Kleine Chronik des Griesheimer Sandes

Zur Zeit findet der Bürgerbeteiligungsprozess zur Entwicklung der Konversionsflächen statt. Dabei geht es um die Umwandlung ehemaliger Militärflächen im Griesheimer Südosten (nördlich des Flugplatzes) in ein zukunftsorientiertes Quartier mit bezahlbarem Wohnraum.

Im Folgenden möchte ich Ihnen eine kurze Zusammenfassung der bisherigen Geschichte des Geländes zeigen. In Kürze werden weitere Artikel folgen, die sich ebenfalls mit dem Thema beschäftigen.

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Der Griesheimer Südosten 2017: Rot eingetragen sind die Konversionsflächen, schwarz gepunktet die Stadtgrenze zwischen Griesheim (oben) und Darmstadt (unten). Zur besseren Orientierung sind die Bessunger Straße, die Lilienthalstraße und die Flughafenstraße rot beschriftet. Quelle: Heimatmuseum Griesheim e.V.: Griesheim-Atlas

18. Jahrhundert – Das Gebiet des späteren Militärgeländes und des Schießplatzes ist unbebaut und von einer Sanddünenlandschaft geprägt. Da diese nicht sehr fruchtbar und trocken ist, findet hier kaum Landwirtschaft statt.

1730-1770 – Östlich des Schießplatzes liegt ein Jagdlusthaus, genannt „Griesheimer Haus“. Die Verbindung zwischen dem Gebäude, dass auf Grund von Baufälligkeit mindestens einmal neu errichtet wurde, und dem Ort Griesheim wird durch den Hausweg hergestellt, der das Gelände durchzieht.

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Der Griesheimer Südosten 1800: Gleicher Kartenausschnitt wie zuvor. Rot eingetragen sind wieder die Konversionsflächen, der gesamte Bereich ist ungenutzte Feldgemarkung. Östlich schließen sich höhere Dünen und dann Wald an. Quelle: Heimatmuseum Griesheim e.V.: Griesheim-Atlas

ca. 1850 – Die ehemals recht große offene Feldgemarkung Griesheims wird im östlichen Bereich aufgegeben. Zahlreiche Aufforstungen erhöhen den Waldbestand in diesem Bereich, alle Waldgebiete westlich der A67 entstehen in dieser Zeit.

1855 – Ein Feldartillerieregiment wird kurzzeitig nach Griesheim verlegt.

1864 – Erste Schießübungen auf dem Griesheimer Sand

1867Prüfungsschießen auf dem Griesheimer Felde gegen die Cumberge

2. Januar 1874 – Vertrag zwischen der Gemeinde Griesheim und der Reichsmilitärverwaltung über den Erwerb eines Artillerieschießplatzes mit 340ha , der meist als „Griesheimer Sand“ bezeichnet wird.

23.-25. September 1877 – Manöver in Darmstadt, Weiterstadt und Griesheim. Kaiser Wilhelm I. besucht dabei den Militärplatz und den Ort Griesheim.

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Der Griesheimer Südosten 1800: Das Militärlager entlang der späteren Lilienthalstraße ist entstanden. Der Wald im Süden und Osten ist zugunsten des Schießplatzes zurückgenommen. Quelle: Heimatmuseum Griesheim e.V.: Griesheim-Atlas

1886 – Die Dampfbahn von Darmstadt nach Griesheim wird eröffnet. Etwa in Höhe der heutigen Straße „Am Dürren Kopf“ wird ein Abzweig nach Süden erbaut, der direkt bis zum Tor des Militärlagers führt.

Um 1900 – Jährlich nehmen etwa 20.000 Soldaten an Übungen in Griesheim teil. Das Waldschlößchen wird als Offizierskasino errichtet.

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Der Griesheimer Südosten 1910: Das Militärlager ist stark gewachsen und reicht im Norden bis fast an die Chaussee von Griesheim nach Darmstadt (heute B26). Ein Zweiggleis der Dampfbahn verbindet das Gelände mit der Residenzstadt. Der Hausweg wird verlegt und führt nicht mehr durch den Schießplatz, der auch als Flugplatz dient. Quelle: Heimatmuseum Griesheim e.V.: Griesheim-Atlas

1908 – August Euler gründet in Griesheim die erste Fabrik für Motorflugzeuge Deutschlands, die Euler-Flugmaschinenwerke.

