Erhaltenswerte Bauten in Griesheim

Im letzten Artikel waren alle Gebäude aufgeführt, die gemäß der Denkmaltopographie von 1988 unter Denkmalschutz stehen. Aus heutiger Sicht- immerhin sind fast 30 Jahre vergangen, muss festgestellt werden – dass die dort gezeigte Liste zu ergänzen ist. Aus meiner Sicht sollten die folgenden Bauten ebenfalls für die Nachwelt gesichert werden.

(Dieser Artikel wurde am 15.02.2017 um weitere Bauten ergänzt, s. unten.)

Ich versuche einmal, die Vorschläge chronologisch, also nach Baujahr, zu sortieren:

IMG_0345Groß-Gerauer-Straße 20 – Das älteste erhaltene Fachwerkhaus der Stadt wurde laut einer bei der Sanierung gefundenen Inschrift 1620 erbaut. Auf einem Steinsockel ruht ein verzierter Fachwerkaufsatz. Das Gebäude prägt mit am stärksten den kleinen Platz am Kreuz, den Jean-Bernard-Platz.

IMG_0408Oberndorferstraße 14 – Wandrest und Tafel mit Bauinschrift des alten Rathauses. Das Gebäude von 1625 wurde leider nach starken Zerstörungen nach dem 2. Weltkrieg abgetragen. Wie das Gebäude einmal ausgesehen hat, können Sie in der nachfolgenden Zeichnung sehen:

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Pfarrgasse 3 – (oben) Fachwerkhaus aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Die Nebengebäude links wurden zugunsten von Neubauten abgebrochen.

IMG_0407Oberndorferstraße 16 – Fachwerkhaus mit massivem Sockel und Giebel. Erbaut um 1700. Das Gebäude ist der letzte bauliche Zeuge aus der Zeit, als die nördliche Oberndorferstraße noch der Ortsmittelpunkt war und als Marktplatz gedient hat.

IMG_0363Pariser Gasse 5 – Fachwerkhaus aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.

IMG_0374Groß-Gerauer-Straße 17 – Fachwerkhaus aus der Zeit vor 1800. Ehemals Gasthaus. Die Holzschindelverkleidung an der Giebelseite wurde vor das Fachwerk gesetzt und ist nicht historisch. Solche Fassadenelemente sind im Odenwald jedoch häufig anzutreffen.

IMG_0382Groß-Gerauer-Straße 18 – Scheunenbau aus dem 19. Jahrhundert. Im Zuge der Gestaltung des Museumskomplexes auf einem anderen Grundstück in der Groß-Gerauer-Straße abgebaut und hier mit modernen Ergänzungen wiedererrichtet. Die integrierte Dauerausstellung zeigt Informationen über den Samenhandel, die Tapetenherstellung und die Fliegerei in Griesheim. In den Räumlichkeiten bietet das Griesheimer Standesamt auch die Möglichkeit an, hier zu heiraten.

IMG_0375Groß-Gerauer-Straße 20 – Um 1800 erbaute Schankwirtschaft („Neuwirts“). Einfache Fachwerkkonstruktion mit gebrochenem Dach. Im hinteren Hofbereich ein Nebengebäude und eine Scheuer von 1826. Heute gehört das gesamte Anwesen zum Griesheimer Museum. Das Vorderhaus dient als historische Schankwirtschaft, im hinteren Bereich wurde ein Neubau mit dem Stadtarchiv ergänzt.

IMG_0365Kreuzgasse 2 – Vermutlich einfaches Fachwerkhaus aus der Zeit um 1800, es existieren noch einige ähnliche Bauten in Griesheim, z.B. Bahnhofstraße 15.

Pfarrgasse 7-9 – Kirchhofmauer. Sie begrenzt den mehrfach erweiterten alten Friedhof von Griesheim rund um die Lutherkirche. Teile der Mauer, wie die Pfosten des Eingangstores stammen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das Material wird von älteren Vorgängerbauten stammen. Auch die Grünanlage innerhalb der Mauer ist als solche, jedoch nicht im Detail erhalteswert.

IMG_0409Gellgasse 14 – Einfaches spätklassizistisches Wohnhaus (2. Hälfte 19. Jahrhundert). Dieser Bautypus ist noch mehrfach in Griesheim vorhanden und sollte nicht ganz verloren gehen.

