Eine Festung in den Griesheimer Dünen

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Wer sich Griesheim im Luftbild genauer anschaut, kann so manches entdecken. So sind zum Beispiel in den Griesheimer Dünen noch die Umrisse einer Übungsfestung aus der Schießplatzzeit auszumachen.

Oben sollte jetzt hoffentlich eine google-Karte zu sehen sein. Es ist ein Kartenausschnitt, der die größere Düne östlich des Pfungstädter Weges zeigt, kurz bevor dieser in den Eichwald eintaucht. Der Weg ist am linken unteren Kartenausschnitt zu sehen. Am rechten Bildrand ist ein Spargelfeld mit Kunststoffplanen zu erkennen.

Zwischen dem Feld und dem Pfungstädter Weg liegt eine Düne. Wenn man genau hinschaut, sieht man an ihrer Südostflanke, also unten rechts, zwei parallele Winkelstrukturen. (Fotos von dort sehen Sie hier)

Dies sind die Reste einer Übungsschanze, die Teil des Schießplatzes war. In einer historischen Karte des Schießplatzes ist diese Schanze eingetragen:

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Die Karte zeigt den westlichen Teil des Schießplatzes. Der Beckerweg in Bildmitte ist heute der Eberstädter Weg, der am Dagger-Komplex vorbeiführt. Die Straße links ist die alte Pfungstädter Straße, heute ein Sandweg. Die Übungsschanze ist im mittleren unteren Bereich der Karte eingetragen und als „Übungs Werk“ bezeichnet. Links daneben und links neben dem Wort „Scheibenberge“ sind vermutlich die Attrappen des Zieldorfes zu sehen. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim

Auf der Postkarte, die als Titelbild dieses Artikels verwendet wurde, sieht man ein Zieldorf, dass sich am Horizont befindet. Die Schanze war vermutlich Teil dieser Installation.

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Als Beispiel für eine Schanze soll ein Bild aus der Festungsstadt Bergues in Nordfrankreich gezeigt werden. Zu sehen ist eine der eigentlichen Festungsmauer vorgelagerte Bastion. Man erkennt die winkelförmige Struktur wieder, die auch die Griesheimer Schanze zeigt. Die Spitze liegt gegenüber des Betrachters (wir schauen also aus der Sicht des Verteidigers auf die Schanze). Oft war nur die Böschung dieser Bauten aus Mauerwerk errichtet, ansonsten wurde hier einfach Erde aufgeschichtet.
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Aus Sicht des Angreifers sieht eine Schanze dann so aus: über einem angeschrägte Sockel aus Mauerwerk lagen nochmal Erdwälle, hinter denen sich die Verteidiger und ihre Kanonen verstecken konnten. Dieses Beispiel zeigt die Reste der Festung Saarlouis, die Bäume auf und den Brunnen vor dem Wall müssen wir uns natürlich wegdenken.

An der Schanze wurde geübt, wie Festungsmauern zu beschießen waren. Vermutlich übte auch die Infanterie das Erstürmen eines solchen Walls.

Dabei muss man sich eines klar machen: Auf dem Schießplatz in Griesheim wurde nicht bloß die Landesverteidigung geprobt. In der Zeit nach der Gründung des Platzes 1874 bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 wurde 40 Jahre lang auch der Angriffskrieg geprobt. Klar ist, dass in einer durch- und durch militarisierten Gesellschaft (Literaturempfehlung: Der Hauptmann von Köpenick) es als völlig normal empfunden wurde, dass ständig und überall Militär Präsenz zeigte und dass man es eben auch als legitim betrachtete, das Militär für einen Angriffskrieg zu nutzen. Krieg wurde damals als „Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln“ beschrieben. Krieg ist aber nicht normal, Krieg ist Scheiße, wie ein Freund nicht müde zu sagen wird. Und er hat Recht.

Der sorglose, ja euphorische Umgang mit dem Militär und das Üben des Krieges auch hier bei uns in Griesheim und anderswo führte ab 1914 in eine Katastrophe, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Abermillionen Tote forderte.

An der Griesheimer Übungsschanze wurde letztendlich auch die Schlacht von Verdun geprobt, bei der alleine über 300.000 Tote zu beklagen waren. Wie sinnlos auch diese Auseinandersetzung war, die vor etwas mehr als 100 Jahren endete, lesen Sie bitte in diesem Wikipedia-Artikel. Dort sehen Sie auch Luftbilder eines Forts, dessen Außengeometrie wieder die oben gezeigten Schanzenformen aufweist.

Es ist unsere heutige Verpflichtung, an diese Ereignisse zu erinnern. Vor allem müssen wir aber auch aus der Vergangenheit lernen: Nie wieder darf es „normal“ werden, Angriffskriege zu führen. Nie wieder darf es normal sein, dass das sorglose Üben des Angriffskrieges mitten unter uns geschieht.

Um daran zu erinnern, müssen wir meiner Ansicht nach dafür sorgen, dass neben den Quellen in Büchern, Filmen und Museen auch die Reste des Schießplatzes in einer angemessenen Form konserviert werden  und für die Nachwelt als Denkmal (im Sinne von Denk mal!) erhalten bleiben.

Teil 2 dieses Artikel finden Sie hier.

 

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