Ein kleiner Schritt zur Stadtwerdung, ein großer Schritt für Griesheim

Für alle Leser, die nicht aus Griesheim sind, oder die gerne den Artikel ohne Kürzungen lesen möchten: Lesen Sie hier die Ursprungsfassung des Artikels, der heute im Zwiebelmarkt-Kurier erschienen ist.

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Diese Rekonstruktion zeigt des Zustand Griesheims, wie er sich Anfang des 14. Jahrhunderts dargestellt haben mag. Die Dreiecke erlauben einen Vergleich mit dem Luftbild (s.u.) von heute.

Griesheim wurde 1165 zu ersten Mal erwähnt und 1965 zur Stadt. An beide Ereignisse haben wir letztes Jahr in Griesheim mit einer Jubiläumsfeier erinnert. Jetzt, ein Jahr später, kann aber verraten werden: Griesheim ist deutlich älter als 850 Jahre und die Stadtwerdung hat schon vor mehr als 50 Jahren begonnen.

Es liegen archäologische Funde aus der römischen und der fränkischen Epoche vor, die uns zeigen, dass Menschen im heutigen Griesheimer Stadtgebiet schon seit langer Zeit   gelebt haben, wenn auch nicht unbedingt kontinuierlich. Dass die Siedlung, die bestimmt schon lange vor dem Jahr 1000 auch ihren heutigen Namen bekommen hatte, erst 1165 erwähnt wird, darf uns nicht dazu veranlassen, uns vorzustellen, es habe in diesem Jahr so etwas wie eine Grundsteinlegung gegeben.

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Griesheim im Jahr 1165: Verschiedene Höfe liegen verstreut im Bereich des heutigen Ortskernes. Eine Fernstraße von Frankfurt nach Worms durchzieht das Gebiet von Nord nach Süd.

Nein, 1165 gab es schon eine Ansiedlung, wenn auch sicherlich keine Stadt. Die Ersterwähnung in der Urkunde verrät uns leider nichts über die damalige Gestalt des Ortes, wir lesen dort lediglich in wackligem Latein von „griezheim cu ecclia eiusde loci“ (= Griezheim mit der Kirche am selben Ort): Es gab also „Griezheim“ und eine Kirche. Mit „Ort“ ist nur die „Stelle“ gemeint und kein Synonym für „Dorf“. Wesentlich mehr Informationen lassen sich auch aus späteren Urkunden des hohen Mittelalters nicht herauslesen und leider haben wir kaum archäologische Funde aus dieser Zeit.

Aus Analogien mit anderen Orten, die eine besser erforscht sind, dürfen wir uns aber eine verstreute Ansammlung von einzelnen Höfen um einen Fronhof vorstellen, der an der Stelle der heutigen Lutherkirche gelegen haben mag. Der Fronhof bildete wirtschaftlich, herrschaftlich und religiös den Mittelpunkt des Ortes (die Kirche wurde ja in der Urkunde von 1165 erwähnt). Die meist unfreien Einwohner hatten hier an mehreren Tagen der Woche Frondienste abzuleisten, während sie ihre eigenen Höfe nur in der restlichen Zeit bewirtschaften konnten. Keine schönen Zeiten.

Diese Struktur mit den einzelnen Höfen ist aber im heutigen Griesheimer Stadtplan nicht mehr herauszulesen. Lediglich bei der Lage der recht freistehenden Lutherkirche, die wie eine Bastion dem Ort vorgelagert erscheint, kann man dies vielleicht noch erahnen. Falls hier wirklich der wichtigste Hof bestanden hatte, hatte er auch die „beste Lage“ bekommen. Die Griesheimer Gemarkung besteht ja aus zwei Landschaften, auch wenn man dies kaum noch erkennen kann:  Östlich der Linie Pfützenstraße / Oberdorferstraße liegt Sanddünenland, eher unfruchtbar aber trocken genug um hier Häuser gründen zu können. Westlich liegt ziemlich fruchtbares, aber auch ziemlich feuchtes Schwemmland das der Altlauf des Neckars hier geschaffen hat. Die Lutherkirche liegt auf einer vorgelagerten Sanddüne, die wie eine trockene Insel im Schwemmland liegt. Die Vorteile dieser Lage, trocken, aber direkt an den besten Feldern, liegen auf der Hand.

Die anderen Höfe haben aber keine Spuren im Stadtplan hinterlassen. Stattdessen finden wir in ganz Griesheim und auch im Ortskern eine relativ regelmäßige Straßenstruktur. Überhaupt ist der Stadtplan ein bisschen langweilig. Nichts, dass uns Hinweise auf die Geschichte geben kann. Oder doch?

