Vor der Kaserne, vor dem großen Tor

Das Griesheimer Wirtschaftsviertel

Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, stand eine Laterne und steht sie noch davor, so wollen wir uns da wiedersehen…„, so beginnt das Lied „Lili Marleen“ von Lale Andersen. Es wurde 1939 veröffentlicht und erlangte große Popularität während des Zweiten Weltkrieges, erstaunlicherweise auf deutscher wie auch auf alliierter Seite. Es handelt von der Hoffnung eines Soldaten, dem Krieg zu entkommen und wieder seine Geliebte treffen zu können.

Das „große Tor“ in dem Lied ist dabei kein kompliziert zu entschlüsselndes poetisches Bild der Verbindung bzw. Trennung des soldatischen und des zivilen Lebens. Vielmehr konnte jeder Soldat sich so ein Tor ziemlich gut vorstellen, gehörte es doch ganz real zum Bild jeder Kaserne. Innerhalb dessen hatte man zu funktionieren, musste sich als unbedeutendes Zahnrad in die zuweilen tödliche Maschinerie einfügen. Außerhalb durfte man Mensch sein. Dies zeigt sich bei jeder Kaserne auch baulich: Innerhalb war alles funktional geordnet, sozusagen in Reih´ und Glied. Außerhalb des Kasernentores liegen meist bunte und ungeplante Ansammlungen von Gebäuden, in denen die Soldaten das Menschsein ausleben konnten.

Das war vor der Kaserne am Griesheimer Sand genauso wie bei römischen Kastellen.

Bevor wir also das Griesheimer Wirtschaftsviertel vor dem Kasernentor betrachten, schauen wir uns so ein römisches Kastell einmal genauer an.

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Das Haupttor der Saalburg

Bekanntestes Beispiel dafür in unserer Region ist sicherlich die Saalburg nordwestlich von Bad Homburg v. d. Höhe. Es entstand im ersten Jahrhundert nach Christus und diente als militärischer Stützpunkt der am Limes eingesetzten römischen Grenztruppen. Es liegt an einer wahrscheinlich schon seit Urzeiten benutzten Straße über einen Paß des Taunus. Dieses Gebirge selbst war bis ins Mittelalter hinein ziemlich menschenleer. Die zivilen römischen Siedlungen lagen damals in der Mainebene und in der Wetterau. Für die direkte Umgebung des Kastells gilt dies aber nicht: Außerhalb der Festungsmauern fanden sich Spuren von zahlreichen Gebäuden, wie der folgende Plan zeigt.

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Kastell Saalburg bei Bad Homburg v.d.H.: Eingetragen ist die befestigte Grenze des Römischen Reiches, der Limes (grün). In der Kartenmitte das Kastell selbst, umgeben von zahlreichen Gebäudefunden. Grau die damaligen Straßen.

Diese Gebäude gehörten zum Lagerdorf, dem VICUS. Im Falle der Saalburg lebten dort wohl bis zu 1.000 Menschen. Der Fund des Lagerdorfes war dort aber nicht Ungewöhnliches. An nahezu allen römischen Kastellen, die nicht provisorisch, sondern auf Dauer angelegt worden waren, findet sich ein solcher VICUS. Dorf und Militärlager ergänzen sich dabei: Das Lager bietet nicht nur Schutz, sondern ist ein Wirtschaftsfaktor. Schließlich bekamen die römischen Soldaten einen regelmäßigen Sold. Und so entstanden im VICUS allerlei Einrichtungen um die Bedürfnisse der Soldaten zu befriedigen: Gaststätten, Bäder, Hotels, Geschäfte und Märkte, Handwerksbetriebe, Bordelle und Heiligtümer. Es gab dort aber auch ganz normale Wohnhäuser: Die Soldaten durften zwar nicht verheiratet sein, doch viele von ihnen hatten Lebensgefährtinnen, die mit den gemeinsamen Kindern vor dem Kastelldorf leben mussten, während die Männer in Gemeinschaftsunterkünften im Kastell selbst übernachteten. Erst nach dem Ablauf der Militärzeit von 25 Jahren wurden die Familien zusammengeführt. Die Lagerdörfer zeigen meist einen ziemlich ungeplanten und eher zufällig wirkenden Grundriss. Prägend, wie auch an der Saalburg, ist aber die Lage an der wichtigsten Fernstraße zum Lager.

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Reste des VICUS der Saalburg, die ringsum im Wald zu finden sind. Oft handelt es sich um im Grundriss quadratische Strukturen, die einst die Keller zu viel größeren oberirdischen „Langhäusern“ bildeten. Eines wurde vor etwa 10 Jahren rekonstruiert.

