Gefährdete Bauten mit Geschichte

Das Griesheimer Stadtbild lässt kaum erahnen, dass der Ort eine lange und recht spannende Geschichte aufweisen kann. Aus der römischen und fränkischen Epoche ist kein Gebäude erhalten geblieben, auch das Mittelalter ist bis auf einige Bauteile an der Lutherkirche nicht mehr sichtbar vertreten. Die wenigen historischen Gebäude stammen meist aus dem 19. Jahrhundert. Nur wenig ist aus dem 17. und 18. Jahrhundert erhalten. Gerade angesichts der geringen Zahl an Baudenkmalen ist es dabei erstaunlich, dass einige dieser baulichen Zeitzeugen das nächste Jahr oder zumindest das übernächste nicht überdauern werden.

Ein Blick in die Denkmaltopographie des Landkreises macht es deutlich: Von den 564 Seiten dieses Denkmalverzeichnisses handeln gerade einmal 7 Seiten von Griesheim. Warum dies so ist lässt sich zum Teil natürlich erklären:

Griesheim wurde im Laufe seiner Geschichte mehrfach zerstört. Dem Dreißigjährige Krieg (1618-1648) fielen fast alle Einwohner zum Opfer. Vermutlich blieb auch kein Gebäude unbeschädigt. Im Zweiten Weltkrieg wurde vor allem der südliche Teil des alten Ortskernes stark beschädigt, das alte Rathaus und weitere Renaissancegebäude und sehr viele Fachwerkhäuser gingen dabei verloren.

Dies erklärt den Verlust an Bausubstanz aber nur teilweise. Denn gleichzeitig war Griesheim nie besonders wohlhabend. Prächtige Bauten aus langlebigen Baustoffen gab es hier nicht. Die Menschen konnten nur wenig ihres bescheidenen Vermögens in Architektur investieren, viele Jahre ging es eher ums Überleben. Ständig suchte und fand man dabei neue Lebensgrundlagen. War der Ort jahrhundertelang landwirtschaftlich geprägt, entstanden neue Erwerbszweige wie die Torfstecherei, der Samenhandel, dann die Arbeit in der Industrie und schließlich heute die Dienstleistungsgesellschaft. Griesheim wurde dabei regelmäßig neu erfunden, das Alte dabei gerne abgeworfen, war es doch meist schlechter im Vergleich zum Neuen.

Leider ist diese Verwandlung immer auch damit einhergegangen, dass die Spuren der Geschichte getilgt wurden. Sehr viele Fachwerkhäuser, das Backhaus, die alten Schulhäuser wurden abgebrochen und ersetzt. Selbst vor der Landschaft machte die Entwicklung nicht halt. Geschichtsträchtige Sanddünen mit archäologischen Spuren aus der Vorgeschichte wurden eingeebnet und die ehemals feuchte Westgemarkung trocken gelegt.

Das Bewahren von gebauter Geschichte ist natürlich kein Selbstzweck. Baudenkmale sollen uns vielmehr vermitteln, wo wir herkommen, denn nur wer das weiß, kann auch entscheiden, wo er hingehen möchte. Historische Gebäude können darüber hinaus auch identifikationsstiftend wirken und den Charakter eines Ortes prägen – sie stellen einen Teil der sogenannten weichen Faktoren dar, die ein Ort in der Konkurrenz um Bewohner und Gewerbetreibende in die Waagschale werden kann.

Viele historische Bauten sind keine Denkmale im Sinne des Denkmalgesetzes (obwohl diese Liste dringend aktualisiert werden muss!). Daher kann es gelegentlich sinnvoll sein, ein historisches Gebäude zu ersetzen. Es gilt oft: Das Bessere ist der Feind des Guten. Dies muss aber aus meiner Sicht diskutiert werden – und das passiert in Griesheim leider nicht immer.

Aktuell sind einige bedeutsame ältere Bauten in Griesheim gefährdet, die im folgenden kurz vorgestellt werden sollen:

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Die Alte Post an der Ecke Pfungstädter Straße / Hintergasse

Alte Post

Wohl nicht mehr zu retten ist die Alte Post an der Ecke der Pfungstädter Straße zur Hintergasse. Über die Geschichte des Gebäudes habe ich hier bereits vor einiger Zeit geschrieben. Mit dem Gebäude wird das letzte klassizistische Stück Architektur aus Griesheim verschwinden. Eine Sanierung des Hauses mit einer Wiederherstellung der Fassade inkl. der fehlenden Fensterläden hätte hier eine ansprechende Gestaltung entstehen lassen können. Die Architektur des Gebäudes ist zwar recht schlicht. Ob ein Nachfolgegebäude eine höhere Qualität bringen kann, wird noch zu beobachten sein.