Sie und ich, wir haben nun einmal das Glück, in Griesheim zu wohnen. Und in Griesheim drängen sich die sehr wohl vorhandenen interessanten und schönen Dinge nicht immer gleich auf. Man muss oft ein bisschen danach suchen. Und manchmal findet man etwas, ohne danach gesucht zu haben. Das gilt auch in diesem Fall.

Der Autor dieser Zeilen ist leider überhaupt nicht mit der Gabe gesegnet, sich Namen, Geburtstage oder Telefonnummern zu merken. Im echten Leben führt das leider zu Schwierigkeiten. Leichter kann ich mir jedoch hunderte von Stadtplänen merken. In unseren Zeiten, in denen jeder ein Navigationsgerät in der Hosentasche herumträgt, ist dies aber keine gefragte Fähigkeit mehr. In Bezug auf die Erforschung der Griesheimer Geschichte war sie mir aber dann vielleicht doch ganz nützlich.

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Aus dem heutigen Stadtplan ist die Geschichte nur schwer herauszulesen. Der Durchbruch der heutigen B26 durch die Altstadt, der Zweite Weltkrieg, die Modernisierungen der Nachkriegszeit haben den Ort stark verändert.

Denn irgendwann habe ich mir den Stadtplan angeschaut, nach Spuren gesucht und Abgleiche mit anderen Stadtkarten durchgeführt. Die hochmittelalterlichen landwirtschaftlichen Höfe, wie oben erwähnt, sieht man nicht. Stattdessen ist da im Ortskern eine Art Hauptstraße (die Pfützenstraße) auszumachen, von der in regelmäßigen Abständen Quergassen abzweigen, wie die Rippen vom Rückgrat. Nie jedoch liegen sich die Einmündungen der Gassen genau gegenüber, sie sind immer leicht versetzt. Die Grundstücke in den Gassen sind klein, so klein, dass landwirtschaftliche Höfe hier nie Platz gefunden haben können. An der Pfützenstraße war dies eher möglich, denn hier liegen größere Parzellen. Eine solche Struktur erscheint nicht landwirtschaftlich, sondern städtisch.

Schaut man sich die Stadtpläne der mittelalterlichen Städte Mitteleuropas an, so lassen sich viele Stadtgrundrisse auf ein einfaches Prinzip zurückführen: Hauptstraße mit Querrippen, an beiden Enden der Hauptstraße je ein Tor und eine städtebauliche Dominante wie eine Stadtburg oder eine bedeutende Kirche. Natürlich sorgen Topographie und ältere Strukturen für Abweichungen und Modifikationen. Sie finden dieses Prinzip im großen Maßstab aber z.B. in Lübeck, das im Mittelalter die zweitgrößte deutsche Stadt gewesen ist (die Hauptstraße ist aber in zwei parallele Stränge aufgeteilt und die Querrippen sind untereinander auch vernetzt). Sie finden es in Reinform in ganz kleinem Maßstab aber auch beispielsweise in Reinheim.

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Stadtplan von Reinheim Anfang des 14. Jahrhunderts. Neben dem alten Ort Reinheim mit der Kirche wurde Ende des 13. Jahrhunderts eine planmäßig angelegte Stadt gebaut.

Die Stadt Reinheim wurde von den Grafen von Katzenelnbogen wahrscheinlich Ende des 13. Jahrhunderts neu neben einer alten Siedlung angelegt. Die quadratische Stadtfläche wurde von einer Stadtmauer umgeben. Im Innern führt eine zentrale Längsstraße von Stadttor zu Stadttor, die auch als Marktstraße diente. Jeweils drei Gassen zur linken und zur rechten bilden Querrippen. Entlang der Hauptstraße waren große Höfe angeordnet, die den Vasallen der Katzenelnbogenern gehört haben könnten. Der größte Hof lag im Südwesten. In den Nebengassen fanden Handwerker und Tagelöhner ihren Wohnsitz. Die Kirche lag bemerkenswerterweise außerhalb der Stadtmauer.

Bei meiner Betrachtung des Griesheimer Stadtplanes ist mir nun der Plan von Reinheim in den Sinn gekommen. Spaßeshalber habe ich diesen einmal um ca. 90° gedreht und maßstäblich auf Griesheim projiziert. Und das überraschende ist, dass beide Stadtgrundrisse erstaunlich ähnlich sind. Sowohl das umgebene Quadrat meint man im Griesheimer Kataster erkennen zu können, als auch Hauptstraße und Querrippen. Und an der Stelle des größten Hofes findet sich der Baublock wieder, in dem auch in Griesheim ein herrschaftlicher Hof vermutet wird. Wie in Reinheim liegt auch in Griesheim die Kirche außerhalb.