Manche VICI erlangten durch beständiges Wachstum eine Bedeutung über die Funktion als Lagerdorf hinaus. Sie bildeten die Keimzelle zu manch einer stadtartigen Siedlung, und existieren bis heute, z.B. Neuss, Regensburg, Strasbourg, möglicherweise auch Seligenstadt oder Obernburg am Main.

Dass militärische Befestigungsanlagen nicht ohne ergänzende Zivilsiedlungen auskommen, zeigen auch Beispiele aus dem Mittelalter. Zum einen bestanden Burgen meist aus einer Kernburg mit massiv ausgebauten Verteidigungsanlagen und zum anderen aus einer Vorburg, die oft den Charakter eines Wirtschaftshofes hatten, so auch bei dieser Turmhügelburg.

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Die Burg Otzberg und die Stadt Hering im Mittelalter. Rekonstruktion von Daniel Jünger. Die Stadt übernimmt völlig die Funktion der Vorburg, für die im Burgbezirk oben kein Platz ist.

Größere Burganlagen mit ebenfalls größerer Besatzung gingen aber noch darüber hinaus. Die Besatzungen bestanden aus verschiedenen Burgmannen, die jeweils ein eigenes Gefolge hatten. Dieses ließ sich nicht in dem engen Burgbezirk unterbringen. Die Lösung war deshalb, direkt vor oder direkt unterhalb der Burg eine kleine befestigte Siedlung zu gründen. Diese nahm die Höfe der Burgmannen und einige Wohnstellen für Händler und Handwerker auf. Solche Orte erhielten formal sogar meist das Stadtrecht, auch wenn sich kein stadtartiges Leben entwickelte und die Orte keine überörtliche Bedeutung für das Umland hatten. Beispiele finden sich auch in unserer Region: die Stadt Hering, heute Ortsteil von Otzberg, die Stadt Dreieichenhain, heute Stadtteil von Dreieich oder die Stadt Neustadt, heute Stadtteil von Breuberg. Auch Dornberg neben der gleichnamigen Burg bei Groß-Gerau hatte eine ähnliche Geschichte.

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Plan von Saarlouis. Stadt und Festung bilden eine Einheit, zivile Strukturen sind baulich wie organisatorisch dem militärischen untergeordnet.

Im Zeitalter des Barock, in dem große Territorialstaaten mit ganz anderen wirtschaftlichen und technischen Möglichkeiten als im Mittelalter entstanden waren, gab es erstmals seit der Römerzeit wieder stehende Heere. Für die Unterbringung mussten nun ganz andere Bautypologien entwickelt werden, z.B. Kasernenbauten. Die damaligen Festungsbaumeister wussten natürlich ebenso, dass Befestigungsanlagen auch aus militärischen Gründen durch zivile Komponenten ergänzt werden mussten. Man verzichtete aber bewusst auf die Trennung von Festung und „Lagerdorf“ und plante völlig neue Städte, die beides gleichzeitig waren. Ein schönes Beispiel hierfür ist die neu angelegte Stadt Saarlouis, für die man sogar die benachbarte mittelalterliche Stadt Wallerfangen niederlegte. Saarlouis diente, wie Dutzende andere damals gegründete Städte wie Neuf-Brisach oder Longwy der Sicherung der französischen Ostgrenze. Erst später gelangte Saarlouis an Deutschland.

Durch die fortschreitende militärische Entwicklung wurden Festungsanlagen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, spätestens aber mit der Entwicklung der militärischen Fliegerei, größtenteils überflüssig. Neue militärische Anlagen, wie etwa am Griesheimer Sand ab den 1870er Jahren, wurden daher ohne Befestigung als reine Funktionsanlagen erbaut, so wie wir das von den heutigen Kasernen im Prinzip auch noch kennen. Lediglich ein Zaun verhindert das Eintreten von Unbefugten.

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Stadtplan des Griesheimer Südostens um 1910. Blau ist die Grenze zwischen Lager und nichtmilitärischen Flächen eingetragen. Vor dem westlichen Tor hat sich das Wirtschaftsviertel entwickelt. Rot die heutigen Konversionsflächen.

