Straßennamen

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Landkarten verraten eine ganze Menge über den Charakter und das Aussehen eines Ortes. Michel Houellebecq hat das in seinem Roman „Karte und Gebiet“ viel besser als ich zum Ausdruck gebracht: „Diese Karte war geradezu erhaben; bis ins Innerste aufgewühlt begann er vor dem Verkaufsständer zu zittern. Noch nie hatte er etwas so Herrliches gesehen, das so reich an Emotionen und Sinn war wie diese Michelin-Karte der Departements Creuse und Haute-Vienne im Maßstab 1:150.000. Die Quintessenz der Moderne, der wissenschaftlichen und technischen Erfassung der Welt, war hier mit der Quintessenz animalischen Lebens verschmolzen. Die grafische Darstellung war komplex und schön, von absoluter Klarheit, und verwendete nur eine begrenzte Palette von Farben. Aber in jedem Örtchen, jedem Dorf, das seiner Größe entsprechend dargestellt war, spürte man das Herzklopfen, den Ruf Dutzender Menschenleben, Dutzender, Hunderter Seelen – von denen die einen zur Verdammnis, die anderen zum ewigen Leben berufen waren.

Neben dem Kartenbild sind es aber beispielsweise alleine schon die eingetragenen Straßennamen, die eine ganze Menge über die Geschichte eines Ortes verraten.

Straßennamen wie „Auf der alten Burg“ verweisen mit hoher Wahrscheinlichkeit auf ein Flurstück, dass ehemals eine Burg beherbergte. Eine „Alte Römerstraße“ ist auch wahrscheinlich eine solche. Manche Namen geben Rätsel auf: In Griesheim ist zum Beispiel die Herkunft der „Pariser Gasse“ noch nicht geklärt. Über dieses Thema hatte ich hier schon einmal geschrieben.

Darüber hinaus ist ziemlich interessant, dass man anhand der in einem Ort vergebenen Straßennamen die politische Ausrichtung der letzten Jahrzehnte ablesen kann. In Frankreich ist dies meist sehr einfach: Heißt die Hauptstraße Rue Général de Gaulle ist der Ort politisch eher konservativ. Heißt sie dagegen Rue Jean-Jaurès, ist der Ort sozialistisch geprägt.

In Deutschland funktioniert das meist auch:  Sind noch Straßennamen vorhanden, die auf Adelsvertreter verweisen, gibt dies einen Hinweis darauf, dass der Ort seine monarchistische Vergangenheit nicht besonders negativ sieht. In Frankfurt wurden übrigens alle diese Namen beseitigt und ersetzt. Der Blücherplatz wurde nach 1945 zum Basler Platz, die Kronprinzenstraße wurde zur Münchner Straße.

Eine Konrad-Adenauer-Straße zeigt möglicherweise eine gewisse Dominanz der CDU an.

Griesheim dagegen ist ein Beispiel für einen Ort, in dem die SPD über lange Perioden die vorherrschende Partei in der Komunalpolitik war. Folgende Straßenamen zeigen dies unter anderem an:

  • Wilhelm-Leuschner-Straße, benannt nach dem ehemaligen SPD-Innenminister von Hessen Wilhelm Leuschner, der Mitglied des Widerstands gegen die Nationalsozialisten war.
  • Friedrich-Ebert-Straße, benannt nach Friedrich Ebert, dem ersten frei gewählten Präsidenten Deutschlands. Er war Mitglied der SPD.
  • August-Bebel-Straße, benannt nach August Bebel, einem Begründer der deutschen Sozialdemokratie.
  • Willy-Brandt-Allee, benannt nach dem ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt von der SPD.
  • Karl-Liebknecht-Straße, benannt nach Karl Liebknecht, der parallel zu Friedrich Ebert 1918 in Berlin die Republik augerufen hatte. Er war ursprünglich Mitglied der SPD und dann Mitgründer der KPD.
  • Christian-Stock-Straße, benannt nach dem ersten frei gewählten Ministerpräsidenten von Hessen nach dem Zweiten Weltkrieg, Mitglied der SPD.
  • Georg-August-Zinn-Haus, benannt nach dem langjährigen Ministerpräsidenten von Hessen (1950-1969) Georg August Zinn, Mitglied der SPD.

Ursprünglich gabe es sogar einmal eine Leninstraße in Griesheim. Diese wurde jedoch umbenannt und heißt heute Berliner Straße. Kurioserweise fehlt aber eine Otto-Wels-Straße oder eine Rosa-Luxemburg-Straße.

5 Gedanken zu „Straßennamen“

  1. Die Berliner Straße hatte zwischenzeitlich (zur NS-Zeit) den Namen „Adolf-Hitler Straße“. Sie wurde erst anschließend in Berliner Straße umbenannt.
    Die heutige Lindenstraße (welche sich zu dieser Zeit gerade im Aufbau von einem Feldweg zu einer Straße befand) trug den Namen „Straße der SA“.
    Fotos des damaligen „Neubaugebietes“ sollten im Familienalbum vorhanden sein.

    Quelle: meine Großmutter (geb.1924 in Griesheim)

    1. Eine „Zwischenstufe“ in der Straßenbenennung muss aber die Leninstraße gewesen sein.

      Falls Sie die Bilder in digitaler Form vorliegen hätten, wäre sicherlich das Stadtarchiv daran interessiert. Wenn Sie mögen, kann ich da einen Kontakt herstellen.

      Gruß, dj

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