Der alte Riedhof (rechts). Links das Nikolosehaus, desses Zukunft gerettet scheint.
Der alte Riedhof (rechts). Links das Nikolosehaus, desses Zukunft gerettet scheint.

Riedhof

Recht prominent am westlichen Ortseingang direkt neben dem Nikolosehaus gelegen ist der sogenannte Riedhof, den viele vielleicht auch als „Goldene Insel“ nach dem ehemaligen chinesischen Restaurant dort kennen. In direkter Nachbarschaft liegt das Nikolosehaus, das zur Zeit restauriert wird und damit erhalten bleiben wird. Dies gilt jedoch nicht für den Riedhof. Seit Jahren wird dessen Abbruch im Rahmen der Neugestaltung des Ortseinganges diskutiert. Durch die mangelnde Bauunterhaltung werden hier zusätzlich Fakten geschaffen.

Wie die Entwicklung wahrscheinlich weitergehen könnte, habe ich hier einmal gezeigt.

Dass es zu dieser städtebaulichen Zumutung auch Alternativen gibt, das können sie hier lesen. Hier gilt, wie oben dargestellt: Der Erhalt des historischen Gebäudes ist denkbar, es gibt aber auch andere Möglichkeiten. Diese kommen aber nur dann in Betracht, wenn Sie die Situation verbessern.

Militärbauten

Die noch vorhandenen Militärbauten in den Griesheimer Konversionsflächen stehen beispielhaft für das schwierige Thema Denkmalpflege. Ein Erhalt scheint hier schon deshalb schwierig, da eine Nutzung fehlt und die Bauten in schlechtem Zustand sind. Dabei gilt dies für Burgruinen auch…

Gleichzeitig stehen die Bauten für den Teil der Griesheimer Geschichte, an den man sich nicht so gerne erinnert: den Militarismus und Nationalismus. Ich sehe hier die Gefahr, dass bei der Ausgestaltung der Konversionsflächen zwar das angenehme Thema Fliegerei und August Euler beachtet werden wird, die Schattenseiten des Quartiers aber unter den Tisch fallen.

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Dabei könnte das oben dargestellte Kasinogebäude durchaus in eine moderne Wohnbebauung integriert werden, wie ich in der folgenden Visualisierung zeige:

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Das Gebäude liegt in der geplante Grünzone und könnte hier als Quartiersmittelpunkt ein Café beherbergen. Theoretisch wäre es möglich, hier im Rahmen der Bürgerbeteiligung, die es angeblich noch geben soll, entsprechende Wünsche zu äußern. Auf der Homepage der Stadt gibt es da aber im Moment leider keine Infos dazu, wie es weitergeht.

Sicherlich verloren sind aber weitere Bauten im Quartier, wie das folgende Bild erahnen lässt.

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Genossenschaftsgebäude St. Stephan

Zum Ende des Artikels will ich mich dann noch einmal auf ganz dünnes Eis begeben. Umstritten ist nämlich auch die Zukunft des Genossenschaftsgebäudes am St.-Stephans-Platz.

IMG_0117Es stellt sicherlich kein Baudenkmal dar, das aus künstlerischen oder städtebaulichen Gründen zu erhalten wäre. Von daher liegt die Idee nahe, hier bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und den öffentlichen Platz an seiner westlichen Seite besser zu fassen.

Auf der anderen Seite ist die Halle trotzdem ein „Bau mit Geschichte“ im Sinne der Artikelüberschrift. Sie erinnert nämlich an die landwirtschaftlich geprägten Anfänge der Siedlung St. Stephan, die heute ansonsten nicht mehr zu erkennen sind.

Zwar ist die Halle optisch am wenigsten „denkmalverdächtig“. Trotzdem findet bei ihr wenigstens eine politische Auseinandersetzung über die Zukunft statt; es hat sich auch eine Bürgerinitiative gegründet, die für den Erhalt arbeitet.

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