Auf Schienen über den Rhein

Griesheim ist an das Schienennetz der Darmstädter Straßenbahn angeschlossen. Diese bietet aber ausschließlich Fahrten in Richtung Osten an, zumindest außerhalb von Streikzeiten. In Richtung Westen gibt es vier Buslinien, sie fahren z.B. nach Gernsheim, nach Riedstadt, nach Groß-Gerau oder nach Rüsselsheim. Über den Rhein führt keine von ihnen. Man kann lediglich von einer Haltestelle in Geinsheim  oder in Gernsheim eine Rheinfähre zu Fuß erreichen – einen ordentlichen Fußmarsch voraus gesetzt. Dabei war vor mehr als 100 Jahren sogar eine Schienenverbindung von Griesheim nach Rheinhessen im Gespräch.

Sogar mindestens zweimal hatte man das Thema angegangen:

Franz Flach, der sich um die Erforschung der Geschichte von Groß-Gerau sehr verdient gemacht hat, berichtet* über den ersten Ansatz im Jahr 1896. Damals schrieb die Heimatzeitung aus Groß-Gerau in ihrer Ausgabe vom 9. April, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis am Kornsand eine Rheinbrücke errichtet würde. Über diese sollte dann eine Dampfstraßenbahn fahren. Man dachte an eine Verlängerung der Dampfbahn von Darmstadt nach Griesheim. Diese sollte weiter über Büttelborn, Groß-Gerau, Wallerstätten, Geinsheim und Kornsand nach Oppenheim bzw. Nierstein fahren.

Im August 1896 wurde dann noch einmal gemeldet, dass es wohl keine Schwierigkeiten mit den von der Schienentrasse betroffenen Grundstückseigentümern gäbe. Das Projekt wurde angeblich allseitig unterstützt und gefördert.

Man hatte damals nicht nur den Personenverkehr im Sinn. Auch der regionale Güterverkehr war in den Zeiten, als es noch keine LKWs gab, von Interesse. Die Groß-Gerauer erhofften sich den Absatz von Zucker in Rheinhessen, der damals noch in großen Mengen dort produziert wurde. Die rheinhessischen Winzer träumten dagegen von besseren Verkaufsmöglichkeiten ihrer Weine im Ried.

Scheinbar wurde das Projekt aber trotz der Meldungen in der Heimatzeitung nicht weiter verfolgt. Die Idee der Straßenbahnverlängerung taucht wohl jahrzehntelang nicht mehr auf.

Stattdessen gab es wenige Jahre später einen Plan für den Bau einer „richtigen“ Eisenbahn. Griesheim war ja neben der Straßenbahn ursprünglich auch von der Eisenbahn erschlossen. Entlang der heutigen Straßen „Nordend“ und „Am Bahnhof“ führte die Trasse von Darmstadt über Wolfskehlen nach Worms. Leider hat man diese Strecke ab den 1960er Jahren aufgegeben.

1899 untersuchte man, ob man von dieser Strecke einen Abzweig nach Oppenheim errichten könnte. Südlich von Wolfskehlen wäre demnach eine Nebenstrecke nach Westen entstanden. Die Bahn hätte nördlich an Erfelden und südlich an Leeheim vorbei geführt, wo es jeweils einen neuen Bahnhof gegeben hätte.

leeheim_bahn
Auszug aus dem Leeheim-Atlas, der letztes Jahr zur 1250-Jahr-Feier des Ortes gezeigt wurde. Dargestellt ist die Situation 1899, rot eingetragen die Bahnplanungen.

Westlich von Leeheim wäre dann der Rhein erreicht worden. Hier sollten Hafenanlagen entstehen, die die Landschaft ganz sicher ganz anders als heute hätten aussehen lassen. Eine Brücke über den Fluß plante man damals aber nicht. Stattdessen war ein Trajekt, also eine Eisenbahnfähre geplant worden. Das hört sich heute kurios an, war aber um 1900 ziemlich oft üblich. Die Strecke von Darmstadt nach Worms und zu Beginn sogar die Strecke von Darmstadt nach Mainz nutzen ein Trajekt. Bis vor gar nicht allzulanger Zeit gab es noch ein Trajekt über den Bodensee von Friedrichshafen nach Romanshorn in der Schweiz (wo man ja eisenbahntechnisch sowieso das ein oder andere Kuriosum bewundern kann). Wer mit dem Zug nach Kopenhagen will, fährt wahrscheinlich heute noch in Puttgarden auf Fehmarn auf Gleisen auf eine Fähre.

Doch zurück an den Rhein: Auf der anderen Rheinseite wäre dann Oppenheim von Südosten erreicht worden. Nierstein, dass näher an der alten Fährstelle am Kornsand liegt, hätte das Nachsehen gehabt.

Aber auch dieser zweite Ansatz wurde nicht verfolgt. 1907 gab es nocheinmal Überlegungen, Erfelden und Leeheim an das Gleisnetz anzubinden (und damit mit Griesheim und Darmstadt zu verbinden). An eine Rheinüberquerung dachte man aber schon nicht mehr. Stattdessen war eine Ringstrecke angedacht, die über Geinsheim und Trebur Richtung Mainz oder Rüsselsheim führen sollte.


* Franz Flach: Gerauer Geschichten. 600 Jahre Stadt- und Marktrechte, Groß-Gerau 1997

Ein Gedanke zu „Auf Schienen über den Rhein“

Schreibe einen Kommentar