IMG_0368Bahnhofstraße 17 – Ehemaliges Gesthaus mit Saal. Teilweise einfache Fachwerkkonstruktion, schön saniert. Erbaut im 19. Jahrhundert. (Auf dem Bild links zu sehen; rechts die Bahnhofstraße 15, s. unter Kreuzgasse 2)

IMG_0359Pfützenstraße 2 – Ehemaliges Gasthaus „Zum weißen Roß“, erbaut 1880. Einfach verzierte Klinkerfassade. Einer der letzten Vertreter des in Griesheim früher weit verbreiteten Gebäudetypus mit vorneliegender Gastwirtschaft und anschließendem Saal.

IMG_0025Forsthaus Harras – Schönes Forsthaus mit Nebengebäude aus der Zeit zum Ende des 19. Jahrhunderts hin. Aufwendige Klinkerfassade, vermutlich in den 1990er Jahren angemessen erweitert.

IMG_0182Pfungstädter Straße 10 – Schönes verklinkertes Wohnhaus, erbaut zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Wilhelm-Leuschner-Straße 2 – Kochschulhaus, erbaut 1902. Das Gebäude diente ursprünglich als Erweiterungsbau für die alte Griesheimer Schule, deren Hauptgebäude, das auch als Rathaus diente, in den 1970er Jahren zugunsten der Straßenbahnwendeschleife  abgebrochen wurde (dazu mehr hier). Im Erdgeschoss des Kochschulhauses waren ursprünglich Lehrküchen vorhanden, daher der Name. Die Schriftstellerin Elisabeth Langgässer wirkte hier als Volksschullehrerin. In den 1960er Jahren wurde das gut gestaltete Dach, das eine barockisierende Gauben und eine Giebelausprägung im „Schweizer Stil“ besass, entfernt und ein zusätzliches Vollgeschoss mit einfachem Walmdach aufgesetzt. Seitdem sind die Proportionen des Gebäudes verschoben, durch sein Volumen ist es aber prägend für die Umgebung. Das Treppenhaus ist noch größtenteils im ursprünglichen Zustand erhalten.

IMG_0406Pfungstädter Straße 16 – Nach Kriegszerstörungen sind von diesem Gebäude, das um 1900 erbaut wurde, noch das Sockelgeschoss und die das Straßenbild prägende Einfriedung erhalten.

IMG_0399Bessunger Straße 53 – Um 1900 erbautes Wohnhaus im städtischen Stil. Erbaut vom Griesheimer Architekten Gerhard.

IMG_0372Groß-Gerauer-Straße 24 – Um 1900 (?) erbautes ehemaliges Betriebsgebäude der Schreinerei Müller. In der 1920er Jahren wurden hier Flugzeuge gebaut, später der flüssigkeitsbetriebene Raketenmotor Deutschlands. Heute dient das Gebäude als Bürgerhaus, bzw. Kindertagesstätte.

IMG_6577Hintergasse 2 – 1906 erbautes Wohn- und Geschäftshaus mit dem besten Obst- und Gemüseladen. Letztes Zeugnis der Vorkriegsbebauung in der Hintergasse, deren ursprünglicher Charakter sich nur noch anhand des Straßennamens erahnen lässt.

IMG_0387Wilhelm-Leuschner-Straße 5 – 1906 erbautes Wohnhaus. EG und OG mit Klinkerfassade, darauf ein Fachwerkaufsatz. Architekt Georg Gerhard aus Griesheim.

IMG_0392Wilhelm-Leuschner-Straße 19 – Wohn- und Geschäftshaus von 1912. Viele Details leider nicht mehr im Originalzustand. Das Erdgeschoss ist stark verändert. Der rechte Balkon auf dem Erker zeigt noch das ursprünglich auch links vorhandene Geländer.

IMG_0412Wilhelm-Leuschner-Straße 103 – Wohnhaus im Heimatstil aus der Zeit vor 1914.

IMG_0404Bessunger Straße 50 – Wohnhaus im Heimatstil aus der Zeit vor 1914.

IMG_5803St.-Stephans-Platz 1 – Katholische Sankt-Stephans-Kirche. Erbaut 1953 als Mittelpunkt der nach 1945 entstandenen Siedlung St. Stephan. Schönes Beispiel einer eher konservativen Strömung des Kirchenbaus in den 1950er Jahren. Interessante Kombination aus Chorbau und Turm. Gute Lichtführung im Chorbereich.