1909 – August Euler pachtet einen Teil des Schießplatzes für Flugübungen, damit entsteht der erste Motorflugplatz Deutschlands. Eine Montagehalle für die Flugzeugproduktion entsteht auf dem Gelände. Euler gründet auch eine Pilotenschule, die nach kurzer Zeit nach Frankfurt verlegt wird.

1911 – Eine 120 x 21m große Flugzeughalle wird errichtet.

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Modell des „Gelben Hundes“

1912 – Erster deutscher Postflug mit dem „Gelben Hund“, gebaut von August Euler. Stationen waren Frankfurt, Mainz, Worms und Griesheim. Die Eulerwerke werden nach Frankfurt verlegt.

1914 – Beginn des Ersten Weltkrieges. In Griesheim wird westlich des eigentlichen Militärlagers ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet, in dem bis zu 10.000 Menschen gefangen gehalten wurden. Mindestens 605 von ihnen überleben die Gefangenschaft nicht. Mehr Informationen zum Kriegsgefangenenlager finden Sie hier.

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Luftbild des Kriegsgefangenenlagers. Blick über Griesheim nach Südosten, Aufnahme ca. 1920(?). Quelle: Stadt Griesheim

1914-1918 – Der Griesheimer Sand ist in die Kriegslogistik des Ersten Weltkrieges eingebunden. Vom Flugplatz starten Militärflugzeuge. August Euler entwickelt ein Patent zur Montage von Maschinengewehren auf Flugzeugen.

1917 – Eine direkte Eisenbahnstrecke vom Darmstädter Hauptbahnhof zum Griesheimer Militärplatz und zum Kriegsgefangenenlager wird angelegt.

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Der Griesheimer Südosten 19108: Das Militärlager ist während des Krieges nochmal gewachsen. Westlich wurde das Kriegsgefangenenlager angelegt. Quelle: Heimatmuseum Griesheim e.V.: Griesheim-Atlas

1918-1930 – Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges nutzt die französische Besatzung den Griesheimer Militärplatz unter dem Namen „Camp Général Barbot“.

1930 – Das Kriegsgefangenenlager ist vollständig abgebaut. Auch im Hauptlager werden die meisten provisorischen Bauten („Wellblechhausen“) zurückgebaut. Manche Baustoffe werden in Griesheim wiederverwendet. Der nördliche Teil des Lagers wird zum Sportplatz (heute TuS Griesheim). Der Flugplatz wird wieder eingerichtet.

1932 – Die Stadt Darmstadt pachtet ein 70ha großen Bereich des Militärlagers und richtet dort den „Flughafen Darmstadt“ ein.

1933 – Die „Deutsche Forschungsanstalt für Segelflugzeuge“ (DFS) verlegt ihre Institute in das Gelände, verschiedene Forschungsstätten, Werkstätten und Hallen entstehen.

1936 – Der Windkanal wird errichtet.

1936 – Probeflug des ersten schwanzlosen Raketenflugzeuges am Griesheimer Sand.

1937 – Die Militärflächen (Lager und Schießplatz) mit ca. 800 ha werden von Griesheim nach Darmstadt umgemeindet.

1939 – Die DFS wird nach Braunschweig verlegt, die Luftwaffe übernimmt das Gelände.

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Der Griesheimer Südosten 1945: Die Militärfläche ist seit dem Ende des Ersten Weltkrieges stark reduziert. Trotzdem spielt auch der Griesheimer Sand eine militärische Rolle im Zweiten Weltkrieg. Die Stadtgrenze trennt Griesheim seit 1937 von den Militärflächen ab. Quelle: Heimatmuseum Griesheim e.V.: Griesheim-Atlas

1939-1945 – Der Flugplatz wird auch in die Kriegslogistik des Zweiten Weltkrieges eingebunden. Die Forschungseinrichtungen dienen der Weiterentwicklung von Waffensystemen.

