Die älteste Kirche Südhessens

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Griesheim ist in manchen Dingen Spitzenreiter, von der kürzesten Autobahn Deutschlands, die sich teilweise auf Griesheimer Gemarkung befindet, habe ich schon geschrieben. Weniger bekannt ist aber wahrscheinlich, dass in Griesheim auch das älteste bekannte kirchliche Gebäude in Südhessen gefunden wurde.

Es handelt sich dabei jedoch nicht um die Lutherkirche, obwohl deren Geschichte viel weiter zurückreicht, als das barocke Gebäude heute auf den ersten Blick vermuten lässt. Schon der zweite Blick zeigt, dass im Gebäude auch gotische Architekturbauteile eingebaut wurden. Sehr wahrscheinlich war es ein Vorgängerbau der Lutherkirche, der in der Urkunde im Jahr 1165 erwähnt wird, die auch den Namen „Griesheim“ das erste Mal in der Geschichte nennt.

Gemeint ist vielmehr ein Gebäude, von dem heute gar nichts mehr zu sehen ist. Es befand sich in der Nähe der östlichen Rückgasse auf dem dort in den 1970er Jahren untersuchten Friedhof aus der fränkischen Zeit. Neben mindestens 476 Gräbern aus dem 6.-8. Jahrhundert wurden dort auch Pfostensetzungen gefunden, die auf ein einschiffiges Holzgebäude deuten, das etwa 4,50 x 5,00 m Grundfläche hatte.

Da sich das Gebäude inmitten von Gräbern des 7. Jahrhunderts befindet und sich Gräber und Gebäudekontur nicht überschneiden, kann daraus geschlossen werden, dass der Bau Teil des Friedhofes war. Seine Ausrichtung nach Osten lassen darauf schließen, dass wir die Reste einer „Art Friedhofskapelle“ vor uns haben, die „mit der Bestattungszeremonie in Verbindung stehen wird.“ Sollte die Kapelle tatsächlich aus dem 7. Jahrhundert stammen und wäre die Sakralnutzung zweifelsfrei, so hätten wir den ältesten kirchlichen Bau in Südhessen vor uns.

Zu dem Friedhof werden wahrscheinlich ein oder mehrere Höfe gehört haben, von denen einer vielleicht an der Stelle des heutigen Griesheims gelegen haben kann. Die Rekonstruktion eines solchen Hofes, auch aus der entsprechenden Epoche, wurde in Lorsch vor wenigen Jahren als Hof „Lauresham“ im Maßstab 1:1 aufgebaut. Mehr Infos dazu finden Sie hier, ein Besuch lohnt sich. Dort befindet sich auch die Rekonstruktion einer Kapelle, im Gegensatz zum Griesheimer Befund allerdings nicht als Holz- sondern als Steinbau.

Die Darstellung im Titel ist eine freie Interpretation der Funde und eher als Illustration zu verstehen. Es wurden insgesamt 7 Pfostensetzungen festgestellt. Eine wissenschaftlich korrekte Rekonstruktion des Gebäudes anhand dieser spärlichen Informationen wurde bisher nicht unternommen.


Quellenangabe:

Landesamt für Denkmalpflege, Archäologische Gesellschaft Hessen e.V. (Hrsg.), R. Andrae: Griesheim, Kreis Darmstadt-Dieburg. Gräberfeld des 6. bis 8. Jahrhunderts, Wiesbaden (1977) 2000. Die beiden Zitate oben stammen von Seite 11.

Karl Knapp: Griesheim – Von der Steinzeitlichen Siedlung zur lebendigen Stadt, Griesheim, 1991

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