Und doch entstehen auch in Griesheim wieder Strukturen vor den Kasernentoren, die an die römischen Lagerdörfer erinnern: Genau wie damals vollzieht sich das Wachstum des  so genannten „Wirtschaftsviertels“ eher unkontrolliert. Direkt vor dem westlichen Haupttor des Lagers, das Richtung Griesheim weist, siedeln sich entlang der heutigen Bessunger Straße allerlei Gaststätten, Biergärten und Hotels an, teils mit seriösem, teils mit zweifelhaftem Ruf. Bilder von damals geben uns eine ungefähre Vorstellung:

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Die östliche Bessunger Straße kurz vor der Einmündung der heutigen Jahnstraße. Direkt hinter dem Fotografen liegt das Lagertor und der Blick geht nach Westen. Im Hintergrund sieht man die charakteristische S-Kurve der Bessunger Straße Richtung Griesheim, dahinter beginnen die damals noch vorhandenen Felder. Das Bild wurde in den 1920er Jahren aufgenommen, als das Lager französisch besetzt war. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim
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Dieses Bild zeigt die östliche Bessunger Straße in entgegengesetzter Richtung zum vorherigen Foto. Der Fotograf steht im Bereich der S-Kurve und blickt nach Osten. Mit viel gutem Willen kann man dort das gestreifte Wachhäuschen des Lagertores erkennen. Auch dieses Bild scheint in den 1920er Jahren aufgenommen, denn die Gaststätte links heißt „Café de la (Paix?)“. Auch die anderen Gebäude beherbergen Gaststätten, Saalwirtschaften und Hotels. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim
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Viele der gastronomischen Betriebe entstanden aus zunächst provisorischen Bauten, wie dieses Beispiel aus der Zeit vor 1900 zeigt. Ausweislich der Uniformen war es eher bei den einfachen Soldaten beliebt, die kulinarischen Angebote waren möglicherweise ebenfalls sehr einfach, wie die Aufschrift auf dem Fensterladen vermuten lässt. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim
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Andere Lokale dienten einem zahlungskräftigerem und höherstehendem Publikum wie dieses Gartenrestaurant. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim

Noch heute unterscheidet sich die östliche Bessunger Straße von den umliegenden Straßen. Immer noch liegen hier einige Geschäfte und Lokale. Einigen Bauten sieht man die Herkunft aus der Zeit um 1900 noch an. Nach der Aufgabe des Militärlagers und der Gründung von St. Stephan diente das Wirtschaftsviertel bis in die jüngste Vergangenheit als Nahversorgungszentrum für den Griesheimer Südosten. Kurios war dabei, das das Wirtschaftsviertel immer innerhalb der Griesheimer Gemarkung lag, während die eigentliche Siedlung St. Stephan zeitweise zu Darmstadt gehörte.

Nicht zum eigentlichen Wirtschaftsviertel gehörig waren einige Bauten im Bereich der Kreuzung der heutigen Wilhelm-Leuschner-Straße mit der Jahnstraße. Sie entstanden aber im gleichen Zusammenhang. Die Rede ist vom Waldschlösschen und dem Felsenkeller, die zu Zeiten des Militärplatzes als Kasino, Gastwirtschaft, Brauerei und Hotel dienten.

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Historisches Bild des „Waldschlösschens“, damals „Hotel Roth“. Der danebenstehende Bau ist mit „Schweizer Haus“ beschriftet und wurde später noch nach Norden erweitert. Der Fachwerkbau ist erst vor einigen Jahren abgerissen worden zugunsten einer Wohnanlage, das Waldschlösschen besteht dagegen noch. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Militärlager von den Amerikanern übernommen und deutlich verkleinert. Das Haupttor der Anlage wanderte nun nach Osten an das südliche Ende der Flughafenstraße. Wenn man dort genau hinschaut, erkennt man, dass dort ein Wirtschaftviertel en miniatur entstanden war, bestehend aus einer Pension und einem Wartehäuschen. Ende des 20. Jahrhunderts wartetete man, um den Liedtext von oben noch einmal aufzugreifen, also immer noch vor dem großen Tor, aber nicht mehr unter der Laterne, sondern regengeschützt unter Acrylglas.

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Das südliche Ende der Flughafenstraße in Griesheim. Im Hintergrund ist noch die Schranke zum ehemals amerikanischen Militärgelände erhalten, links daneben das Wartehäuschen.





Titelbild: Blick in nach Westen in die Bessunger Straße, links zweigt die heutige Donaustraße ab. Das Bild stammt vermutlich von einer Postkarte, das Wartehäuschen und die Schranke wurden hineinretuschiert. Eigentlich standen sie etwas weiter östlich. Bildquelle: Stadtarchiv Griesheim.

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