Die E35 Amsterdam – Griesheim – Gotthard – Rom

oder: Wie eine Brücke die Welt verändern kann

Achtung: In diesem Artikel wird das Motto von stadtlandsand.de „Griesheim und Umgebung“ ein wenig ausgereizt. Daher muss ich auch eine etwas konstruierte Herleitung wählen, um Ihnen diese Geschichte, die mich ziemlich beeindruckt hat, unterzujubeln.

Griesheim liegt an zahlreichen Verkehrswegen. Die meisten kennt man auswendig: da ist die A5 von Frankfurt nach Basel, die A67 vom Mönchhofdreieck nach Mannheim oder die B26 von Riedstadt nach Bamberg. Die Nummer der Landesstraße von Büttelborn nach Bickenbach (L3303), die ebenfalls durch Griesheim führt, kennt so gut wie keiner. Was aber nicht allzu schlimm ist. Auch nicht besonders schlimm, aber dann doch irgendwie schade ist aber, dass die Bezeichnung des mit Abstand wichtigsten Verkehrsweges auf Griesheimer Stadtgebiet auch niemand kennt: die E35.

Neben der nationalen Nummerierung gibt es in Europa noch ein System von Europastraßen. Diese bezeichnen besonders wichtige internationale Verbindungen. In Deutschland spielen diese Bezeichnungen allerdings nahezu keine Rolle. Sie tauchen nur auf den Kilometerschildern an den Autobahnen auf. Dabei ist die E35 eine der wichtigsten Verbindungen auf dem Kontinent: Sie führt von Amsterdam über Köln, Griesheim, Basel, Luzern, Mailand und Florenz nach Rom (wo in Wirklichkeit gar nicht alle sonstigen Straßen hinführen).

Die E35 stellt dabei die wichtigste Route aus den Niederlanden, dem westlichen Deutschland und dem östlichen Frankreich nach Italien dar. Erstaunlicherweise gibt es die Strecke nicht schon seit der Römerzeit. Und damit ist jetzt natürlich nicht das aktuelle Erscheinungsbild als durchgehende Autobahn gemeint, sondern auch die Vorläufer als Landstraße bzw. Saumpfad in den Alpen.

Die Trasse gibt es erst seit der Mitte des 13. Jahrhunderts und das liegt an folgendem: Herzstück der Trasse und zugleich Nadelöhr ist nämlich der Gotthardpass, der seit 1882 durch einen älteren Eisenbahntunnel, seit 1980 durch einen Straßentunnel und seit 2016 durch einen neuen Eisenbahntunnel unterquert wird. Vor dem Bau der Tunnels gab es aber nur die Möglichkeit, die Berge zu überqueren.

Von Norden folgt man dazu einer Route durch das Schweizer Mittelland nach Luzern, dann entlang dem Vierwaldstättersee nach Südosten. Ab hier geht es durch das Reusstal bis auf 2106m ü. NN. Ab dem Paß muß man an einer Talflanke auf kurzer Strecke etwa 1300 Höhenmeter hinab ins Tal des Ticino. Der Ticino fließt irgendwann in den Lago Maggiore hinein und auch wieder hinaus. Von diesem Auslauf ist es nicht mehr besonders weit nach Mailand. Die Autobahn nimmt heute allerdinsg teilweise einen anderen Weg.

Der Gotthardpass selbst ist, solange die Temperaturen nicht zu tief liegen, nicht allzu schwierig zu begehen. Die Römer hätten also keine Schwierigkeiten gehabt, hier eine Straße anzulegen, wie sie das bei anderen Pässen über die Alpen, zum Beispiel am Brenner in Tirol auch gemacht haben.

Ein lange fast unüberwindliches Hindernis stellte aber die Schöllenenschlucht nördlich des Passes dar. Die Reuss, die am Gotthard entspringt, umfließt hier auf ihrem Weg zum Vierwaldstättersee S-förmig einen Fels (Chilchberg), dessen Südflanke zum Fluss hin fast senkrecht abfällt. Das gegenüberliegende Ufer ist zwar nicht senkrecht geneigt, die massiven schräg gestellten und ziemlich glatt polierten Gesteinsformationen dort stellen aber eher eine Rutsche ins Verderben dar, anstatt eine Möglichkeit, hier einen Weg anzulegen. Wie sich das ganze ursprünglich dargestellt hat, habe ich in folgender Fotomontage (das Original stammt aus der Wikipedia) dargestellt:

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Die Schöllenenschlucht von Osten, Fotomontage des ursprünglichen Zustandes. Bildquelle Wikipedia, bearbeitet von dejot. Der Chilchberg in der Bildmitte ist ein unüberwindliches Hindernis auf dem Weg von Süden nach Norden.

Wie man sieht, ist der von der Reuss umflossene Felsen ein ziemliches Hindernis. Leider sieht das gegenüber liegende Ufer nicht besser aus, wie man hier sieht:

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Blick, der in dem oberen Bild mit dem gelben Pfeil markiert ist

Wie gesagt, bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts wagten sich hier so gut wie niemand hindurch. Der Warenverkehr ging über andere Pässe, die viel weiter westlich oder östlich lagen. Um diese zu erreichen, waren längere „Umwege“ nötig. Im Reusstal zwischen der Schöllenenschlucht lebten nur wenige Menschen ein kärgliches Bergbauerndasein. Ihr Land nannten sie „Uri“, und es war so arm, dass keine fremden Mächte Interesse an ihrem Tal hatten. Die Urner führten daher ein bescheidenes Eigenleben.

