Die Königswahl bei Leeheim

Im Gegensatz zu unseren Vorfahren können wir uns heute glücklich schätzen, denn wir dürfen wählen. Ob Bürgermeister, Gemeindeparlamente, Kreistage, Landräte, Landtage, den Bundestag und das Europaparlament – alle diese Institutionen werden von uns, den Bürgern, durch Wahl bestimmt. Leider gibt es viele Zeitgenossen, die freiwillig auf dieses Mitbestimmungsrecht verzichten, einige sind da sogar stolz darauf. Dabei wird leider vergessen, wieviele Jahrhunderte, wieviel Blut und wieviel Mühen es gekostet hat, dass wir heute in einer Republik leben dürfen, in der ein Großteil der Erwachsenen das Wahlrecht besitzt.

Vor etwas mehr als 100 Jahren gab es Könige, Herzöge und Grafen, die über das Schicksal des Landes bestimmten. Sie wurden weder gewählt noch wenigstens von irgendjemandem bestimmt, sie bekamen ihr Amt durch ihre Herkunft, durch ihre Geburt.

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Frankfurt am Main war spätestens seit 1356 Wahl- und Kröungsort der deutschen Könige.

Im Mittelalter dagegen gab es wenigstens die Tradition, dass der König gewählt wurde. Allerdings hatte dieser Vorgang wenig mit unseren heutigen republikanischen Standards zu tun. Gewählt werden konnten nur Männer, die eine erlesene Herkunft und exzellente Verbindungen zu den wichtigsten Persönlichkeiten des Reiches vorweisen konnten. Und Wahlrecht besaßen nur einige wenige Männer, die die höchsten Ämter des Reiches bekleideten. Wie so eine Wahl beispielsweise ausgesehen hat, soll am Beispiel der Königswahl von 1024 gezeigt werden.

Man sagt ja, dass in Griesheim nie ein Ereignis von nationaler oder internationaler Bedeutung stattgefunden hat. Auch wenn alles relativ ist und man das so eigentlich nicht sagen kann (sonst bräuchte ich diesen Blog nicht zu betreiben), muss man aber sagen: Stimmt. In der direkten Umgebung ist das aber anders. So hat zum Beispiel bei Leeheim die Wahl Konrads des Zweiten zum deutschen Königs stattgefunden.

Eigentlich muss man etwas genauer werden. Die Wahl fand in Camba statt. Camba war vermutlich ein Königshof, der als „Villa Camben“ 865 das erste mal erwähnt wurde. Er lag wohl auf der Gemarkung von Riedstadt – Leeheim, und zwar westlich des heutigen Ortes direkt am Rhein gelegen. In der Ersterwähnung wird ein Rheinhafen genannt.

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Karte von Leeheim und Umgebung im Jahr 1024. Kamba ist hier neben anderen nicht mehr existenten Ortschaften eingetragen. Leeheim hieß damals „Leheim“, Erfelden hieß „Ereueldon“.

Unter einem Königshof darf man sich keinesfalls einen Palast oder eine besondere Burg vorstellen. Vielmehr handelte es sich um einen größeren landwirtschaftlichen Betrieb, der mehrere untergebene Höfe und Ländereien mitverwaltete. Königshöfe besaßen damit die wirtschaftlichen Voraussetzungen, den umherziehenden König oder andere hohe Persönlichkeiten zu beherbergen und mit Nahrung und sonstigen Gütern zu versorgen. Sie waren keine Residenzen, das waren die Kaiserpfalzen. Diese waren vereinfacht gesagt auch Königshöfe, die aber repräsentative Wohngebäude besaßen.

