabei gingen zahlreiche fortifikatorischen Elemente merkwürdigerweise verloren. Zwar blieb die turmartige Gestalt des Baus erhalten. Das überkragende Obergeschoss wurde aber durch ein bündiges ersetzt. Das Dach wurde zu einem einfachen Satteldach umgewandelt. Es gab zwar weiterhin einen Graben, doch die Pallisade fehlte.

Man geht davon aus, das der Grund dafür darin zu suchen ist, daß der Bauherr der Burg seine Position überschätzt hatte. Das Privileg zur Genehmigung einer Burg lag weiterhin beim König bzw. bei seinen örtlichen Stellvertretern. Aus dem Sachsenspiegel, einer mittelalterlichen Gesetzessammlung, wissen wir, dass festgelegt war, welche Elemente einer Burg „baugenehmigungsfrei“ (wie man heute sagen würde) zu errichten waren, und welche Elemente einer Genehmigung bedurften. Dies waren z.B.:

  • Ein Graben durfte nur so tief sein, daß man bei seiner Errichtung ohne Hilfsmittel wieder herausklettern konnte.
  • Eine Mauer durfte nur so hoch sein, daß man von dem Rücken eines Pferdes aus noch an die Oberkante greifen können musste

Eine ähnliche Regelung wird vielleicht auch im Kraichgau gegolten haben. Unser Bauherr wurde also vielleicht von der „Bauaufsicht“ gezwungen, Teile seiner Burg zurückzubauen.

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Eschelbronn – Periode IV (1325-1375)

In der Periode IV gelingt jedoch ein weiterer Schritt „nach vorne“. Es wurde nach der Brandzerstörung der Vorgängerphase ca. 1325 ein schon sehr burgartiges Gebilde errichtet. Das Gelände innerhalb des Grabens wurde aufgeschüttet um eine Überhöhung zu erzielen. Die beiden Gebäude erhielten einen Keller aus Stein. Jedoch war die Außenwand der Anlage aus Holz. Nur der Sockel und die Toranlage waren aus Stein errichtet. Auch hier vermutet man die Einhaltung einer Bauauflage, die es dem Burgbesitzer nicht erlaubten, massiver zu bauen.

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Eschelbronn – Periode V (1375-1420)

Dies änderte sich erst in der Anlage des Neubaus der Burg in Periode V. Erst jetzt waren die Außenmauern der Burg aus Stein gebaut und wenigstens die Erdgeschosse der Gebäude ebenfalls.

In Eschelbronn zeigt sich also sehr schön der Weg zur Burg in einigen Zwischenschritten. Dem Bauherrn der Burg ist es letztendlich gelungen, einen „echten“ Burgbau durchzusetzen. Aus vielen anderen Beispielen wissen wir, daß andere vorher bereits gescheitert sind. So könnten wir uns auch in Griesheim vorstellen, daß unsere Ortsherren den Schritt zu einer echten Burg niemals geschafft haben und damit auch den Schritt vom nichtadligen Ministerialen zu einem „echten“ Adligen (was auch immer das sein soll…) verpasst haben.

Von dem Zwischenschritt zur Burg, der Turmburg, sind im Prinzip heute so gut wie keine Beispiele erhalten geblieben. Meist müssen wir uns mit Rekonstruktionen, wie etwa der Bachritterburg Kanzach, begnügen. Ein seltenes „echtes“ Beispiel gibt es aber doch – im nächsten Artikel.


Dieser Artikel ist Teil der Artikelreihe zur Griesheimer Burg. Die weiteren Artikel finden Sie hier:

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