(K)eine Revolution

revolution_vilGriesheim im Hochmittelalter, Teil 4

Schon mal etwas von der Villikation gehört? Nein? Das mag daran liegen, daß es diese seit vielen Jahrhunderten nicht mehr gibt. Und das ist wirklich gut so. Ihr Beseitigung erfolgte allerdings in keiner Revolution (da stehen die Deutschen nicht so drauf), sondern war das Ergebnis eines gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozesses, der Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte in Anspruch nahm.

Ich werde versuchen, die Villikation mal etwas simplifiziert aber auch etwas ausschweifend zu erklären.
Ich bin kein Historiker. Dies nur als Warnung. Oder Entwarnung. Je nach Gusto.

Die Villikation war eine Wirtschaftsform und eine Form der Grundherrschaft und im Prinzip auch ein  Ausdruck der damaligen gesellschaftlichen Ordnung. Heute ist diese Ordnung in Form des Grundgesetzes und der Verfassung des Landes und diverser anderer Gesetze und Verträge schriftlich festgehalten. Die mittelalterliche Gesellschaft aber beruhte mehr auf der persönlichen Beziehung der Menschen untereinander. Die Ursprünge liegen weit zurück.

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Das Kastel Saalburg am Limes im Hochtaunus

Als die Germanen (wer auch immer das genau war – aber das ist eine andere Geschichte) begannen, im 3. Jahrhundert den Limes zu überschreiten und in das Römische Reich einzufallen, mußten sich die einzelnen Gruppen einen Namen geben und sich militärisch sinnvoll organisieren. Man gab sich kreative Kampfnamen wie „die Franken“ (= die Freien) oder „Alemannen“ (Alles Männer). An den Namen kann man schon erkennen, das hier nicht ethnisch geschlossene Gruppen (was auch immer das wieder sein soll) auftraten, sondern  bunt zusammengewürfelten Haufen von Abenteurern (oder Mördern), die sich unter einem möglichst simplen Begriff zusammmenfinden konnten. Mangels Schrift und mangels Verwaltung organisierte man sich ganz einfach nach einem hierarchischen Prinzip „von oben nach unten“. Der Anführer hatte unter sich seine Heerführer, unter denen es wieder Kommandeure von einzelnen Abteilungen gab und so weiter und so fort. Wichtig war hierbei der persönliche Bezug untereinander.

Also gab es den Anführer A, der unter sich den B, den C und den D hatte.

Der B hatte unter sich den I, den J und den K.

Der K hatte dann 10 Reiter dabei, und diese 10 Reiter hatten natürlich wieder Gefolgsleute.

Natürlich gab es auch Ausnahmen, sodaß das ganze System nicht als einfaches Schneeballsystem zu verstehen ist. Natürlich hatte z.B. der Anführer neben seinen Heerführerer B und C und D auch diverse Reiter, die ihm direkt unterstanden.

So einen Reiter, aus dem später der „Ritter“ werden wird, ist so etwas wie der Basiseinheit des späteren Heeres. Und zu so einem Ritter gehört natürlich auch eine Gruppe von zugeordneten Menschen, die seine Waffen und Ausrüstung sowie sein Pferd pflegen etc.

Nachdem unsere Herrschaften nun also ins Römische Reich eingefallen und dort auch geblieben sind, wird aus dem militärischen Prinzip eine Gesellschaftsordnung. Der Anführer wird zum König (nachdem er dies anderen Anführern meist auf dem Schlachtfeld erklärt hatte). Ihm gehörte das ganze erworbene (bzw. geklaute) Land. Er verlieh es in Teilen an die, die später Herzöge genannt wurden, und diese an Grafen (die so von Anfang an auch nicht hießen). Und die gaben wieder etwas an diejenigen weiter, die später einmal die schon erwähnten Ritter sein werden. Man darf sich auch hier nicht vorstellen, die Struktur würde der heutigen Verwaltungsgliederung gleichen (EU-Bund-Land-Regierungsbezirk-Kreis-Gemeinde). Vielmehr gab es auch wieder direkte Abkürzungen. Es gab z.B. Ritter, die ihr Land direkt vom König erhalten hatten und keinem Herzog verantwortlich waren. Und natürlich gab es auch Häufungen und AUf- und Abstiege. So konnte also ein Ritter durch geschicktes Handeln auch irgendwann zum Grafen werden.

Wichtig aber ist, ich hatte es schon gesagt, die persönliche Beziehung. Von oben nach unten wurde Land verliehen. Aus diesem „Leihen“ ist der Name des ganzen Systems abgeleitet: das Lehenssystem oder auch Feudalsystem (von lat. Feodum = Lehen) oder Feudalismus. Neben dem Land versprach der Lehensgeber oder Lehnsherr Schutz und Schirm. Der Lehensnehmer oder Lehnsträger oder Vasall versprach dagegen Treue und Heerfolge.

Wichtig ist auch noch der persönliche Status des Einzelnen. Die Welt im frühen Mittelalter gliederte sich in Freie und Unfreie. Am Lehenssystem teilnehmen konnten nur Freie. Unfreie oder „Hörige“ waren davon ausgeschlossen. Wer jetzt Freier ist und wer nicht, daß ist nun wieder eine Wissenschaft für sich.

Zu dem Gesellschaftssystem des Feudalismus gehört natürlich auch ein Wirtschaftssystem und da sind wir wieder bei der Villikation. Die Villikation ist die Basiseinheit der Wirtschaft, die im frühen Mittelalter hauptsächlich landwirtschaftlich geprägt war. Zentrum der Villikation ist ein Fronhof. Dieser ist im Besitz eines Grundherren von einem bestimmten Rang. Dies kann der König sein (wir haben dann einen sogenannten Königshof vor uns) oder ein Graf. Vielleicht auch ein Ritter. Es kann aber auch jemand sein, der kein „Freier“ ist, sondern den Hof für einen solchen verwaltet. Den nennt man dann übrigens „Meier“. Die Leser unter Ihnen, die in irgendeiner Form einen „meier“ im Namen haben, könnten von einer solchen Persönlichkeit abstammen.