Irgendwann nach 1200 kam dann aber ein Schmied aus Uri auf die Idee, an die Südseite des Chilchberges einen Weg an Eisenketten aufzuhängen um eine Verbindung zwischen Uri und dem Gotthardpass herzustellen. Wie dieser Weg, der Twärrenbrücke genannt wurde, genau ausgesehen hat, ist heute nicht mehr festzustellen. Sie mündete aber in die Teufelsbrücke, die etwa 1230 aus Holz errichtet wurde und die Reuss passierte.

Man kann sich das Ganze wohl als ziemlich abenteuerliche Konstruktion vorstellen. Den ungefähren Verlauf habe ich hier in das Luftbild von oben eingetragen.

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Die Schöllenenschlucht von Osten, Fotomontage des ursprünglichen Zustandes mit der mittelalterlichen Passstraße. Bildquelle Wikipedia, bearbeitet von dejot.

Trotz seiner Gefährlichkeit muss dieser neue Weg ziemlich viele Vorteile gehabt haben: Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich hier oben beschriebene wichtigste Alpenpassage zwischen Westdeutschland und Italien. Und damit änderte sich der Verlauf der Geschichte. Die Urner in ihrem vorher einsamen Tal saßen nun an einer europäischen Magistrale. Und das nutzten sie aus.

Zum einen bot die Straße Einnahmen in Form von Zöllen. Zum anderen bot sie neue Erwerbsmöglichkeiten als „Säumer“, das sind die Personen die Waren und Personen hoffentlich sicher über die Saumpfade zur Teufelsbrücke und über den Gotthard leiteten.

Mit dem Reichtum kam auch Macht. Die Versuche der österreichischen Habsburger, die nun plötzlich Interresse an der Region hatten (warum nur?), konnten militärisch niedergeschlagen werden. Man suchte sich Verbündete und fand diese in nördlicher Nachbarschaft. Unterwalden am Südufer des Vierwaldstättersees und das Städtchen Schwyz am Ostufer kontrolllierten den Zugang nach Uri von Norden aus. Gemeinsam konnte man vom neuen Verkehrweg profitieren und schloss mehrere Bündnisse, von denen als ältestes Dokument der Bundesbrief von 1291 erhalten ist. Die drei „Waldstätte“ wie sich die Bündnispartner nannten schlossen 1315 ein Bündnis mit der Stadt Luzern als vierte „Waldstatt“. Von diesen vier Waldstätten hat der See übrigens seinen Namen erhalten. Ihre Eidgenossenschaft, die nach dem Ort Schwyz, der ersten stadtartigen Siedlung, die sich dem Bündnis angeschlossen hatte, benannt wurde, bildete den Grundstock für die heutige Schweiz.

Die Twärrenbrücke übrigens bestand bis 1707, ein Hochwasser riss sie damals weg. Sie wurde durch eine in die Felswand eingebrochene Straße und den ersten Tunnel der Schweiz, das Urnerloch, ersetzt.

Die Teufelsbrücke wurde 1595 durch eine steinerne Konstruktion ersetzt, die 1888 einstürzte. Schon vorher, nämlich 1830, wurde eine zweite Brücke errichtet, die man heute noch sehen kann. 1917 wurde die Straße durch eine Eisenbahnstrecke begleitet. Die Situation nach dem Bau der Bahn mit der zweiten Teufelsbrücke kann man auf folgendem Bild sehen (das ist das Original aus der Wikipedia ohne Veränderungen):

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Die Schöllenenschlucht von Osten, Zustandes vor 1958. Bildquelle Wikipedia.

Über diese Verbindung quälten sich bis 1958 sogar Reisebusse nach Italien. Ab dann vereinfachte man die Situation durch den Bau der dritten Teufelsbrücke, die in Kombination mit einem neuen Tunnel die voher schwierige Situation relativ gradlinig und fast etwas respektlos überwindet. Das ganze sieht aber trotzdem von außen noch beeindruckend aus, wie man auf dem Titelbild sehen kann.

Wer also von Griesheim nach Italien unterwegs ist, sollte sich die Zeit nehmen, sich die Schöllenenschlucht (benannt nach den Treppen, die früher zur ersten Teufelbrücke hinunterführten (Schöllenen von lat. Scalineae = Treppe)) und die beiden Teufelsbrücken einmal anzuschauen. Dabei kann man sich neben der Bewunderung der Natur und der technischen Leistung auch einmal klarmachen, welche Bedeutung Straßenverläufe haben können.

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Die E35 (A67) auf Griesheimer Stadtgebiet. Nicht mehr ganz so spektakulär wie in den Alpen…

Die E35 bzw. die Autobahn haben auch Griesheim geprägt und zu seinem Wohlstand beigetragen, auch wenn dies weltgeschichtlich keine Auswirkungen hatte. Sie ist Fluch und Segen zugleich: Fluch, weil ihr Lärm die Griesheimer im Osten der Stadt belastet und Segen, weil sie für die gute wirtschaftliche Lage unserer Region eine Grundlage bildet.

2 Gedanken zu „Die E35 Amsterdam – Griesheim – Gotthard – Rom“

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