Fünf Kilometer bis nach Frankreich

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Fünf Kilometer von Griesheim bis nach Frankreich? Wie soll das denn gehen? Die Stadt abbauen und in die Südpfalz versetzen? Oder alle Städte und Gemeinden zwischen hier und dem Elsaß zwangseingemeinden? Nein, seien Sie doch mal realistisch! Nutzen Sie eine Zeitmaschine.

Es ist doch wirklich ganz einfach. Vor ein paar Wochen habe ich zu diesem Thema eine Art Dokumentarfilm aus den 1980er Jahren gesehen. Man muss bloß ein klingonisches Raumschiff kapern und dieses bis Warp 10 beschleunigen. Dann – zack – einmal um die Sonne geflogen und schon kann man in eine beliebige Zeit reisen. Um die Entfernung von Griesheim nach Frankreich maximal zu verkürzen braucht man nur die Jahre 1795 bis 1815 ansteuern.

Damals gehörten nämlich alle Gebiete westlich des Rheins zu Frankreich. Und da der Rhein damals noch nicht begradigt war, war der Altrhein bei Erfelden noch Teil des Hauptstromes. Der Kühkopf lag also linksrheinisch, war also bereits französisch. Und Erfelden war Grenzort. Der Abstand zwischen der Griesheimer Gemeindegrenze und dem Rhein bei Erfelden (also der damaligen Staatsgrenze) beträgt etwa fünf Kilometer.

leeheim_1800Wie kam es aber, dass die Gebiete links des Rheines französisch waren? Das ist eine etwas längere Geschichte, die hier (unzulässig) verkürzt dargestellt werden soll:

Im Jahre 1789 brach in Frankreich eine Revolution gegen die althergebrachte monarchistische Ordnung aus. Der König und der Adel hatten die Zeichen der Zeit verpasst,  den Kontakt zum Volk schon lange verloren. Nun verloren sie nun auch den Kopf. Man gründete eine Republik, deren neue Machthaber sich untereinander blutig bekämpften. Neben zahlreichen inneren Feinden hatte man zusätzlich auch mit Äußeren zu kämpfen. Die Könige der Nachbarstaaten solidarisierten sich nämlich mit dem französischen Adel und zogen gegen die junge Republik in den Krieg.

Angriff ist die beste Verteidigung, dachte man sich in Paris, und begann stattdessen mit Gegenangriffen. Zwar waren die französischen Soldaten schlecht ausgebildet und ausgerüstet. Aber sie hatten trotzdem mächtige Waffen im Gepäck: die Freiheit, die Gleichheit, die Brüderlichkeit und das schmissige Kampflied, das die Soldaten aus Marseille mit nach Paris gebracht hatten (geschrieben wurde es allerdings in Straßburg), die heutige Nationalhymne, die Marseillaise. Damit gelang es tatsächlich, Gebiete zu erobern. Gerade in Rheinhessen und im schon immer etwas revolutionären Mainz trafen sie auf Menschen, die sich eine bessere Zukunft im republikanischen Frankreich als in der hoffnungslos zurückgebliebenen und ungerechten Kleinstaaterei Deutschlands. Oft waren es in Rheinhessen Bürgerkomitees, die ihre Städte den herannahenden französischen Truppen öffneten. Auch die damals stärkste Festung des Deutschen Reiches, die Stadt Mainz, fiel 1793 mehr durch solche politischen Handlungen als durch kriegerische Aktionen an Frankreich.

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Das Deutschhaus in Mainz: Heute Sitz des Landtages von Rheinland-Pfalz, 1793 Sitz des Konventes der Mainzer Republik.

Zwar konnte die Stadt noch einmal zurückerobert werden (Goethe hat darüber berichtet. Ein großer Teil der Stadt wurde zerstört), 1795 konnte sie und das Umland aber für die nächsten 20 Jahre in den französischen Staat eingegliedert werden. Mainz, bzw. Mayence, wurde Hauptstadt des Départements Mont-Tonnerre (Donnersberg).

Der Staat war allerdings keine Republik mehr. Denn mehr und mehr übernahm das Militär (oh, das reimt sich) die Macht im Staat und mit ihm der erfolgreiche General Bonaparte aus Korsika, der schließlich als Napoleon Kaiser wurde. Das Kriegeführen konnte er nicht lassen, was ihm und Frankreich schließlich zum Verhängnis wurde. Als sich alle Staaten gegen Napoleon verbündet hatten wurde er geschlagen und verbannt.

Die deutschsprachigen Gebiete links des Rheins (bis auf das Elsaß, das französisch blieb weil es das schon vor der Revolution gewesen war) wurden aufgeteilt: Preußen erhielt den größten Teil im Norden mit Köln, Trier und Koblenz (= „Rheinpreußen“, später Rheinprovinz), Bayern erhielt den Süden mit Speyer und Kaiserslautern (=“Rheinbayern“, später dann Pfalz). Hessen erhielt den Rest um Mainz, Bingen und Worms (=“Rheinhessen“). Nach 1945 fielen diese Gebiete an die neugegründeten Länder Rheinland-Pfalz bzw. Nordrhein-Westfalen.

Das Rathaus in Wissembourg.Seit 1815 liegt die französische Grenze also wieder etwas weiter von Griesheim entfernt. Trotzdem kann man in 1,5-Autostunden in Wissembourg, der nächstgelegenen Stadt in Frankreich, sein. Ein Ausflug hierher lohnt sich fast immer, sei es aus gastronomischen oder architektonischen Gründen.

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