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Der Turm der Stadtkirche Groß-Gerau. In Groß-Gerau bestand ein Königshof, dem Griesheim wahrscheinlich zugeordnet war.

(Vielleicht noch ein kurzer Einschub zum Königshof. Von diesen gab es viele. Ihre Bezeichnung verweist auf den direkten Besitz durch den König. Das bedeutet aber nicht, daß der König auf dem Hof gelebt hatte. Nur wenige Königshöfe dienten auch als Kaiserpfalz.)

Dem Fronhof zugeordnet waren Hörige, die entweder auf dem Hof selbst lebten oder auf kleinen Bauernstellen, den Hufen. Die Hufen gehörten zum Haupthof und wurden an die Hörigen vergeben. Diese waren aber keine Pächter im heutigen Sinne, sondern tatsächlich „Zubehör“ des Fronhofes. Sie waren unfrei, sie durften den Hof nicht ohne Erlaubnis verlassen. Sie waren zum Arbeitseinsatz auf dem Haupthof (=“Frondienst“) verpflichtet, dies konnte mehrere Tage in der Woche umfassen. Es blieb für sie nur wenig Zeit, ihre Bauernstelle zu bewirtschaften.

Im 12. und 13. Jahrhundert stellte sich nun aber heraus, daß die Villikation keine Zukunft mehr hatte. Aus Sicht der Hörigen ist das natürlich ganz klar. Diese waren in ihren Freiheiten und Möglichkeiten mehr als beschränkt. Sie waren vielmehr fast völlig abhängig vom Besitzer oder Verwalter des Hofes. Viel attraktiver war es, sich dem System zu entziehen und in die damals neu entstehenden Städte oder in den Osten auszuwandern. Dort wurden die gesellschaftlichen Spielregeln teilweise neu gemischt und es bestand die reale Chance, dem ärmlichen Dasein auf dem Fronhof zu entkommen (das war natürlich dann eine illegale Flucht).

Aber auch für den Herren des Hofes wurde das System immer unattraktiver: Die Verwaltung des Hofes war äußerst komplex. Sie bot wenig Chancen auf einen gesellschaftlichen Aufstieg, an dem er natürlich auch interessiert war. Die entstehenden Städte benötigten eine sichere Versorgung mit Nahrungsmitteln, die die alten Höfe mit ihren unflexiblen Systemen nicht bieten konnten.

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Stadt und Geld

Die Städte brachten aber auch etwas neues mit sich: die Geldwirtschaft. (Und Geld verändert die Welt. Oder auch nicht. Je nachdem was für diejenigen mit Geld besser ist.)

Die Fronhöfe wurden daher in der bisherigen Form nach und nach aufgelöst. Die Hörigen konnten Ihre Hufen nun freier bewirtschaften. (Diejenigen unter Ihnen, die huber, höffner oder ähnl. im Namen führen sind jetzt angesprochen.) Die Frondienste wurden drastisch reduziert. An die Herren der Fronhöfe mussten statt dessen Steuern abgegeben werden. Um die enorme Nahrungsmittelnachfrage der neuen Städte zu befriedigen wurden neue Anbaumethoden durchgesetzt. Es begann die EInführung der Dreifelderwirtschaft. Diese machte eine Abstimmung der Bauern untereinander nötig – die Gemeinden mit eigener Verwaltung im heutigen Sinne haben hier ihren Ursprung. Durch die Leistungssteigerung im Bereich der Landwirtschaft konnten auch nicht mehr alle Bauern noch Zeit für die sonstigen Tätigkeiten wie die Herstellung von Kleidern und Werkzeugen oder auch von Brot aufbringen. Es entstanden daher differenzierte Berufsbilder. Neben die Bauern traten z.B. Schmiede und Bäcker, Metzger und Küfner. Damit unterschieden sich die Menschen voneinander, so daß aus den Berufsbezeichnungen nun auch die Nachnamen entstanden. Die Gemeinden begannen nun auch , andere Dinge des gemeinschaftlichen Lebens zu organisieren. Es wurden Gemeindekirchen gebaut (vorher waren die Kirchen als „Eigenkirchen“ Eigentum des Herren des Fronhofes). Und es entstanden die heutigen Ortsbilder, die eben nicht mehr aus einem zentralen Hof mit frei darum gruppierten Hufen bestanden, sondern aus eng beieinander liegenden gleichartigen Höfen, sowie kleineren Grundstücken für die Handwerker, einer Ortsbefestigung, einem Dorfplatz und später auch einem Rathaus. Insofern glichen die Dörfer nun mehr einer kleinen Stadt als ihrem Ursprung aus dem Fronhof (Beispiel Griesheim s. hier).

Die Ortsherren veränderten sich auch baulich. Der Fronhof wurde zu einem landwirtschaftlichen Betrieb neben anderen. Der Ortherr selbst begann aber anders zu wohnen. Er musste ja seinen Versuch, seinen gesellschaftlichen Stand zu verbessern, auch baulich darstellen. Über Geld verfügte er ja nun. Aber wie sah das Ergebnis aus? Und woher weiß man das? Das lesen wir im nächsten Artikel.


Dieser Artikel ist Teil der Artikelreihe zur Griesheimer Burg. Die weiteren Artikel finden Sie hier:

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