1945 – Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges übernehmen die amerikanischen Streitkräfte das östliche Militärlager und den Flugplatz, insgesamt ca. 210ha. Auf dem westlichen Lagergelände und im Bereich des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers entsteht eine neue Wohnsiedlung für Flüchtlinge aus Donauschwaben: St. Stephan

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Anfänge der Siedlung St. Stephan: Behelfmäßige Wohnunterkünfte mit wiederverwendeten Baustoffen aus dem Militärlager („Wellblechhausen“)
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Der Griesheimer Südosten 1955: Viele ehemalige Militärflächen sind nun zivil besiedelt. Die Donaustraße und die Lilienthalstraße im östlichen St. Stephan folgen alten Lagerstraßen, während der westliche Teil der Siedlung auf der Fläche des Kriegsgefangenenlagers als ungarisches Angerdorf angelegt wurde. Der Flugplatz und der östliche Teil des ehemaligen Militärlagers werden durch amrikanische Streitkräfte genutzt. Die Lilienthalstraße kann nicht durchgehend befahren werden. Quelle: Heimatmuseum Griesheim e.V.: Griesheim-Atlas

1960er Jahre – Auf dem Flugplatz werden taktische Nuklearraketen stationiert, die im Kriegsfall über Hessen oder Bayern zum Einsatz gekommen wären (mehr Infos hier).

ca. 1970 – Die Landebahn des Flugplatzes wird nach Westen verlängert und erreicht eine Gesamtlänge von 1100m. Die Straße von St. Stephan nach Süden muss dafür entfernt werden.

1974-1992 – Der Verein Hessen-Flieger darf den Flugplatz mitnutzen.

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Der Griesheimer Südosten 1977: Die Wohnbereiche von St. Stephan werden umgemeindet (neue Stadtgrenze schwarz gepunktet). Die Militärflächen bleiben darmstädtisch. Quelle: Heimatmuseum Griesheim e.V.: Griesheim-Atlas

1977 – Die Siedlung St. Stephan, die auf einstigen Militärlager entstanden war, wird nach Griesheim umgemeindet. Die noch unter amerikanischer Militärverwaltung stehenden Lagerflächen, der Flugplatz („Darmstadt Army Airfield“) und die Felder der ehemaligen Griesheimer Südgemarkung bleiben bei Darmstadt.

1980 – Der Flugplatz trägt offiziell den Namen „August-Euler-Flugplatz“.

1980er Jahre – Auf dem Flugplatz ist eine Hubschrauberrettungsstaffel stationiert, in den östlichen Lagerflächen entsteht die amerikanische Armeezeitung „Stars And Stripes“.

1992 – Ende der Nutzung des Flugplatzes durch die amerikanischen Streitkräfte.

1993 – Der Flugplatz wird entwidmet. Er ist seitdem „Sonderlandeplatz“, der nur noch stark eingeschränkt als solcher genutzt werden darf.

2000 – Teile des Geländes werden Naturschutzgebiet und „Fauna-Flora-Habitat-Lebensraum“

2005 – Die Technische Universität Darmstadt betreibt den Sonderlandeplatz zu Forschungszwecken.

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Der Griesheimer Südosten 2006: Erst durch die nochmalige Grenzänderung werden die heutigen Konversionsflächen wieder Teil von Griesheim. Die Lilienthalstraße wird für den Durchgangsverkehr geöffnet. Quelle: Heimatmuseum Griesheim e.V.: Griesheim-Atlas

2006 – Im Rahmen eines Flächenaustausches kommen weitere Flächen des ehemaligen Lagers (Hubschrauberplatz, Windkanal, östliche Lilienthalstraße) sowie Anwesen entlang des Südringes zurück nach Griesheim. Im Gegenzug werden einige Felder östlich der Landstraße nach Pfungstadt (südlich der Reithalle) darmstädtisch.

2008 – Die US-Army gibt des Standort vollständig auf und räumt die noch auf Darmstädter Gebiet liegenden Flächen („Stars-and-Stripes-Gelände“). Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) übernimmt das Gelände.

2009 – Beginn der Gespräche zwischen Stadt Griesheim und BImA über den Verkauf der auf Griesheimer Gemarkung und nördlich des Flugplatzes liegenden Flächen.

2014 – Die BImA bietet der Stadt die Erstzugriffrechte an.

2016 – Vorlage des Nachnutzungskonzeptes der Stadt Griesheim bei der BImA als Grundlage für die Verkaufskonditionen. Es soll hauptsächlich bezahlbarer Wohnraum entstehen.

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