Von Hunden, Hühnern und Zentgrafen

hund hahn zentgrafGriesheim im Hochmittelalter, Teil 3

Im Artikel zuvor haben wir ja schon von möglichen Ortsherren gehört. Aber was macht so ein Ortsherr? Wo kommt der her? Wie wohnt der so? Aber zunächst: Wie könnte der heißen?

Beginnen wir erstmal etwas trocken und schauen in die Angaben zu einer Urkunde im Archiv in Wiesbaden:

Urkunde von 1257
(Hess. Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Bestand 22 Nr. in 439).
Hierin werden „Gerung und sein Bruder Berward, Hen von Griesheim“ genannt.

Über dieses „Hen“ werden jetzt etwas spekulieren, natürlich streng unwissenschaftlich. Aber der Autor dieser Zeilen ist schließlich kein Historiker, sondern Architekt. (Und zu irgendwas muß das gut sein.) „Hen“ taucht in den bereits im Artikel zuvor zitierten Urkunden mehrfach auf. Was bedeuten diese drei Buchstaben?

Die wahrscheinlichste Erklärung ist, daß wir hier die Abkürzung des Namens Heinrich vor uns haben. Aber was soll dann die Übersetzung „Berward, Hen von Griesheim“. Hier ist doch ganz klar Berward der Vorname, was ist dann „Hen“ und was soll das Komma?

Ist „Hen“ vielleicht gar kein Name?

Jetzt müsste man sich die Urkunde eigentlich im Original ansehen. Tun wir aber nicht. Stattdessen müssen wir an dieser Stelle einen (erlaubten) Seitensprung machen und schauen in die Wikipedia, und zwar unter dem Stichwort Centenarius. Der Centenarius sei demnach ein Stellvertreter eines Grafen. Er verwaltet einen Teil einer Grafschaft, dieser Teil ist die Centena. Am besten bekannt ist das Synonym „Zentgraf“ für Centenarius. In der Wikipedia ist zwar zu lesen, daß eine Herkunft des Wortes von „hundert“ heute sehr fraglich sei. Gleichzeitig werden dort aber auch deutsche Synonyme für den Centenarius / Zentgraf genannt:
Honne
Hun
Hunno

Schaut man das Wort „Hunno“ nach, so kann man wiederum in der Wikipedia lesen:
Der Hunno (…) war bei den Germanen ein gewählter Anführer der Gemeinschaft. Er hatte eine Doppelfunktion als Oberhaupt einer Dorfgemeinschaft und als Anführer einer Hundertschaft im Kriegsfall. Das Amt eines Hunno war nicht vererbbar, dennoch war es weit verbreiteter Brauch, den Sohn eines Hunno als Nachfolger zu wählen.

Verwiesen wird auf den Begriff „Huntare“: „Eine Huntare ist eine Verwaltungseinheit des fränkischen Reiches im frühen Mittelalter. Die Huntare bezeichnet einen vom fränkischen König zur Verwaltung eines Gebiets eingesetzten Verband von Kriegern, einer sogenannten Hundertschar, oder eine kleine Siedlung. Diese Huntare wurden vorwiegend entlang der früheren römischen Straßen an strategisch wichtigen Punkten angelegt, um Grenzen, Verkehrswege und Flussübergänge zu sichern. Von diesen Huntaren ging dann die weitere Besiedlung noch unerschlossenen Umlandes aus.

Und jetzt stellen wir uns einmal vor, unser Berwar, „Hen“ von Griesheim, war der „Hunno“ von Griesheim. Griesheim hat seine Wurzeln im frühen Mittelalter (dazu werden wir dann auch demnächst etwas hören). Es ist also denkbar, daß sich so ein Begriff für einen lokalen Anführer bis ins Hochmittelalter hinüber gerettet hat.

Ein bißchen läßt sich diese Vermutung auch noch weiter untermauern. Denn weitere, ähnliche Begriffe tauchen in der Griesheimer Geschichte auf:

geleitstraße1
Der Verlauf der Geleitstraße nördlich von Griesheim. Auf Büttelborner Gebiet (also der Abschnitt zwischen den Wäldern) heißt sie bis heute „Hundsstraße“.

Von der Heimatforschung wird angenommen, daß die frühmittelalterliche Geschichte der Stadt von einer alten Fernstraße von Frankfurt über Mörfelden, Griesheim, Gernsheim nach Worms geprägt sei. Anders seien die reichen Funde aus dem frühen Mittelalter nicht zu erklären . Dieser Straßenzug taucht in den ersten detaillierten Karten von Griesheim aus der Zeit um 1800 als „die Geleits Straße“ auf. Im Bereich von Worfelden trägt die Straße noch heute den Namen „Geleitstraße„. Interessant wird es aber auf dem Gebiet von Büttelborn, also nördlich der Landwehr (nur 2km nördlich des Nordringes). Hier heißt die alte Wegeverbindung nämlich „Hundsstraße“. Der Name kann darauf verweisen, daß der Weg einmal in einem „hundmiserablen“ Zustand gewesen sein muß. Wir könnten hier aber auch den Hinweis haben, daß diese Straße unter dem Schutz eines Hunno´ oder unter seiner Verwaltung gestanden hat.
(Zum Thema Frühmittelalter und Geleitstraße wird es demnächst mehr geben, jetzt wollen wir aber noch beim Thema Burg und Hochmittelalter bleiben).

Ein weiteres Mal taucht ein verdächtiger Begriff 1376 auf. Da nämlich übergibt der Graf von Katzenelnbogen (der irgendwann zwischen 1250 und 1300 so langsam die Ortsherrschaft übernommen hat) einen Hof in Griesheim an den Pfalzgrafen Ruprecht als Lehen. Das ist übrigens derjenige, welcher die Universität Heidelberg 1386 gegründet hat, die heute noch u.a. seinen Namen trägt: „Ruprecht-Karls-Universität„. Der Name aber des übergebenen Hofes lautet: „Hühnenhof“ oder „Hahnenhof„. Da könnte er also wieder drin stecken, unser Hunno, bzw. Hen…

So kann man nun spekulieren. Ein bißchen genauer und wissenschaftlicher wird es aber im nächsten Artikel, wo wir etwas über tatsächliche archäologische Befunde von Wohnsitzen von Ortsherren in anderen Ortschaften hören werden.


Dieser Artikel ist Teil der Artikelreihe zur Griesheimer Burg. Die weiteren Artikel finden Sie hier:

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