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In einen Stadtplan von Griesheim mit dem Zustand der Altstadt vor dem Zweiten Weltkrieg wurde in rot der Stadtplan von Reinheim (um 90° gedreht aber im gleichen Maßstab) eingeblendet.

Könnte der Plan Griesheims eine „Kopie“ von Reinheim sein oder umgekehrt? Sehen wir im Griesheimer Stadtgrundriss die einzigen erhaltenen Spuren einer vielleicht gescheiterten Stadtgründung?

Die Sache mit der Kopie wäre natürlich eine Sensation (und mit Sensationen muss man vorsichtig sein). Wir hätten einen starken Hinweis darauf, dass mittelalterliche Stadtpläne vor dem Bau gezeichnet wurden sodass man diesen Plan mehrfach hätte umsetzen können, wie das heute mit Reihenhäusern gemacht wird.

Die Sache mit der Stadtgründung aber erscheint dann doch nicht so unwahrscheinlich. Die Katzenelnbogener wurden nämlich im 13. Jahrhundert auch Ortsherren von Griesheim. Das Grafengeschlecht legte in seinem Herrschaftsgebiet überall Städte an, teilweise auch auf Vorrat: Aus Ober-Ramstadt berichtet eine Urkunde, dass der Bau der Stadtanlage bereits begonnen hatte, bevor der Ort 1310 Stadtrechte erhielt. Der Bau der Stadt wurde jedoch nie fertiggestellt. Ähnliches gilt auch für Groß-Bieberau und nach einer Theorie von Thomas Steinmetz auch für Groß-Zimmern, das unvollendet blieb und auch niemals Stadtrechte erlangte.

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Etwa um das Jahr 1300 hat sich das Ortsbild stark verändert. Von einer leichten Ortsbefestigung geschützt hat sich ein eng bebautes Dorf entwickelt, das eine stadtähnliche Grundrissstruktur aufwies. Die Kirche bleibt zunächst außen vor. Die wichtigste Straße führt nun von der Bergstraße nach Mainz. Die Pest in der Mitte des 14. Jahrhunderts und die Gründung Darmstadts 1330 stoppen die Entwicklung zunächst.

Die Katzenelnbogener legten Städte an, um Verkehrswege zu sichern und Zölle erwirtschaften zu können, so etwa Zwingenberg. Griesheim liegt recht einsam an der mittelalterlichen Handelsstraße von der Bergstraße nach Mainz, hier könnte sich  also ein Stützpunkt angeboten haben.

Die Grafen legten Städte aber auch an, um Gebiete zu sichern. Ziemlich zeitgleich, als Griesheim katzenelnbogisch wurde, wurde Wolfskehlen mainzisch. Die Mainzer Erzbischöfe waren in weltlichen Dingen wichtige Gegner der Katzenelnbogener. Griesheim war also „Grenzort“ und war damit strategisch interessant.

Der Name „Pfützenstraße“, könnte uns einen weiteren Hinweis auf diesen leicht befestigten Ortskern geben: „bizune“ = umzäunt.

Man muss darüber hinaus davon ausgehen, dass der Prozess, der in Griesheim stattgefunden haben mag, in sehr vielen Orten zum Tragen kam. Überall hatte das unwirtschaftliche (und nebenbei ziemlich unmenschliche) System der Fronhöfe ausgedient. Die großen Städte verlangten nach immer mehr Lebensmitteln und warben mit dem Slogan „Stadtluft macht frei“ nebenbei immer mehr Siedler vom Land ab. Hier mussten also Reformen her, die sich in einer starken gesellschaftlichen Änderung ausprägten: An Stelle des Frondienstes traten Steuerzahlungen. Die Bauern hatten nun mehr Zeit und einen höheren Anreiz, ihre eigenen Höfe gewinnbringend zu bewirtschaften. Die Ortsherren dagegen stellten ihre landwirtschaftlichen Tätigkeiten weitestgehend ein, sie versuchten den gesellschaftlichen Rang des Niederadels zu erlangen und dokumentierten dies mit dem Bau von Burgen, vielleicht auch in Griesheim. Die Entwicklung ging aber noch weiter:

Um die Landschaft so intensiv wie möglich nutzen zu können, war eine weit über den Ort ausgreifende Planung nötig – man denke hier an die Wassermühlen, die Eingriffe in die Wasserläufe über viele Kilometer nötig machten. Die Menschen begannen, sich auf verschiedene Berufe zu spezialisieren, neben Bauernhöfen wurden auch andere Hausformen nötig. Um die neu aufgekommene Dreifelderwirtschaft umsetzen zu können, mussten gemeinsame Organisationsformen gefunden werden – die Vorläufer unserer heutigen politischen Gemeinden entstanden so.

