Am Abgrund

Atombomben in Griesheim in den 1960ern

In Zeiten wie diesen wird einem für kurze Momente klar, wie zerbrechlich womöglich all das sein könnte, was wir so um uns herum als normal und unerschütterlich sehen. Dabei ist das Spiel mit dem Feuer in einer Welt, der militärische Mittel zur Verfügung stehen, die wir uns in ihrer Wirkung kaum ausmalen können, eines, dass man besser unterließe. Und man sollte sich auch gut die Gründe überlegen, warum neuerdings so viele trotzdem mit dieser Gefahr sympathisieren.

Die Werkzeuge, die der Menschheit den Untergang bringen könnten, sind dabei gar nicht unerreichbar weit weg. In Griesheim waren zum Beispiel in den 1960er Jahren Atomraketen stationiert. Der Abgrund war damals zum Greifen nahe.

Ich hatte in meinem Artikel über den Windkanal im Griesheimer Südosten ja bereits darüber geschrieben: Neben den vielen guten Geschichten über Technik und Flugpioniere gibt es von dort auch sehr viele schreckliche Geschichten zu erzählen. Sie alle hängen mit der unseligen militärischen Nutzung zusammen, die erst seit wenigen Jahrzehnten ein Ende gefunden hat.

Zweimal haben auch die Vorgänge auf dem „Griesheimer Sand“ dazu beigetragen, Weltkriege beginnen und führen zu können. Und zweimal richteten sich hier die Sieger ein. Nach dem Ersten Weltkrieg die Franzosen und nach dem Zweiten die Amerikaner.

An den Zweiten Weltkrieg schloss sich direkt der sogenannte „Kalte Krieg“ an, die Konfrontation zwischen Ost und West. Glücklicherweise brach dieser Krieg niemals aus. Angesichts der in großen Mengen zur Verfügung stehenden Atombomben wäre das der Untergang der Menschheit gewesen. Vielleicht hat gerade aber diese Konsequenz die Mächtigen davon abgehalten, den berühmten Knopf zu drücken. Es ist ein kaum zu ertragender Gedanke, dass die schlimmste aller Waffen für einen lang anhaltenden Frieden gesorgt haben könnte.

Ebenso kaum zu ertragen sind die militärischen Denkweisen, die sich aus dem Besitz der Atombombe ergeben haben. Eine davon führte zur Stationierung von drei Atomraketenstellungen in Griesheim:

Während des „Kalten Krieges“ gingen die westlichen Staaten, die in der NATO verbündet sind, davon aus, dass ein Angriff des Ostblockes nicht nur über dem Landweg erfolgen würde. Man vermutete auch, dass parallel ein Angriff aus der Luft kommen würde. Die in großer Höhe fliegenden Bomber hätten dabei vermutlich auch Atombomben getragen.

Um diese Flugzeuge aufzuhalten, wurde ein Flugabwehrraketensystem entwickelt. Man nannte es Nike Hercules. Heutige Computer standen Anfang der 1960er Jahre nicht zur Verfügung. Die Raketen konnten daher die sich ja bewegenden Ziele nicht sicher anpeilen und würden ihre konventionellen Sprengstoff womöglich detonieren lassen, ohne die gegnerischen Flugzeuge zu beschädigen. Deshalb kam man auf die Idee, die Raketen stattdessen mit Atombomben zu bestücken, deren viel größerer Zerstörungsradius die Zielungenauigkeit ausgleichen sollte…

Die NATO stationierte mit diesem Konzept entlang der Grenze zwischen West und Ost Dutzende von Rakentenabschussbasen, von Island bis in die Türkei. Auf dem Griesheimer Flugplatz wurden drei von diesen Basen angelegt. Im Luftbild sind sie bis heute zu erkennen.

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Blick auf den Griesheimer Flugplatz von Osten. Im Vordergrund die Autobahn vom Darmstädter Kreuz nach Mannheim. Rot markiert die ehemaligen Raketenabschlussbasen.

Übrigens waren die Raketen nicht dazu gedacht, die anfliegenden Bomber noch auf gegnerischem Boden zu zerstören. Ihre Reichweite lag lediglich bei 30 bis 150 Kilometern. Die in Griesheim abgeschossenen Atombomben wären also über Hessen oder Bayern zur Zündung gebracht worden.

Ende der 1960er Jahre wurden die Raketen auf das nichtatomare System „Hawk“ umgestellt.

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