Die Ersterwähnung als griezheim

Am 14. Juni 1165 wurde Griesheim das erste Mal erwähnt. 2015 wurde deshalb das 850jährige Jubiläum dieses Ereignisses gefeiert. Doch Griesheim ist viel älter.

Die Lutherkirche
Ob die Lutherkirche an der Stelle der 1165 erwähnten Kirche steht ist leider nicht bekannt

Die Ersterwähnung fand mit der Ausfertigung einer Urkunde statt. 1165 schenkten die Grafen von Wertheim am Main ihren Ort „griezheim“ dem Kloster Bronnbach, gelegen in der Nähe von Wertheim. Dort wird die Urkunde heute noch aufbewahrt. Der Originaltext in lateinischer Sprache spricht von „griezheim cu ecclia eiusde loci“. Dies wird mit „die Kirche und das Dorf Griezheim“ übersetzt. Lateinisch habe ich nie gelernt, ich vermute aber, daß diese Übersetzung nicht ganz richtig ist. So ist Loci nicht unbedingt mit Dorf zu übersetzen, es kann auch nur Ort bedeuten. Vielleicht kann hier jemand aus der Leserschaft weiterhelfen? (Bitte beachten Sie hierzu unbedingt den unten anhängenden Kommentar!)

Eine Ersterwähnung ist nur dann mit der Ortsgründung gleichzusetzen, wenn dies in der entsprechenden Urkunde auch so festgehalten wurde. Bei einigen Stadtgründungen im Mittelalter ist das zum Beispiel so. Bei Griesheim aber ist dies nicht der Fall. Die Urkunde spricht ja von einer Kirche. Diese wird vor 1165 gebaut worden sein und vor diesem Kirchenbau wird es auch etwas gegeben haben, daß den Bau der Kirche rechtfertigte, also einen Ort mit einer bestimmten Größe / Einwohnerzahl oder wenigstens einen Hof, dessen Besitzer wohlhabend genug war, um für sich und sein Gesinde eine Kirche bauen zu lassen.

Auch der Ortsname selbst ist ein deutlicher Hinweis. Wäre der Ort erst im 12. Jahrhundert gegründet worden, so hätte der Name wahrscheinlich anders gelautet. In dieser Zeit sind z.B. Endungen auf -hausen üblicher, den vorderen Teil bilden häufig Namen von Personen oder deren Titel (Beispiel: Gräfenhausen). Die Orte mit -heim- Endungen sind dagegen viel älter, die meisten in unserer Gegend wurden bereits im 8. Jahrhundert erwähnt. Auffällig ist bei den -heim-, aber auch bei den anderen Ortsnamen, daß sich der vordere Namensbestandteil dabei so gut wie nie auf eine Person bezieht, sondern Naturbeschreibungen gewählt wurden:

  • Leeheim von Lee = Schutz
  • Dornheim und Dornberg von den dort wachsenden Dornensträuchern
  • Berkach von der mit Birken bewachsenen Aue
  • Gerau von gären / sprudeln und Aue
  • Otterstett (ein ausgegangener Ort zwischen Griesheim und Büttelborn) von den Ottern
  • Haselaha (ein ausgegangener Ort südlich von Griesheim) von der mit Haselsträuchern bewachsenen Aue
  • Weiterstadt (widerestat) vom Widder
  • Eberstadt vom Eber

Griesheim paßt, wie berichtet, auch in diese Reihe. Es ist daher gut möglich, daß der Name daher aus einer ähnlichen Zeit stammt.