In Südhessen sind zahlreiche Königshöfe belegt, z.B. Gernsheim, Trebur und Groß-Gerau, dem übrigens Griesheim zugeordnet war. Warum 1024 entschieden wurde, die Königswahl ausgerechnet in Camba abzuhalten, ist nicht so ganz klar. Es muss aber mit Aribo, dem Bischof von Mainz, zu tun haben. Er war nicht nur als einer der wenigen Männer im Reich wahlberechtigt, er hatte auch die Pflicht, die Wahl einzuberufen und zu leiten. Vermutlich musste diese aber an einem „neutralen“ Ort stattfinden und nicht in „seiner“ Stadt. Camba war vermutlich mit dem Schiff von Mainz gut zu erreichen, auch wenn dies bedeutete, dass man das Schiff flussaufwärts schleppen musste.

Andere Wahlberechtigte waren die mächtigsten Männer des Reiches, z.B. der Erzbischof von Köln und der Herzog von Lothringen.

Zur Wahl standen zwei Kandidaten, beide mit dem Namen Konrad. Dass es mehr als einen Kandidaten gab, unterschied diese „Wahl“ von den meisten vorhergehenden „Wahlen“. Dabei wurde eigentlich immer der Sohn des verstorbenen Königs gewählt. Dies ging nun nicht, da der verstorbene König Heinrich II. keinen Nachfahren hatte.

Gesucht wurden also Kandidaten, die mit den vorhergehenden Königen möglichst nahe verwandt waren. Es verwundert dann wohl nicht, dass die beiden gefundenen Kandidaten Vettern waren. Und beiden hießen auch noch Konrad.

Konrad war damals übrigens so ziemlich der beliebteste männliche Vorname neben Heinrich. Daher kommt das Sprichwort „Hinz und Kunz“ für „alle möglichen“. Hinz und Kunz waren Koseformen von Heinrich und Konrad. Das nur nebenbei…

Man unterschied deswegen die Kandidaten in Konrad den Jüngeren und Konrad den Älteren. Das Wahlgremium diskutierte die Vor- und Nachteile der beiden. Vermutlich stimmten Eignung und politisches Programm dabei eher keine Rolle. Schließlich entschied man sich am 4. September 1024 für Konrad den Älteren, weil er durch seine Frau mit Karl dem Großen, dem Vorbild aller nachfolgenden Herrscher, näher verwandt war und weil er einen Sohn von sieben Jahren hatte. Man sah darin die Chance, dass durch Konrad eine neue Dynastie von Königen begründet werden könnte. Anders formuliert: die Wähler wählten den Kandidaten, bei dem es eher wahrscheinlich war, dass es bei dessen Tod wieder nur einen Kandidaten zur Nachfolge geben würde, man also endlich wieder keine Aus-Wahl haben müsste. Das will ich einmal unkommentiert lassen…

Übrigens ist es dann auch so gekommen. Konrad wurde vier Tage später in Mainz zum König gekrönt und herrschte nun als Konrad II. bis 1039. Sein Sohn übernahm als Heinrich III. den Thron. Die Zeit der Dynastie der „Salier“ hatte begonnen und das Wählen wurde für lange Zeit zur reinen Formsache.

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Leeheim und Umgebung heute. Gleicher Kartenausschnitt und Maßstab wie oben.

Camba wurde vermutlich durch ein Rheinhochwasser oder eine Verlagerung des Stromes, der über Jahrhunderte immer wieder seinen Lauf veränderte, zerstört. Letztmals taucht ein „Hof zu Camben“ 1190 auf. Es wird vermutet, dass im Namen der heutigen „Kammerhöfe“ westlich von Leeheim zumindest der Name fortlebt.

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Pumpwerk bei den Kammerhöfen. In der Fassadenmitte das im Text erwähnte Relief, dass den Kaiser Konrad II. zeigt.

An einem Pumpwerk auf dem Rheindeich westlich der Kammerhöfe wird durch ein Relief an der Außenfassade an das Ereignis von 1024 erinnert. Neben diesem Blick in die Vergangenheit gibt es dort aber auch einige futuristische Bauten: Diese Funkmesstelle für Weltraumfunk dient der Erkennung und Verfolgung von Satelliten und wird von der Bundesnetzagentur betrieben.

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Die Funkmessstelle für Weltraumfunk

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