Renaissancebauten in Südhessen

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„Das ist doch das Rathaus von Pfungstadt?“, kann man beim Anblick des Griesheimer Rathauses meinen und liegt damit gar nicht so falsch. Denn eine Ähnlichkeit zum Pfungstädter Rathaus ist durchaus vorhanden gewesen. Das liegt natürlich zum einen an der räumlichen und zeitlichen Nähe der beiden Bauten zueinander. Es liegt aber auch daran, dass zur Erbauungszeit um 1600 in Südhessen der Renaissancestil, bzw. eine Abwandlung davon, schwer in Mode war.

Die Renaissance bezeichnet (auch) einen Baustil, der ausgehend von Italien mit etwas Verzögerung Deutschland erreichte. Renaissance ist französisch und heißt „Wiedergeburt“, womit das Anknüpfen an Ideale der griechischen und römischen Antike gemeint war. Man strebte klare Formen und einfache Geometrien an.

Der Stil kam hier Ende des 16. Jahrhunderts an, also fast 200 Jahre nach dem Auftreten in Italien. Während man dort tatsächlich danach strebte, antike Bautraditionen neu zu interpretieren, beschränkte man sich in bei uns darauf, einige Motive wie Säulen und Fassadenschmuck zu übernehmen. Man war weniger „modern“ und blieb in der Ausbildung konservativer, manch ein Kunsthistoriker bezeichnet die deutsche Renaissance gar als „Nachgotik“ und spricht ihr damit ab, etwas Neues zu sein.

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Das Griesheimer Rathaus (Rekonstruktion).

Die Zeit zu Beginn des 17. Jahrhunderts war eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs. Neue Bauten entstanden auch in unserer Region in kurzer Zeit. Die Bauten beeinflussten sich gegenseitig, was die auffälligen Ähnlichkeiten erklärt: Giebelformen, Treppentürme und Fenstergestaltung finden sich zuerst beim Schloß Lichtenberg, dann auch bei anderen herrschaftlichen Bauten, wie dem Darmstädter Schloß und einigen Adelssitzen in Groß-Umstadt. Schließlich wurden auch Rathäuser (Darmstadt, Groß-Umstadt, Pfungstadt und eben Griesheim) und einige Bürgerhäuser (z.B die Alte Vorstadt in Darmstadt) in dem Stil errichtet.

Sehen Sie hier einige mehr- oder weniger gut erhaltene Beispiele (Diashow, bitte auf die Pfeile klicken):

Wenn man sich die Giebel, insbesondere die der Alten Vorstadt in Darmstadt, anschaut, stellt man die große gestalterische Nähe zum Griesheimer Rathaus fest.

Der rasche wirtschaftliche Aufschwung, von dem oben die Rede war, brachte gesellschaftliche Veränderungen mit sich, die letztendlich nicht konfliktfrei gelöst werden konnten. Mit dem folgenden 30jährigen Krieg, der für viele Orte in Südhessen die fast völlige Zerstörung mit sich brachte, endete die Blüte des Baustiles. Für fast 100 Jahre ging es nun erst einmal darum, die Kriegsschäden zu beseitigen. Die gezeigten Giebelbauten waren aus Stein errichtet, deshalb überstanden sie meist den Krieg ohne Zerstörungen.

Übrigens besaß das Griesheimer Rathaus angeblich einst auch einen vorgestellten Treppengiebel, wie ihn die Rathäuser von Pfungstadt und Darmstadt noch besitzen. Bei uns wurde er allerdings abgebrochen, bevor die Fotografie erfunden war. Nur Fundamentfunde weisen angeblich auf den Anbau hin.


Das Titelbild zeigt das Jagdschloss in Darmstadt – Kranichstein.

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