Es wird vermutet, daß Griesheim dem schon früh (910 n. Chr.) erwähnten Königshof Gerau zugeordnet war. Wenn das Land tatsächlich direkt dem König unterstand, dann wären die Naturnamen damit auch begründet: Im frühen Mittelalter hätte niemand der dort lebenden Verwalter des Landes es gewagt, seinen Namen in einer Ortsbezeichnung zu verewigen. Das passiert erst später. Und weiter würde diese Zugehörigkeit zu dem Königsgut auch die späte Erwähnung begründen. Solange Griesheim Teil des Königsgutes war, gab es überhaupt keinen Grund, den Ort eigenständig zu erwähnen. Erst später wird Griesheim wohl aus dem Besitz des Königs herausgelöst und wechselt dann öfter den Besitzer. Solche Ereignisse wurden in Urkunden festgehalten.

Übrigens sprechen zahlreiche archäologische Funde dafür, daß Griesheim schon lange vor 1165 besiedelt waren. Funde aus der Vorgeschichte und aus der römischen Epoche und die Entdeckung eines  reichhaltigen fränkischen Gräberfeldes aus dem frühen Mittelalter belegen dies. Ob letzteres aber zu einem Ort oder einem Hof gehörte, der Griesheim genannt wurde, lässt sich leider nicht sagen.

3 Gedanken zu „Die Ersterwähnung als griezheim“

  1. In der Schenkungsurkunde von 1165 findet man noch recht leicht die Erwähnung Griesheims. Doch schon den direkten Kontext kann ich nicht einmal zweifelsfrei lesen, geschweige denn übersetzen. Das mag daran liegen, daß die Versuche meiner Schule, mir das Klassische Latein nahe zu bringen, nicht immer zu beiderseitiger Zufriedenheit verliefen. Eine zusätzliche Schwierigkeit ergibt sich aber auch dadurch, daß das Latein des Mittelalters sich von unserem Schullatein unterscheidet. Denkbar schlechte Ausgangsbedingungen für eine Übersetzung. Ich versuche es dennoch. Mögen mich kompetentere berichtigen.

    Eines der Privilegien, die man als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches im 12. Jahrhundert hatte, war wohl, daß man sich um seinen Lateinunterricht drücken konnte. Barbarossa jedenfalls konnte kein Latein. Was hat er nun unterschrieben oder besser unterzeichnet?

    „griezheim cu ecclia eiusde loci“

    Barbarossa konnte auch nicht schreiben. Selbst wenn er es gekonnt hätte, er ließ selbstverständlich schreiben. Wer immer das übernommen hat, hat bei den Buchstaben wohl ein wenig gespart. Wir ergänzen mutig zu:

    „griezheim cu[m] eccl[es]ia eiusde[m] loci“

    Übersetzt unter Berücksichtigung des Genitivs von „eiusdem loci“:

    „Griezheim mit der Kirche desselben Ortes“

    Für „loci“ alleine gäbe es zahlreiche Übersetzungsmöglichkeiten. Statt dem Genitiv kann das auch der Lokativ sein. Der Lokativ gibt den Ort des Geschehens an. Er beantwortet die Frage „Wo?“, in unserem Fall: „Wo steht die Kirche?“. Ich ignoriere gerne die angebrachten Zweifel, ob der Lokativ damals überhaupt benutzt wurde. Heute jedenfalls gibt es ihn wieder. Ausgehend von Jugendlichen mit Spracherfahrungen, die über das Deutsche hinausgehen, haben Sätze wie „Ich geh‘ Kirche.“ Eingang in unsere Alltagssprache gefunden. Davon ermutigt, übersetze ich:

    „Griezheim mit der Kirche am selben Ort“ oder freier:
    „Griezheim mit der dortigen Kirche“

  2. Hallo David,
    Vielen Dank! Das kaiserliche Privileg, sich vor dem Latein drücken zu können kann man heute auch haben… Also zumindest wenn man Französisch lernt. Das wiederrum hilft einem hier allerdings nicht weiter… Deine Übersetzung zeigt, daß es 1165 nicht unbedingt ein Dorf gegeben haben muss, ein Dorf im heutigen Sinn wird Griesheim nämlich meiner Meinung nach erst später… Aber dazu demnächst mehr…
    Gruß dejot

Schreibe einen Kommentar