Dieser Prozess drückte sich auch in veränderten Siedlungsstrukturen aus. Oftmals konnten die alten Strukturen nicht sinnvoll verändert werden und eine Neuanlage des Ortes war dann sinnvoll, wie dies in Griesheim auch stattgefunden haben mag.

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Zu Beginn des 30jährigen Krieges 1618 ist Griesheim deutlich gewachsen. Im 16. Jahrhundert wurde die Dorfbefestigung nach außen verschoben und die Kirche einbezogen. Die wichtigsten Dorftore lagen am Kreuz und am Südende der Pfützenstraße. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde das Oberndorf als weitere Verdopplung der Grundfläche angelegt. Das Renaissancerathaus wurde genau auf der Grenze zwischen beiden Ortsteilen errichtet.

Oftmals verstehen wir heute „Dorf“ und „Stadt“ als Gegensatz. Dies ist historisch nicht ganz richtig. Die meisten Dörfer und Städte sind erst im 11. bis 13. Jahrhundert entstanden. Oft tragen sie zwar den Namen von älteren Siedlungen und liegen in direkter Nähe dazu. Tatsächlich handelt es sich aber bei beiden Ortsformen um Neugründungen oder zumindest um Umorganisationen. Das Dorf ist dabei so etwas wie die kleinere Ausführung der Stadt: Beide haben einen größtenteils geplanten Grundriss, beide sind befestigt, die Stadt mit einer Mauer, das Dorf meist nur mit einem Etter, der aus einem Graben und Palisaden oder dichtem Buschwerk bestehen konnte. Beide weisen eine heterogene Bevölkerungsstruktur mit verschiedenen Berufen auf und beide besitzen eine Selbstverwaltung von unterschiedlichster Ausprägung.

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Das heutige Griesheim aus der gleichen Blickrichtung wie die Rekonstruktion ganz oben.

In diesem Sinne kann die Stadtwerdung Griesheims also schon im Mittelalter begonnen haben. Deren Vollendung erleben wir übrigens gerade jetzt. Griesheim wird baulich immer städtischer. Das Überschreiten der 30.000-Einwohner-Grenze wird sich im Stadtbild bemerkbar machen und bemerkbar machen müssen. Griesheim wird dann größer als Schwetzingen, Bregenz, Meißen oder Schleswig sein. Der Prozess ist nicht zu stoppen und muss von uns gerecht und zukunftsfähig gestaltet werden.

Nur wer weiß, wo er herkommt, kann wissen, wo er hinwill. Es ist daher wichtig, die wenigen erhaltenen baulichen und strukturellen Zeitzeugen Griesheims (wie eben den Stadtgrundriss der Altstadt) zu erhalten und sinnvoll in die Zukunft zu führen.

Wenn Sie mehr über Griesheim im Mittelalter oder zu einer anderen Zeit wissen wollen, dann seien Ihnen zunächst die Bücher von Karl Knapp empfohlen, die Sie beim Griesheimer Anzeiger erwerben können. Und stöbern Sie auf meiner Internetseite www.stadtlandsand.de, die sich mit der Geschichte und Architektur in Griesheim beschäftigt. Am besten wäre es aber, Sie schauen im Griesheimer Museum vorbei und arbeiten mit uns an der Erforschung von Griesheim.


Der rot eingefärbte Teil wurde leider im Zeitungsartikel nicht abgedruckt. Dabei war dieser mir ziemlich wichtig. Dort drücke ich aus, warum ich überhaupt schreibe.

Einige andere Änderungen in der Zeitung, die ich OK finde, sind hier nicht hervorgehoben. Die Bildunterschriften sind leider so auch nicht in der Zeitung zu sehen gewesen.


Dieser Artikel ist Teil einer Reihe von Artikeln über die mögliche gescheiterte mittelalterliche Stadtgründung von Griesheim, die möglichen Gründer (Grafen von Katzenelnbogen) und die Frage, wie diese die Macht in Griesheim übernommen haben. Zu der Artikelreihe gehören:

3 Gedanken zu „Ein kleiner Schritt zur Stadtwerdung, ein großer Schritt für Griesheim“

  1. Hallo Herr Daniel Jünger, mein ist Klaus Basel meine Mutter hatte bis 2007 ein Fotogeschäft in Griesheim und ich habe die ganzen Negative von ihr übernommen. Einen Teil davon was Griesheim betrifft habe ich schon im Museum abgegeben, dabei war auch ein Bild (Repro) von einer Zeichnung einer Karte von Griesheim aus dem Jahre 1823 von Christian Bechtold. Bei Interesse können sie sich bei mir melden.

    1. Hallo Herr Basel,
      bitte entschuldigen Sie, Ihr Kommentar ist leider nicht automatisch freigeschaltet worden.
      Danke für den Hinweis, an der Jarte wäre ich sehr interessiert.
      Grüße, dejot

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