Vier Kreuze

Zwei Autobahnkreuze, eine Kreuzung im Wald, ein Altstadtplatz und jede Menge Verbindungsstraßen und -wege.

Heute ist Sonntag, der 9.10.2016. Die Bürger der erstaunlichsten Stadt des Universums (Griesheim) haben heute die Möglichkeit, eine Bürgermeisterin oder einen Bürgermeister zu bestimmen, die oder der ab 2017 die Geschicke der Stadt mitbestimmen wird. Meine Empfehlung an diejenigen unter Ihnen, die wahlberechtigt sind, lautet: Nutzen Sie die Chance und machen Sie ein Kreuz. Am besten an der Stelle auf dem Wahlzettel, die Sie für richtig halten.

An diesem hochpolitischen Tag will ich Sie aber darüberhinaus noch mit ein paar unpolitischen Informationen über Griesheim quälen – es geht um vier ganz andersartige Kreuze in und um Griesheim.

Fangen wir mit dem bekanntesten unter den vier Kreuzen an: Dem Darmstädter Kreuz.

stadtplan_darmstaedter_kreuz
Plan des östlichen Griesheims mit dem Darmstädter Kreuz

Am Darmstädter Kreuz treffen sich seit den 1970er Jahren zwei Autobahnen: Die A5 (Frankfurt-Basel) und die A67 (Mönchhofdreieck – Viernheim). Obwohl der Name anderes verlautet, kreuzen sich die beiden Fernstraßen gar nicht. Denn im Gegensatz zu so ziemlich allen anderen Autobahnkreuzen der Republik laufen sie nicht geradlinig durch das Bauwerk, sie biegen beide ab. Die A67 kommt von Nordwesten und „biegt“ nach Süden ab. Die A5 kommt von Norden und biegt nach Südosten ab. Wenn man das Kreuz einfach geradeaus durchfährt, wechselt man die Straßennummer. Das Bauwerk ist übrigens etwas älter als die Nummerierung der Straßen, die 1975 eingeführt wurde. Vor dem Bau existierte nur die Autobahn in Nordsüdrichtung, die ab 1936 Mannheim mit Frankfurt verband. An der Kreuzung dieser Straße mit der Wilhelm-Leuschner-Straße (Griesheim) bzw. Rheinstraße (Darmstadt) gab es eine einfache Ausfahrt. Kurioserweise war diese aus Richtung Süden mit „Darmstadt / Mainz“ bezeichnet. Griesheim wurde damals noch nicht genannt, wichtiger war es auf einer Fernstraße auch Fernziele anzugeben. Wer aus Richtung Mannheim kam, konnte damals über die Reichstraße 26 nach Groß-Gerau und von dort weiter nach Mainz gelangen. Die R26 ist heute von der A67 überbaut. Die heutige B26 wurde deshalb umgelegt und führt seither (unglücklicherweise) mitten durch Griesheim und weiter nach Wolfskehlen.

Zum Darmstädter Kreuz gibt es noch etwas Besonderes zu berichten: Da die beiden Autobahnnummern „abbiegen“ und da die durchlaufenden Straßen sich nicht im rechten Winkel kreuzen, sind zahlreiche Abbiegemöglichkeiten nicht vorhanden. So gibt keine Verbindung von Frankfurt zum Mönchhofdreieck und umgekehrt sowie keine Verbindungen von Heidelberg nach Mannheim (und auch umgekehrt).

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Gleicher Ausschnitt wie zuvor: Die Situation ca. 1936. Die Reichsstraße 26 führt von Darmstadt Richtung Griesheim, biegt dann aber nach Nordwesten ab. Diese Straße ist heute von der A67 überbaut.
nordkreuz
Das Darmstädter Nordkreuz (ehemals Autobahnkreuz Darmstadt / Griesheim) aus der Luft, Blick nach Osten.

Das Darmstädter Nordkreuz, an dem sich die A5 und die A672 wirklich kreuzen, existiert erst seit 2016. Das Bauwerk selbst ist zwar deutlich älter. Es wurde zur gleichen Zeit wie das Darmstädter Kreuz eingeweiht. Seit dieser Zeit hieß es allerdings „Autobahnkreuz Darmstadt / Griesheim“. Diese Bezeichnung führte allerdings zu Verwirrungen. Entlang der A672, der kürzesten Autobahn Deutschlands, existierten nur drei Ausfahrten bzw. Kreuzungen. Sie beginnt am „Autobahndreieck Darmstadt / Griesheim“, führte dann über das „Autobahnkreuz Darmstadt / Griesheim“ und endete an der „Anschlussstelle Darmstadt / Griesheim“ bei der die A672 in die B26 überging bzw. immer noch geht. War auf der Straße einmal Stau, dann konnte man folgende Verkehrsmeldung im Radio hören: „A672 Dreieck Darmstadt / Griesheim Richtung Darmstadt / Griesheim: Zwischen dem Autobahnkreuz Darmstadt / Griesheim und der Anschlussstelle Darmstadt / Griesheim gibt es zwei Kilometer Stau.“ Ich wette, dass niemals irgendjemand kapiert hat, wo dieser Stau denn nun wirklich war. Ob allerdings die Umbenennung in Darmstädter Nordkreuz alle Unklarheiten beseitigt, sei einmal dahingestellt. Zumindest hat aber Griesheim seinen Anteil an dem Kreuz, das zu kleineren Teilen ja auch auf seinem Stadtgebiet liegt, zumindest namentlich verloren.