IMG_0273Wilhelm-Leuschner-Straße 75 -Rathaus. Erbaut 1953 als Ersatz für das nach dem Krieg abgebrochene Rathaus in der Oberndorferstraße und das Gemeindehaus in der Groß-Gerauer-Straße (s. hier). Das Rathaus zeigt die typischen Elemente des ländlichen Rathausbaus in den 1950er Jahren. Der Baustil ist noch ziemlich konservativ und dem Heimatstil der 1920er und 1930er Jahre verpflichtet. Alle Insignien eines Rathauses werden angedeutet: Das besonders gestaltete Portal mit Treppe, die hohen Fenster des Ratssaales, der Bürgermeisterbalkon. Durch die L-Form wird ein schöner Vorplatz geschaffen. Der Dachreiter mit der Turmuhr kam später hinzu und ergänzt das Gebäude um den bis dahin fehlenden Turm. Er erinnert an die Turmuhr auf dem Gemeindehaus auf dem heutigen Platz Bar-le-Duc, die Glocke wurde wohl von dort übernommen.

IMG_0369Stellvertretend für viele ähnliche Gebäude soll hier noch ein Gebäude aus der Groß-Gerauer-Straße gezeigt werden. Die hier vorhandene schöne Klinkerfassade ist noch an vielen Stellen in Griesheim vorhanden (z.B Hofmannstraße). Klinker war ein zeitweise sehr beliebter Baustoff in Griesheim (s. Wagenhalle).

vergleich-gri-reinheimErhaltenswert sind aus meiner Sicht darüber hinaus der Grundriss des alten Ortskernes, der für das Verständnis der Anlage der mittelalterlichen Orte in der Region von Interesse sein könnte (wie ich hier geschrieben habe).

Stadtplan St. Stephan
Stadtplan St. Stephan: rot das ursprünglich geplante „Angerdorf“ mit der Draustraße; gelb die Erweiterung zum Körper Christi

Außerdem ist erhalteswert der Grundriß von St. Stephan, der im Bereich der Draustraße ursprünglich ein ungarisches Angerdorf nachbilden sollte. Eine Erweiterung des Grundrisses in Form des Körpers Christi blieb aus. In St. Stephan sind noch einiger der einfachen Hakenhöfe der Nachkriegszeit erhalten, meist jedoch stark verändert.

Lageplan der FachwerkhäuserNeben den oben und im vorherigen Artikel gezeigten Fachwerkhäusern gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Vertreter dieser Bauart in Griesheim, meist jedoch nicht sichtbar, da verputzt. Die Standorte der Fachwerkbauten sehen Sie im obigen Plan. Hier habe ich etwas dazu geschrieben. Besonders interessant sind hier noch die Bauten Backesgasse 2,4 und 6, die Kreuzgasse 7 sowie die Löffelgasse 11.

Ergänzungsvorschläge werden übrigens gerne aufgenommen und bei guter Begründung hier ergänzt.

Update 15.02.2017: Aufgrund einiger Vorschläge aus der Leserschaft möchte ich die Liste gerne noch etwas ergänzen:

Bessunger Straße, östliches Ende – Hier gibt es noch einige Gebäude aus der Zeit vor der letzten Jahrhundertwende. Sie stammen aus der Zeit, als hier das sogenannte Wirtschaftsviertel vor dem Tor der Griesheimer Kaserne lag. Zahlreiche Wirtschaften und Geschäfte, deren Nachfolger zum Teil noch da sind, warteten auf die Kundschaft aus der Militäranlage.

IMG_9365Wilhelm-Leuschner-Straße 213 – Das Nachbargebäude des Waldschlößchens steht auch auf der Kirschberg-Düne. Diese Lage nutzte man, denn hier ließen sich einfach tiefe Keller anlegen, die man benötigte, um im Sommer hier Lebensmittel frisch zu halten. Unter dem Gebäude liegt ein Gewölberaum, der zu der volkstümlichen Bezeichnung „Felsenkeller“ führte. In unmittelbarer Nachbarschaft wurde noch vor wenigen Jahren ein Fachwerkhaus aus der Zeit um 1900 niedergelegt.

SANYO DIGITAL CAMERAFriedrich-Ebert-Straße 49 – Friedrich-Ebert-Schule. Das Gebäude wurde kurz nach 1900 durch die damalige Gemeinde Griesheim errichtet und steht für den typischen Schulbau der damaligen Zeit. Es zeigt eine eher städtische Architektur.

Über weitere bauliche Zeugen, deren Tage vermutlich gezählt sind, lesen Sie im nächsten Artikel.


Quelle: Müller, Erich und Knapp, Karl: Griesheim. 100 Jahre in Bildern, Griesheim 1999

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