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Das Darmstädter Nordkreuz, die A672 und ihre dre Ausfahrten

Das nächste Kreuz um Griesheim liegt im Süden, schon auf Pfungstädter Gebiet. Hier kreuzen sich zwei Landesstraßen: Die L3303 Büttelborn-Griesheim-Bickenbach kreuzt sich mit der L3097, die von Rodgau über Darmstadt nach Pfunstadt-Hahn führt. Die Kreuzung trägt den Namen „Pfungstädter Kreuz“. Die Namensgebung ging offensichtlich von Darmstadt oder von Griesheim aus. In Pfungstadt gibt es mehrere wichtige Kreuzungen, man hätte als Pfungstädter sicherlich einen anderen Namen ausgewählt. Zumindest zeigt er aber sehr schön: Es müssen sich nicht immer Autobahnen kreuzen, um ein Kreuz zu erzeugen. Viele Kreuzungen im Odenwald tragen ebenfalls den offiziellen Namen Kreuz. Bekanntestes Beispiel ist dort das Gumpener Kreuz. Das eigentlich ein Dreieck ist. Aber da wollen wir nicht so spitzfindig sein und kommen…

…gleich zum nächsten Kreuz. Dem Kreuz.

IMG_0312Gemeint ist die volkstümliche Bezeichnung des heutigen Jean-Bernard-Platzes in der Griesheimer Altstadt. Hier treffen fünf Straßen aufeinander:

  • Die Groß-Gerauer-Straße von Norden, die historisch tatsächlich einmal nach Groß-Gerau führte.
  • Die Frankfurter Straße von Nordosten, die in alten Karten als „Geleitstraße“ bezeichnet wird. Sie führt als Feldweg nach Braunshardt und Worfelden und von dort bis heute als Landstraße Richtung Frankfurt am Main.
  • Die Darmstädter Straße von Osten. Sie stellt die historische Verbindung in die Nachbarstadt dar und wurde im 19. Jahrhundert durch die Wilhelm-Leuschner-Straße ersetzt.
  • Die Groß-Gerauer-Straße von Süden, die wenige hundert Meter weiter dann Pfungstädter Straße heißt und früher auch dorthin führte (zumindest mit dem Fahrrad kann man diese Tour noch nachvollziehen, wenn man im Neubaugebiet Süd, das den Verlauf der Pfungstädter Straße unsinnigerweise unterbricht, richtig abbiegt und in den Griesheimer Dünen nicht steckenbleibt.
  • Bleibt noch die Straße aus Richtung Westen: die Kreuzgasse. Sie stellt die Verbindung zum ältesten Teil Griesheims rund um die Pfützenstraße her.

Früher lag das Kreuz am Rand der Bebauung Griesheims. Bevor die fortscheitende Bebauung einiges aüberbaute, führten weitere Wege aus Richtung Nordost zum Kreuz. Es gab des Kreuzweg, der eine Verbindung zum Gehaborner Hof darstellte, genauso wie der Gehaborner Weg über eine Alternativroute. Ersterer ist zumindest im Stadtwald noch erhalten. Außerdem gab es den Weiterstädter Weg und einen direkten Weg nach Braunshardt.

Sie alle steuerten das Kreuz an. Der Name „Kreuz“ und „Kreuzgasse“ kann daher auf zwei verschiedene Arten interpretiert werden:

Gemäß der regionalen Tradition kann tatsächlich die Kreuzung gemeint sein, ich halte das für sehr wahrscheinlich. Denkbar ist aber auch, wie Karl Knapp schreibt, dass es sich um einen alten Prozessionsweg handelte, der vom Kreuz über den Kreuzweg zur Filiale des Klosters Eberbach (Gehaborner Hof) geführt hat. In katholischen Ortschaften gibt es bis heute noch Kreuzwege, an denen Stationen des Leidensweges Christi´ aufgebaut sind, und die am Karfreitag abgeschritten werden. Griesheim war ja vor der Reformation logischerweise auch ein katholischer Ort gewesen.

Über die Bebauung rund um das Kreuz finden Sie übrigens hier Informationen.

Und wenn Sie sich die absolut berechtigte Frage stellen, warum sich so viele Wege ausgerechnet hier getroffen haben, dann müssen Sie sich bis zur Antwort noch ein bißchen gedulden.

Verraten werden kann aber schon: Der offizielle Name des Platzes erinnert an Jean Bernard, der Bürgermeister von Bar-le-Duc, der Griesheimer Partnerstadt, war. Er hat sich sehr verdient gemacht um die Freundschaft zwischen den beiden Orten.

2 Gedanken zu „Vier Kreuze“

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